09.06.2020

CH Media

«Das neue System funktioniert ganz nach Plan»

Sechs Radiosender von CH Media führen mit «Newscloud» ein gemeinsames Produktionssystem ein. Eingesprochen werden die Nachrichten zentral in Zürich. Wird von Solothurn bis St. Gallen alles gleichgeschaltet? Nein, verspricht Nicola Bomio, Leiter Programm Radio.
CH Media: «Das neue System funktioniert ganz nach Plan»
«Wir halten an der Positionierung unserer Sender als starke, erfolgreiche Regionalsender konsequent fest», so Nicola Bomio, Leiter Programm Radio bei CH Media. Im Hintergrund: Das Studio von Radio FM1 in St. Gallen. (Bilder: CH Media)
von Christian Beck

Herr Bomio, klingen die CH-Media-Radiosender bald alle gleich?
Definitiv nicht. Für unsere regionalen Radiosender gilt: Jede Region hat ihre Eigenheiten. Deshalb programmieren wir nicht einfach ein Musikprogramm für alle Sender, lassen nicht dieselben Moderatoren bei allen Sendern die Hörer durch den Tag begleiten – und wir werden auch mit «Newscloud» nicht die gleichen Nachrichtenbulletins zur vollen Stunde senden. Gerade weil uns das neue Nachrichtenproduktionssystem dabei weiter unterstützt, haben wir uns dafür entschieden.

Das Produktionssystem «Newscloud» wird nun schrittweise eingeführt (persoenlich.com berichtete). Wenn ich fortan News auf einem der Sender höre, steht da zur vollen Stunde also gar kein Redaktor mehr im Studio?
Das ist korrekt. Wir senden unsere Nachrichten künftig «near-live»: «Newscloud» ermöglicht uns dabei, bis ganz kurz vor der vollen Stunde eine neue Meldung in das Nachrichtenbulletin aufzunehmen.

Es heisst, die frei gewordenen Kapazitäten sollen in der regionalen Berichterstattung eingesetzt werden. Warum ist Ihnen das wichtig?
Die Regionalität, die Nähe zu den Hörerinnen und Hörern, war schon immer fest in unserer DNA und wird es auch in Zukunft sein.

«Künftig werden wir eher mehr als weniger Personal benötigen»

Hand aufs Herz: Geht es längerfristig nicht darum, Personal abzubauen?
Nein. Vielmehr das Gegenteil wird wohl der Fall sein: Künftig werden wir eher mehr als weniger Personal benötigen, wenn wir für zusätzliche Sender Nachrichten produzieren.

Der Plan: Auch Radiosender ausserhalb von CH Media sollen mit News beliefert werden. Gibt es schon Anfragen?
Bisher noch nicht. Wir sind aber überzeugt, auch weiteren Sendern einen tollen Service bieten zu können. Gerade in puncto Regionalität überwiegen die Vorteile beispielsweise für diejenigen Privatsender, welche bisher die Nachrichten von SRF übernahmen, ohne regionalen Bezug zum entsprechenden Sendegebiet.

In der Mitteilung schreiben Sie von sechs Radiosendern, die «Newscloud» einführen. Mir fällt auf: Radio Pilatus und Virgin Radio Hits fehlen in der Aufzählung. Warum?
Bei Radio Pilatus arbeiten wir seit der Lancierung unseres regionalen Nachrichtenportals PilatusToday vor zwei Monaten in einem trimedialen, konvergenten Newsroom und verzichten deswegen an diesem Standort aktuell auf die Integration der «Newscloud». Bei Virgin Radio liegt der Grund bei der jungen Zielgruppe der 15- bis 25-Jährigen. In dieser Zielgruppe ist der Newsbedarf wohl vorhanden, jedoch in einer anderen Form und Tonalität, als wir es mit dem Projekt umsetzen werden.

Beleuchten wir die «Newscloud» etwas genauer: Jede Nachricht wird einzeln eingesprochen und als Paket individuell ausgeliefert. Können Sie mir mal ein Beispiel nennen, damit ich mir das vorstellen kann?
Nehmen wir an, es ist kurz nach 9 Uhr morgens und wir bereiten die Nachrichten von Radio Argovia in Aarau für 10 Uhr vor. Bisher entschied die diensthabende Nachrichtenredaktorin anhand ihrer verschiedenen Quellen, welche News in das nächste Nachrichtenbulletin gelangen sollen und schrieb die entsprechenden Nachrichtenmeldungen. Neu verantworten zwei Personen die Nachrichten von Radio Argovia. So hat eine Person die regionalen Ereignisse im Sendegebiet im Fokus, schreibt und erfasst die wichtigen Meldungen in der «Newscloud», während die andere Person vom zentralen CH-Media-Radio-Newsteam an den nationalen und internationalen News arbeitet und laufend alle Meldungen – unabhängig an welchem Standort geschrieben – einspricht. Gegen 10 Uhr wird aus allen möglichen Meldungen das passende Bulletin für Radio Argovia zusammengestellt und automatisch fertig produziert, inklusive allen Signeten.

Also, eine Stimme spricht alle News für alle Sender ein. Was passiert bei einem Schichtwechsel? Gibt es dann einen Stimmenmix oder muss alles neu aufgezeichnet werden?
Nein, es kommt nie zu einem Stimmenmix. Bei Schichtwechsel wird – sollten Meldungen nochmals verwendet werden – neu aufgezeichnet.

Einzelne Sender – wie FM1 in der Ostschweiz – senden die nationalen Bulletins bislang in Dialekt, andere – wie Radio 24 – auf Hochdeutsch. Wie wird das mit der «Newscloud»?
Gesprochen wird auf Hochdeutsch, mit Ausnahme der Sportmeldungen, welche durch ein akustisches Signet abgetrennt werden.

Die Hörer werden sich also teilweise umgewöhnen müssen …
Bereits vor «Newscloud» wurden die Nachrichten bei zahlreichen Sendern auf Hochdeutsch gesprochen. Aus Hörerbefragungen wissen wir zudem, dass bei den Schweizer Radiokonsumenten das Bedürfnis nach News in Hochdeutsch definitiv vorhanden ist.

«‹Newscloud› ermöglicht uns, unsere Nachrichtenleistung klar auszubauen»

Laut Mitteilung arbeitet FM1 ab Juli «in den Abendstunden» mit dem neuen System. Das heisst, tagsüber Dialekt, am Abend Hochdeutsch? Das klingt für mich inkonsequent …
«Newscloud» ermöglicht uns, unsere Nachrichtenleistung bei Radio FM1 – wie im Übrigen auch bei Virgin Radio Rock, Radio Melody und Radio 32 – klar auszubauen. Mit Ausnahme von Mitternacht bis 5 Uhr morgens, können wir somit denselben Nachrichtenumfang bieten wie die SRF-Stationen. Zudem wird bei Radio FM1 in den Abendstunden durch das Nachrichtensignet hörbar sein, dass diese Nachrichtenbulletins vom zentralen Newsteam stammen.

Bei Radio Melody haben Sie vor einigen Tagen bereits umgestellt – von Dialekt auf Hochdeutsch. Gab es bereits Reaktionen?
Bisher nur positive. Insbesondere die Qualität der Nachrichtensprecher wurde gelobt.

Schon länger, seit Mitte Mai, arbeiten die Radios 24 und Argovia mit «Newscloud». Gab es Kinderkrankheiten?
Wie bei jeder technischen Neuerung konnten wir nach den ersten Ausstrahlungen noch den einen oder anderen Punkt feinjustieren. Unsere Einführungsbilanz ist aber äusserst positiv.

Und was werden Sie noch nachjustieren?
Unser stetiger Anspruch ist es, unsere Radioprogramme und ebenfalls unsere Nachrichten laufend zu verbessern. Technisch funktioniert das neue System jedoch ganz nach Plan.

Die Nachrichten aus der Wolke werden also von einem zentralen Newsteam produziert. Dieses dürfte künftig am neuen Standort in Zürich-Oerlikon sein. Und bis dann?
Das zentrale Newsteam wird ab 2021 an unserem neuen Standort «Leonardo» arbeiten. Bis dann arbeitet CH Media Radio News am aktuellen Zürcher Radiostandort an der Limmatstrasse.

Bei der «Newscloud» geht es um die zentrale Produktion von Nachrichten. Werden die CH-Media-Sender künftig auch anderweitig zentral bedient?
Konkrete Initiativen gibt es derzeit nicht. Wir halten an der Positionierung unserer Sender als starke, erfolgreiche Regionalsender konsequent fest. Entsprechend beschränken wir uns bei solchen Überlegungen ausschliesslich auf Bereiche, welche unsere DNA nicht gefährden.

«Radionachrichten sind aktuell wieder wichtiger als in der Vergangenheit»

Die CH-Media-Sender sind die ersten in der Schweiz, die mit «Newscloud» arbeiten. Warum ist gerade dieses System das richtige?
«Newscloud» ermöglicht uns drei Dinge. Erstens: Die Aufrechterhaltung unserer regionalen Positionierung und nach wie vor für jeden Sender spezifische Bulletins mit vielen regionalen Meldungen zu produzieren und damit weiterhin regionalen Service-public zu bieten. Zweitens: Die Nutzung von Synergien als Radiogruppe. Es macht als Gruppe einfach keinen Sinn, wenn beispielsweise die Meldung zum Australian-Open-Sieg von Roger Federer fünf Mal geschrieben und eingesprochen wird. Und drittens: Ein deutlicher Ausbau des Umfangs unserer Nachrichtenleistung bei vielen unserer Sender.

Erhoffen Sie sich einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz im Radiomarkt?
Die Möglichkeit, wochentags von 5 bis 23 Uhr stündlich Nachrichten zu senden, ist aus unserer Sicht ein klarer Vorteil. Wir wissen aus unserer Hörerforschung, dass den Hörerinnen und Hörern Radionachrichten aktuell – und dies bereits vor der Coronakrise – wieder wichtiger sind als in der Vergangenheit. Dieser Trend zeigt sich auch in entsprechenden Analysen unserer Hörerzahlen.



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