02.09.2009

Ulrich Tilgner

"Das Schweizer Fernsehen hat mehr Distanz als das deutsche"

Der bekannte Reporter im Interview.
Ulrich Tilgner: "Das Schweizer Fernsehen hat mehr
Distanz als das deutsche"

Ulrich Tilgner gehört zu den bekanntesten Reportern im deutschsprachigen Raum. Seine Berichte während des Irak-Krieges vor sechs Jahren machten ihn zur lebenden Legende, aber auch jetzt – während den Iran-Unruhen – steht er im Dauereinsatz. Am 10. September referiert Tilgner an der Security Conference in Zürich. Gegenüber "persönlich" äussert er sich über die Veränderung der Medienszene und die PR-Aktivitäten der Regierungen. Das Interview:

Herr Tilgner, wie erleben Sie als Auslandkorrespondent die medialen Veränderungen?

Mit grossem Staunen: Ein stabiler Trend bei den Veränderungen lässt sich nicht feststellen. Bei den heutigen technologischen Möglichkeiten lassen sich ganz unterschiedliche Tendenzen ausmachen. Neben den unterschiedlichen Arten der Live-Berichterstattung, die den Redaktoren und Planern neue Möglichkeiten bieten, ist es vor allem die Vielfältigkeit der Übermittlung, die den Wandel der Medien bewirkt. Vor 30 Jahren habe ich noch einen grossen Teil des Tages mit Telefonieren und Gesprächen verbracht, um Informationen zu sammeln. Die Teilnahme am Ereignis stand im Vordergrund. Heute macht es oft keinen Sinn mehr, zum Ort des Geschehens zu fahren. Wenn man ankommt, liegen die Infos in den Redaktionen bereits vor.

Ist der Druck auf Sie grösser geworden?

Einerseits natürlich: Es gibt kaum noch Pausen, wenn ich über einen Konflikt berichte. Denn im Zeitalter der Schwerpunktberichterstattung dominieren einzelne Ereignisse das Nachrichtengeschehen wesentlich stärker als früher. So wächst der Bedarf in den Redaktionen enorm. So plötzlich, wie die sich die Nachfrage aufbaut, kann sie aber auch wieder zusammenbrechen. Nur mit einer permanenten Stand-by-Haltung kann eine Korrespondentin oder ein Korrespondent den Anforderungen gerecht werden. Gefährlich wird es, wenn man dem Druck der Aktualität erliegt und vor lauter Neuigkeiten die eigentlichen Strukturen des Konfliktes aus den Augen verliert.

Sie sind im vergangenen Jahr unter Protest vom ZDF weggegangen, weil Sie sich in Deutschland zunehmend in Ihrer Arbeit eingeschränkt fühlten.

Kern meiner Unzufriedenheit war die fehlende Distanz in den deutschen Medien gegenüber dem Druck der Politik der Bundesregierung auf die Afghanistan-Berichterstattung. Wenn deutsche Soldaten als Aufbauhelfer dargestellt werden sollen und viele Kolleginnen und Kollegen sich den PR-Bemühungen zum Beispiel des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin nicht widersetzen können, wird es besonders schwierig, über Afghanistan ausgewogen zu berichten. Afghanistan gehörte zu meinem Berichtsgebiet. Dennoch haben oft andere Kollegen, die dann in meinen Augen auch zu oft mit Militäreinheiten unterwegs waren, über das Land am Hindukusch berichtet. Bis heute bereue ich meine Entscheidung nicht. Die Entwicklung in Afghanistan spricht für sich.

Wie hat sich dies geäussert?

Wenn ich nach Afghanistan reisen wollte, wurde ich zum Beispiel nach Bagdad geschickt, da schon andere Kollegen nach Kabul oder in den Norden des Landes reisen sollten.

Spürten Sie bei Ihrer Arbeit auch einen Druck von Regierungsseite bezüglich der Kriegsberichterstattung in Afghanistan?

Persönlich habe ich keinen Druck von der Bundesregierung in Berlin gespürt. Die deutschen Soldaten und Offiziere in Afghanistan waren kooperativ. Doch dort wurde immer wieder deutlich, dass deutsche Soldaten vor Ort gar nicht mehr über ihre eigenen Erfahrungen offen reden dürfen. Die Sprachregelungen kommen aus dem Bundesverteidigungsministerium in Berlin. Die US-Armee ist diesbezüglich viel offener.

Sie haben in einem Interview erklärt, dass sich die Situation für Auslandkorrespondenten seit der Regierung Schröder stark verändert habe.

Das steht in direktem Zusammenhang mit dem zunehmenden Kampfeinsatz deutscher Soldaten in Afghanistan. Zur Zeit der Schröder-Regierung waren kritische Berichte über Auslandeinsätze von Soldaten westlicher Länder akzeptiert. Diese – in meinen Augen – notwendigen Reportagen und Bewertungen, in denen die Probleme des Auftretens von ausländischen Soldaten in fremden Kulturen gezeigt werden, fanden immer weniger Sendeplätze.

Inwiefern ist dies der Fall?

Ein Beispiel sehen Sie im laufenden Bundestagswahlkampf in Deutschland. Es existiert bereits ein stiller Parteienkonsens, die Afghanistan-Politik nicht zu debattieren. Die Entsendung von Soldaten liege im nationalen Interesse, wird zur Begründung angeführt. Dass ein grosser Teil der Wähler eine andere Sicht hat, wird ignoriert. Den Medien kommt in den Augen vieler Politiker die Aufgabe zu, Verständnis für die aktuelle Afghanistan- Politik zu wecken. Dabei sind doch die enormen Probleme am Hindukusch auch ein Ergebnis der katastrophalen Fehler, die die Politiker in den vergangenen Jahren gemacht haben.

Gibt die Heimredaktion den Auslandkorrespondenten das Thema vor oder umgekehrt?

Wenn es um die Nachrichten geht, kommt die Anforderung in der Regel von den entsprechenden Redaktionen. Bei Hintergrundgeschichten kann es auch umgekehrt sein. Grundsätzlich hält der Trend an, dass die Redaktionen die Sendungen mehr und mehr komponieren. Früher waren Nachrichten eher eine Sammlung von Beiträgen von Reportern und Korrespondenten. Heute werden diese verstärkt geschickt.

Wodurch unterscheidet sich die Arbeit für das Schweizer Fernsehen von derjenigen für das ZDF?

In den Sendungen des SF gibt es noch mehr Distanz zum Thema. Die Schweiz ist ein neutrales Land, das ist in der Berichterstattung deutlich zu spüren. Nicht umsonst liegt die Zentrale des IKRK in der Schweiz.

Sie leben im Iran, welcher momentan von starken politischen Unruhen beeinträchtigt wird. Werden Sie von der iranischen Regierung bei der Ausübung Ihrer Arbeit behindert?

So starke Einschränkungen habe ich in meinem Berufsleben selten erlebt. Es gibt in der Regel keine Erlaubnis mehr, auf den Strassen Teherans zu filmen. Das war bis Mitte Juni anders. War es in den Golfkriegen ab 1991 die Live-Berichterstattung, die die Medien verändert hat, so sind es jetzt zunehmend die Berichte von Betroffenen im Internet. Iran hat da etwas Neues gebracht.

Gab es in den letzten Monaten gefährliche Situationen?

Für viele Kolleginnen und Kollegen war es im Iran gefährlich. Prügel, Verhaftungen und Anklagen zeigen das Problem. Mir persönlich ist nichts passiert.

Präsident Ahmadinejad wurde soeben vereidigt. Tritt dadurch eine Beruhigung der Lage ein?

Die Regierung übt die Macht aus, aber die Islamische Republik ist aufgewühlt, und viele der politischen Konflikte bleiben ungelöst. An der Oberfläche dürfte es weitgehend ruhig bleiben, aber für mich sind die Auseinandersetzungen nicht beendet, sie können sehr schnell wieder aufbrechen.

Wenn Sie die Arbeitsbedingungen im Iran mit denjenigen im Nachbarland Irak vergleichen, wo ist es oder war es für Sie schwieriger?

Irak ist – auch heute noch – für ausländische Journalistinnen und Journalisten gefährlicher als Iran. Die Zahl der getöteten Medienvertreter sagt alles.

Wie wird sich die Situation in Afghanistan entwickeln?

Wenn die Regierung in Kabul Korruption und Vetternwirtschaft nicht beendet, werden die Feinde der Regierung weiteren Zulauf erhalten. Die Staaten des Westens arbeiten daran, ihre Fehler zu erkennen. Auch eine neue Politik des äusseren Eingreifens kann Afghanistan beruhigen. Noch sehe ich zu wenige Änderungen in der Praxis. US-Präsident Obama will aus den Fehlern seines Vorgängers lernen, aber das ist einfacher gesagt als getan.

Wann kehren Sie wieder nach Europa zurück?

Schön wäre, wenn sich die Lage im gesamten Mittleren Osten so schnell wie möglich beruhigen würde. Denn ich wünsche mir, in absehbarer Zeit als Reisekorrespondent aus der Region über Länder und Leute zu berichten und damit mein Berufsleben ausklingen zu lassen. 30 Jahre Revolutionen, Krieg und Terror sind mehr als genug.

(Interview: Matthias Ackeret)


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