Einer der mächtigsten Politiker Frankreichs klagt Ihre Zeitung wegen Verletzung seiner Privatspähre ein. Wie kommt es, dass sich das grosse Frankreich plötzlich für die Westschweiz interessiert?
Wir waren die Ersten, welche die Namen und alle Details der Ehekrise von Sarkozy publik machten. Vor allen anderen haben wir den Namen des Liebhabers von Frau Sarkozy veröffentlicht. Das ist Sarkozy, einem Mann mit besten Verbindungen zur Schweiz und zu Genf, nicht verborgen geblieben. Es wurde in der Folge die Theorie entworfen, dass wir von seinem politischen Widersacher de Villepin mit Informationen versorgt wurden. Auch wurde gesagt, dass der Geheimdienst Frau Sarkozy überwacht hat und seine Affären dann Le Matin gesteckt hat. Doch das sind lauter Unwahrheiten. Wir publizierten lediglich, was in Paris allen schon bekannt war.
Wurden Sie überrascht von der Klage?
Erst nach der zweiten von insgesamt vier Titelgeschichten wurde uns bewusst, dass wir die einzige französischsprachige Zeitung sind, welche die Ehekrise Sarkozys im Detail ausbreitet. Auslöser war, dass diverse Zeitungen von uns wissen wollten, woher wir unsere Informationen haben.
Woher hatten Sie denn die Informationen?
Von unserem Pariser Korrespondenten. Für ihn war es ein Leichtes, die Hintergründe und Namen der Affäre ausfindig zu machen. Bei einer Affäre von so grossem Ausmass ist Paris ein Dorf. Da braucht es keinen Geheimdienst.
In Frankreich wird zurückhaltend über das Privatleben von prominenten Politikern berichtet. Hat es Ihnen an Fingerspitzengefühl gemangelt?
Wir kennen Frankreich sehr gut und wissen, dass dort der Schutz der Privatsphäre von den Gerichten viel stärker gewichtet wird als hierzulande. Dennoch: Auch ein französisches Gericht wird uns recht geben müssen. Denn Sarkozy selbst hat seine Beziehung als Modell für Politikerehen propagiert. Er trat immer mit seiner Frau auf, die sogar schon Inspektionen der Feuerwehr und Polizei an seiner Stelle abgenommen hat. Wer so auftritt, kann nicht einfach den Hahn zudrehen, wenn es schief geht.
Ärgert Sie die Klage Sarkozys -- oder verspüren Sie auch ein wenig Stolz, dass das Politschwergewicht offenbar Ihre Zeitung liest?
Ich ärgere mich nicht, denn wir befinden uns mitten in einer äusserst spannenden Debatte. Auf der Redaktion haben wir uns lange gefragt, ob Sarkozy tatsächlich gegen uns klagen wird. Wir gingen jedoch nicht davon aus, weil Le Matin in Frankreich einfach zu unbekannt ist. In diesem Punkt jedoch haben wir uns getäuscht. Es ist eine Tatsache, dass die intensive Berichterstattung von Le Matin die französische Presse dazu verleitet hat, sich eingehender mit der Ehekrise von Sarkozy zu beschäftigen. Die Affäre ist wohl match-entscheidend für die kommenden Wahlen in Frankreich. Die Frauenzeitschrift Elle fragt sich schon, ob Sarkozy einen Wahlkampf überhaupt durchstehen kann, wenn seine Frau nicht zu Hause auf ihn wartet. Und kann ein geschiedener Mann überhaupt die Wahlen gewinnen? Sie sehen, die Ehekrise Sarkozy beschäftigt Frankreich und ist eine der wichtigen Fragen im Rennen um die Wahlen in Frankreich.
Seit dem Caroline-Urteil werden Prominente in ihrer Privatsphäre besser geschützt. Könnte sich dies für Ihre Position nicht nachteilig auswirken?
Wir haben den Eindruck, dass sich der Caroline-Entscheid nicht zu unseren Ungunsten auswirkt. Vielmehr sagt er doch, dass der Privataspekt eines Prominenten lediglich dann thematisiert werden darf, wenn er in Zusammenhang mit einer öffentlichen Funktion steht. Beim Poliker Sarkozy ist genau dies der Fall: Er selbst hat seine Ehefrau zu seiner wichtigsten Mitarbeiterin in seinem Ministerium und innerhalb seiner Partei gemacht.
Sie haben im Editorial zum Fall Sarkozy von Zensur gesprochen. Das müssen Sie uns erklären.
Die Monarchen exponierten sich früher, wann es Ihnen gerade passte. Wenn nicht, sagten Sie: Jetzt darf nur noch unter Strafe geschrieben werden. Genau das ist Zensur. Im Fall Sarkozy gibt es noch einen weiteren Aspekt: In Frankreich ist der Vorwurf zu hören, dass wir Schweizer nach der Geldwäscherei auch Nachrichtenwäscherei betreiben. Weil gewisse Meldungen aufgrund der gesetzlichen Grundlage nicht publiziert werden können, gelangen die Informationen ins Ausland. Wir publizieren sie. Danach können die französischen Medien uns als Quelle angeben, wenn Sie darüber berichten. Und am Schluss heisst es dann noch, wir wurden für die Publikation der Meldungen bezahlt. Das ist natürlich alles Unsinn.
Werden Sie dem Fall Sarkozy weitere Titelgeschichten widmen?
Ja, denn wir verfolgen die Affäre Sarkozy nach journalistischen Kriterien und unabhängig von der Klage.

