06.10.2005

Hellmuth Karasek

"Der Film ist meine dritte grosse Liebe"

Die Kinostadt Zürich hat ihr eigenes Filmfestival und steht nicht mehr im Schatten anderer Städte. Unter dem Titel "Zurich Film Festival" werden bis kommenden Sonntag Filme aus über dreissig Ländern vorgestellt. Erstmals wird jener Regisseur mit dem "Golden Eye" ausgezeichnet, dessen Erstlingswerk eine fünfköpfige Fachjury am meisten überzeugt. Jury-Präsident der Award-Verleihung ist der ehemalige Kulturchef des Spiegels, Hellmuth Karasek. Im "persoenlich rot" spricht er über grosses Kino und den Aufstieg des Schweizer Films. Das Interview:
Hellmuth Karasek: "Der Film ist meine dritte grosse Liebe"

Herr Karasek, wie sind Sie überhaupt Jurypräsident geworden?

Ich wurde von den Veranstaltern des Zurich Film Festival angefragt und habe sofort zugesagt, als ich erfahren habe, dass wir Erstlingsfilme bewerten müssen. Dies ist eine ausgesprochen spannende Angelegenheit. Es ist nach der Berlinale übrigens erst das zweite Mal, dass ich in einer Filmjury sitze. Als Jurypräsident handelt es sich sogar um eine Premiere.

Was ist dann das Reizvolle an dieser Arbeit?

Ich habe meinen Einsatz an der Berlinale nur in bester Erinnerung. Man sitzt den ganzen Tag mit Schauspielern und Filmemachern zusammen. Es entsteht eine sehr schöne Kumpanei, wenn man sich zusammen Filme anguckt und darüber diskutiert. Aus Individuen entsteht eine Gemeinschaft.

Sie sind als Literaturkritiker bekannt geworden. Dabei ist der Film Ihre grosse Liebe ...

Meine dritte grosse Liebe. Die erste ist das Theater, die zweite die Literatur. Erst als ich Kulturressortleiter des Spiegels wurde, entdeckte ich mein Faible für den Film. In dieser Funktion lernte ich viele Hollywoodkünstler kennen, darunter Billy Wilder, über den ich eine Biografie geschrieben habe, oder Woody Allen, mit dem ich den ersten Interviewfilm drehte. Zu Wilder hatte ich eine besonders intensive Beziehung, nicht zuletzt wegen unserer gemeinsamen Heimat Galizien. Billy Wilder hat seine Herkunft auch in Hollywood nie verleugnet.

Sie haben ein Buch über die besten hundert Filme geschrieben. Welches ist Ihr absoluter Favorit?

Das wechselt von Zeit zu Zeit. Aber Filme wie "Manche mögen's heiss", "Ausser Atem", der auch in Zürich gezeigt wird, "Lohn der Angst" oder "Der dritte Mann", der stark mit meiner Biografie zusammenhängt, gehören zu meinen zeitlosen Favoriten.

Jetzt gibt es Leute, die sagen, das Kino sei früher besser gewesen ...

Das ist falsch. Filme sind auch ein Ausdruck ihrer Zeit, in der sie gedreht wurden. ‘L.A. Crash’ beispielsweise ist so gut, wie ein Film nur sein kann. Obwohl das Hollywoodkino momentan in einer tiefen Krise steckt, liegt das amerikanische Autorenkino mit Jarmusch und Coppola absolut im Trend.

Welche Beziehung haben Sie zum Schweizer Film?

Der Schweizer Film ist in den europäischen Film eingebettet. Je nach Perspektive kann man deutsche, französische oder italienische Aspekte erkennen. Nicht zuletzt wegen Liselotte Pulver und Bruno Ganz gibt es auch Schweizer Stars, die den internationalen Durchbruch geschafft haben. Ich freue mich immer, wenn ich die beiden treffe. Ich kenne auch das Kasernenviertel in Zürich, jenen Ort, wo Bruno Ganz aufgewachsen ist, bestens. Da mein Sohn mehrere Jahre am Schauspielhaus gearbeitet hat und verschiedene Stücke, wie beispielsweise ‘Biedermann und die Brandstifter’ von Max Frisch inszeniert hat, habe ich ein sehr intensive Beziehung zu Zürich. Es war in meiner Stuttgarter Zeit die nächst gelegene Metropole.

Wie hat Ihnen Bruno Ganz als Hitler gefallen?

Sehr gut, obwohl Charlie Chaplin immer noch der beste Hitler-Darsteller ist. Auch von der Hitler-Darstellung in der TV-Dokumentation ‘Speer und er’ war ich angetan. Bruno Ganz hat Hitler im Moment seines Scheiterns dargestellt. Das ist insofern bemerkenswert, als ein Mensch im Moment seines Scheiterns beim Publikum immer Sympathie auslöst ...

... was in Deutschland zur einer grossen Kontroverse führte, weil Hitler angeblich zu menschlich dargestellt wurde.

Ja. Trotzdem finde ich, dass der "Untergang" ein sehr wichtiger und auch gut gemachter Film ist. Ich habe ihn auch immer gegen die von Ihnen genannten Anschuldigungen verteidigt. Bezeichnenderweise hat er beim Deutschen Filmpreis keine einzige Auszeichnung erhalten.

Das wäre in Ihrer Jury anders gewesen?

(lacht), No comment.

Wer am Festival-Eröffnungsabend im ausgebuchten Kino Corso zugegen war, sehen Sie unter https://www.persoenlich.com/galerie/i_galerie.cfm


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