18.04.2023

Gruppetto

«Das Heft soll ein Genussprodukt werden»

Im Juni erscheint mit Gruppetto ein neues Radsport-Magazin. Letzte Woche ist ein Crowdfunding angelaufen, um die erste Ausgabe in einer Grossauflage zu verteilen. Rund 35'000 Exemplare sind das Ziel. Mitgründer Pascal Ritter über Berge, Baustellen und Briefmarken.
Gruppetto: «Das Heft soll ein Genussprodukt werden»
«Einige Texte sind schon geschrieben, redigiert und gelayoutet», so Pascal Ritter, Mitgründer des neuen Velomagazins Gruppetto. (Bilder: zVg, Adrian Bretscher)
von Christian Beck

Herr Ritter, Sie fahren neben Ihrem Job als Journalist einmal pro Woche als Velokurier durch Zürich. Was haben Sie zuletzt ausgeliefert?
Einen Bauplan von der Druckerei zum Architekturbüro. Um gleich mit einem Mythos aufzuräumen: Velokuriere liefern kaum je Pizza. Zu den besten Kunden zählen Druckereien, medizinische Labore und Werbeagenturen.

Und während des Velofahrens kam Ihnen die Idee zu einem neuen Radsport-Magazin?
Kommt man einmal aus dem Stadtverkehr raus, hat man beim Velofahren tatsächlich viel Zeit zum Nachdenken. Gut möglich, dass sich die Idee auf einer Ausfahrt entwickelte. Konkretisiert hat sie sich aber erst im Gespräch mit Tim Brühlmann und Corsin Zander.

Sie drei stehen hinter dem Gruppetto-Magazin. Woher kennen Sie sich?
Es stehen mittlerweile sogar noch sehr viel mehr Menschen dahinter, aber wir sind gewissermassen das Kernteam. Mit Corsin Zander arbeitete ich bei der Zürcher Studierendenzeitung zusammen. Aus dieser Zeit kommt wohl auch die Freude daran, ein Heft von A bis Z zu gestalten und herauszugeben. Tim Brühlmann kenne ich vom Blick, wo wir zusammen unter anderem die damals noch existierende iPad-Ausgabe gestalteten. Eine Reise zum legendären Berg Mortirolo während eines Giro d'Italia schweisste uns drei zusammen.

Das Magazin heisst Gruppetto. Gruppetto bezeichnet eigentlich die Gruppe der abgehängten Radprofis bei Bergetappen. Sie wollen also kein Magazin für Siegertypen werden?
Im Gruppetto tun sich oft die Helferinnen und Helfer eigentlich konkurrenzierender Teams zusammen, nachdem sie sich für andere verausgabt haben. Solidarität statt Konkurrenz steht im Vordergrund. Auch bei uns soll die Gemeinschaft im Vordergrund stehen und nicht der Wille zum Sieg um jeden Preis. Zudem darf nicht vergessen werden: Siegertypen wie Peter Sagan fahren auch mal im Gruppetto den Berg hoch, wenn es gerade keine Sprintpunkte zu gewinnen gibt.

Und was heisst das in Bezug auf die Zielgruppe?
Wir wollen Leute erreichen, die das Velo als Teil ihres Lifestyles sehen. Eine Leserschaft, die sich insbesondere für die Bereiche Rennrad, Gravel, Bahn und Radquer interessiert oder als Velokurierin, Fixie-Fahrer oder Bike-Packerin die Velokultur lebt. Da soll vom Siegertypen bis zum Couch-Potato, der sich den Sport vor allem im Fernsehen ansieht, alles dabei sein.

Warum braucht es das Gruppetto-Magazin?
Brauchen tut es das Heft nicht unbedingt, es soll ja ein Genussprodukt werden. Die Rückmeldungen auf unsere Kampagne zeigen uns aber, dass viele es wollen. Im deutschsprachigen Raum greift noch kein Magazin das Lebensgefühl von Gümmelerinnen und Velofans auf die Art auf, wie wir das machen wollen.

Fussballfans haben das Magazin «Zwölf». Soll das Gruppetto-Magazin ein Pendant werden für «Gümmeler»?
Tatsächlich hat uns unter anderem das «Zwölf» inspiriert. Wir wollen ebenfalls Geschichten erzählen, Nebengeräusche aufnehmen und die Nostalgie der Sportinteressierten bedienen. Natürlich werden wir die Kollegen aber nicht plump nachmachen, sondern einen eigenen Stil entwickeln.

«Sobald das Heft da ist, startet der Vorverkauf»

Sie erwähnten die Kampagne. Letzte Woche ist ein Crowdfunding angelaufen, dieses dauert noch bis zum 11. Mai. Für was brauchen Sie das Geld konkret?
Mit dem Crowdfunding finanzieren wir einen Teil der Ausgaben für das erste Heft. Wir wollen es in einer möglichst grossen Auflage breit streuen, es quasi als Visitenkarte verteilen mit dem Aufruf, ein Abonnement fürs Jahr 2024 zu lösen. Sobald das Heft da ist, startet der Vorverkauf. Kommen genügend Abos zusammen, erscheint das Heft ab 2024 viermal pro Jahr. 

Was passiert, wenn das Crowdfunding das gesetzte Ziel nicht erreicht?
Es gibt keine Schwelle, unter der wir aufgeben. Je mehr Einnahmen wir haben, desto mehr Hefte können wir drucken und desto mehr Werbung für Abos können wir machen. Darum haben wir uns dazu entschieden, nicht auf eine herkömmliche Crowdfunding-Plattform zu setzen, sondern haben mit den Kolleginnen und Kollegen von We.Publish eine eigene Lösung programmiert. Im Moment läuft es sehr gut und wir rechnen damit, dass wir auf unserer Spendengrafik mindestens den mit 50'000 Franken dotierten Umbrailpass erreichen. Die Hälfte dieser Strecke haben wir nach einer Woche bereits erreicht.

Wie soll das Magazin längerfristig finanziert werden?
Über Abonnemente und Inserate. Der Inserateschluss für das erste Heft ist übrigens noch nicht gewesen.

Medienprojekte werden immer häufiger auch durch Stiftungen unterstützt. Haben Sie bereits entsprechende Gespräche gesucht?
Bisher nicht. Wir sind aber offen dafür. Allerdings zeigen die Erfahrungen der Kollegen von «Zwölf», dass es schwierig ist: Stiftungen, die den Sport unterstützen, möchten keine journalistischen Produkte unterstützen, und solche, die Geld für Journalismus sprechen, tun das selten für Sportjournalismus.

Wie gross wird Ihr voraussichtliches Arbeitspensum für das Magazin sein?
Im Moment arbeite ich in meiner Freizeit und in den Ferien daran. Das Schöne am Gruppetto ist, dass sich dem Kernteam Dutzende Medienschaffende, Gestalterinnen, Fotografen und Programmierer angeschlossen haben. Die Arbeit wird also auf viele Schultern verteilt. 

Und wer wird das Magazin produzieren? Planen Sie, Mitarbeitende anzustellen?
Wir produzieren das Heft zusammen mit einigen freiwilligen Helferinnen und Helfern. In absehbarer Zeit werden wir wohl vor allem auf freie Arbeitskräfte setzen.

Möchten Sie künftig vom Gruppetto-Magazin leben können?
Das steht nicht im Vordergrund. Ich mag meinen Job als Nachrichtenreporter und Online-Blattmacher. Unabhängig davon wollen wir aber aus dem Gruppetto ein Projekt machen, das den Aufwand dafür angemessen entschädigen kann. 

Das Radsport-Magazin soll «hochwertig» werden, heisst es auf der Website. Was heisst das für Sie? Schöne Fotos auf glänzendem Papier?
Das heisst, dass wir viel Liebe und Ressourcen nicht nur in Texte und Bilder stecken, sondern auch in eine aufwendige Gestaltung und das Ganze auf hochwertigem Papier drucken. Glänzen wird es allerdings voraussichtlich nicht.

Viermal jährlich soll das Magazin erscheinen. Die erste Ausgabe ist zur Tour de Suisse im Juni geplant. Sind die Texte schon geschrieben?
Einige Texte sind schon geschrieben, redigiert und gelayoutet, aber natürlich gibt es auch noch ein paar Baustellen.

Und die Website: Wird diese dann ebenfalls mit aktuellem Content befüllt – oder wollen Sie in erster Linie das gedruckte Magazin verkaufen?
Die Website wird vor allem die Geschichten aus dem Heft enthalten. Aktuelle Inhalte werden wir aber per Newsletter und in den sozialen Medien verbreiten.

«Ich halte es zudem für einen Mythos, dass sich ein gedrucktes Medium nicht mehr finanzieren lässt»

Braucht es viel Idealismus, um an ein gedrucktes Produkt zu glauben?
Mit Webseite, Instagram und Newsletter sind wir kein reines Printprodukt. Nachrichten werden tatsächlich vermehrt auf dem Smartphone gelesen, ein Magazin mit längeren Texten und starken Bildern haben viele Leserinnen und Leser aber immer noch gerne in der Hand. Ich halte es zudem für einen Mythos, dass sich ein gedrucktes Medium nicht mehr finanzieren lässt. Das «persönlich» hat ja auch eine Printausgabe. Man kann vielleicht nicht mehr wie früher unanständig viel Geld verdienen mit einem Heft, aber wir glauben daran, künftig anständige Löhne bezahlen zu können. 

Auf welchen Artikel im ersten Heft freuen Sie sich besonders?
Auf das Porträt über Marlen Reusser, die zurzeit spannendste Velofahrerin der Schweiz. Geschrieben hat es Christof Gertsch. Flavio Leone hat sie für uns im Dusk Studio in Bern fotografiert. 

Und wohin geht Ihre nächste Kurierfahrt?
Ich bringe einem Briefmarken-Auktionshaus die Post. Kein anderer Kunde bekommt Briefe mit so vielen schönen Briefmarken.



Pascal Ritter (37) ist Reporter und Online-Blattmacher bei den CH-Media-Zeitungen. Corsin Zander (34) arbeitet in leitender Funktion beim Tages-Anzeiger. Tim Brühlmann (36) ist freischaffender Art Director mit langjähriger Erfahrung im Magazin-Design.



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