04.09.2025

SRF

«Das waren sieben unglaubliche Jahre»

Nathalie Wappler hat ihren Rücktritt als SRF-Direktorin per Ende April 2026 angekündigt. persoenlich.com traf sie im Anschluss an die Personalinformation im Studio 6 in Zürich-Leutschenbach. Im Interview spricht sie über den Zeitpunkt ihrer Entscheidung, den bevorstehenden Abstimmungskampf und ihre beruflichen Pläne.
SRF: «Das waren sieben unglaubliche Jahre»
«Wenn man mich als jemanden in Erinnerung behält, der etwas verändert hat, dann ist das gut», so die 57-jährige SRF-Direktorin Nathalie Wappler, hier am Mittwochnachmittag während eines Interviews mit Blue News. (Bilder: SRF/Gian Vaitl)

Nathalie Wappler, Sie haben angekündigt, SRF zu verlassen (persoenlich.com berichtete). Warum gerade jetzt?
Weil jetzt der richtige Moment ist. Das nächste Transformationsprojekt «Enavant SRG SSR» hat volle Fahrt aufgenommen – die Weichen sind gestellt. Zudem haben wir bei SRF die aktuellen Sparprogramme abgeschlossen. Für mich ist es der ideale Zeitpunkt, weil ich noch genug Zeit habe, gemeinsam mit SRG-Generaldirektorin Susanne Wille die Nachfolge innerhalb der SRG gut vorzubereiten. Ich kann mich noch voll für den Abstimmungskampf einsetzen, was ich sehr gerne mache. Nach sieben Jahren in dieser Position stellt sich auch berufsbiografisch die Frage nach dem nächsten Schritt – ich möchte nochmals eine neue berufliche Herausforderung annehmen.

Haben Sie lange mit dem Rücktrittsentscheid gerungen?
Der Entscheid ist über den Sommer gereift. Es war eher so, dass ich mich gefragt habe: Wie sieht meine nächste Zeit aus? Man fragt sich, wie lange man noch bleiben möchte. Der nächste Transformationsschritt würde bedeuten, dass man sich erneut für vier, fünf Jahre voll committen müsste – 24/7. Das muss man wirklich leben und ausfüllen. Die Frage war: Mache ich das noch einmal oder wage ich jetzt etwas Neues? Ich dachte mir: Es ist okay und im besten Sinne gut so. Wenn man noch einmal etwas Neues machen möchte, ist es besser, noch unter 60 zu sein.

«Wir nutzen die Zeit, um eine gute Nachfolge zu finden»

Nächstes Jahr wird über die SRG-Initiative abgestimmt. Es wirkt von aussen wie eine Flucht vor dem Abstimmungsresultat …
Gar nicht. Wir sind gut aufgestellt, und ich engagiere mich mit voller Überzeugung für den Service public. Zudem bin ich noch bis Ende April 2026 da. Wir nutzen die Zeit, um eine gute Nachfolge zu finden. Ich mache es so, damit diese Person genug Zeit für den Transformationsschritt hat, der parallel läuft. Das Transformationsprojekt «Enavant» läuft auf Hochtouren, es werden bereits viele Entscheidungen gefällt. Diese muss auch die Person mittragen, die dann die Verantwortung übernimmt. Das Transformationsprojekt und die Halbierungsinitiative überschneiden sich zeitlich. Da 2027 die erste Gebührensenkung kommt und bereits 2026 im Budget eingespart werden muss, sollte das jemand machen, der auch die nächsten Schritte geht und diese dann mitzuverantworten hat.

Kann man als scheidende SRF-Direktorin überhaupt noch etwas bewegen?
Ja, vor allem wenn man es im Team macht. Ich arbeite sehr eng mit Susanne Wille und der SRG zusammen. Wenn man zusammen in die gleiche Richtung zieht, funktioniert das auch – vor allem wenn es darum geht, Übergänge gut zu gestalten.

Ihre Nachfolge wird sich bewerben müssen, ohne zu wissen, ob die Halbierungsinitiative durchkommt. Ist das nicht eine Zumutung?
Die SRG ist eine attraktive Arbeitgeberin. Davon bin ich überzeugt. Wir befinden uns in einem sehr guten Transformationsprozess. Diese Stelle ist sicher attraktiv. Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Zudem bin ich zuversichtlich, dass wir den Menschen aufzeigen können, dass wir wichtig sind und sie gut begleiten.

Sie erwähnten zu Beginn «Enavant»: SRG-Direktorin Susanne Wille zentralisiert damit das Unternehmen. Wird Ihre Nachfolge weniger zu sagen haben?
Wir sind nach wie vor in der Region stark verankert, und daran arbeiten wir auch innerhalb von «Enavant». Bei einem so grossen Sparvolumen müssen wir schauen, was wir besser zusammen machen können – das ist völlig richtig. Nicht nur Bern, sondern alle werden sich verändern. Wie genau das Aufgabenprofil aussehen wird – daran arbeiten wir noch. Wichtig ist, dass wir auch hier wieder zusammengehören.

Im März 2018 sagten 71,6 Prozent Nein zu «No Billag». Haben Sie schon Prognosen für die SRG-Initiative?
Bei Prognosen muss man vorsichtig sein. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Menschen wissen, was sie an uns haben.

Sie sagten in Ihrer 1.-August-Rede 2023: «Zusammengehörigkeit entsteht, wenn wir zusammen gehört haben: ‹ghöört› und ‹glosed›.» Wie gut haben Sie die letzten Jahre zugehört?
Zusammenhalt entsteht durch das Zuhören. In so einer Position hört man sehr, sehr viel. Ich fand es immer wieder prägend, zu erleben, wie unterschiedlich Menschen etwas wahrnehmen, hören oder sehen. Ich würde für mich in Anspruch nehmen, dass ich gut hören und zuhören kann. Ob man immer alles umsetzen kann, was jemand sich wünscht, kann ich weniger beurteilen. Aber das Zuhören, das zusammen Hören und das Zusammengehören ist mir extrem wichtig.

Sie werden als SRF-Direktorin in Erinnerung bleiben, die das Unternehmen stark umgebaut und viele Stellen abgebaut hat. Wird das Ihrem Wirken gerecht?
Wir mussten sehr viele anspruchsvolle Situationen meistern – von Corona bis zu Sparmassnahmen und digitaler Transformation. Das haben wir alles gut bewältigt. Ich bin stolz darauf, wie SRF heute dasteht. Wenn man mich als jemanden in Erinnerung behält, der etwas verändert hat, dann ist das gut (schmunzelt).

Unter Ihrer Leitung hat SRF ein neues Organisations- und Betriebsmodell für die Medienproduktion eingeführt. Sind damit die Programme besser geworden?
Wir sind bei Marktanteil und Reichweite sehr erfolgreich. Wir mussten uns an manchen Stellen fokussieren, haben Sendungen neu gemacht und verändert. Viele der Sendungen, die wir verändert haben, sind trotz verändertem Budget nach wie vor erfolgreich.

«In so einem Job muss man mit Kritik umgehen»

Welche Kritik hat Sie am meisten getroffen?
In so einem Job muss man mit Kritik umgehen. Am meisten getroffen hat mich Kritik, die auf die Person zielt – vor allem wenn sie spezifisch auf Frauen abzielt. Das ist nicht mehr zeitgemäss.

Und worauf schauen Sie gerne zurück?
Das waren sieben unglaubliche Jahre. Wenn Sie anfangen und plötzlich kommt Corona – wie macht man das? Alle sind zu Hause und schauen zu uns. Es ist ein unglaubliches Privileg, das zu erleben. Ich schaue auf sieben volle, ereignisreiche, herausfordernde und einfach super tolle Jahre zurück.

Sie wollen nochmals «eine neue berufliche Herausforderung» antreten. Bleiben Sie im Medienbereich?
Ich weiss es noch nicht. Von der SRG aus können wir nicht einfach schon andere Mandate annehmen – das gehört zur Unabhängigkeit dazu. Ich werde mich bis Ende April voll und ganz für SRF und die SRG engagieren und möchte dann schauen, was kommt.

Etwas mehr Zeit mit Ihrem Hund verbringen vielleicht?
Ja, das auch. Und überhaupt ein bisschen mehr Zeit haben.


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