Herr Kuhn, unter dem Namen "Notebook" haben Sie soeben eine neue Zeitschrift lanciert. Was ist das?
Notebook ist ein interaktives Print-Magazin, voll von Notizen und Bildern von Menschen, die zum Leben und zu dem, was auf der Welt so passiert, eine Meinung haben und diese durch den Eintrag ins Notebook auch vertreten. Über die Homepage www.notebookmagazine.ch kann jeder -- egal wer und wo er ist -- Einträge machen und -- sofern der Eintrag ausgewählt wird -- Contributor des Magazins werden. Notebook verinnerlicht auf innovative Weise die Blog-Kultur und publiziert so intelligentes und schnelles Lesevergnügen mit grösstenteils User-erzeugtem Inhalt, was ziemlich genau den modernen Mediennutzungsgewohnheiten der Konsumenten entspricht. Abgerundet wird das Ganze durch die Rubriken "to buy", wo Produkte präsentiert und "to go", wo Ausgehtipps gelistet werden. notebook erscheint zehn Mal pro Jahr in einer Auflage von 30000 Exemplaren. Das Magazin ist kostenlos erhältlich an Treffpunkten und Orten des Vergnügens und Einkaufens in zürich, Bern und Basel, den drei wichtigsten Städten der Deutschsprachigen Schweiz.
Tönt nach "Musenalp für Szenegänger"...
Vielleicht. Ich denke, dass die Einträge im notebook ein ganz anderes Niveau haben, aktueller, intellektueller und amüsanter sind. Die Tatsache, dass der Content ausschliesslich über unsere Homepage generiert wird, macht es äusserst lebendig und vital. Ich nutze die neuen Medien als Generator, nicht als Endmedium. Das Endmedium ist immer noch und ausschliesslich Print. Sie können machen was sie wollen, das Internet hat nie die Sinnlichkeit von bedrucktem Papier.
Wie ist die Resonanz auf Ihr neustes Produkt?
Grossartig. die Leser und die Werber haben das Produkt und seinen Mechanismus sofort verstanden. Die Einfachheit der Idee und die stringente Durchsetzung des Konzeptes sind auch wirklich bestechend. Ich denke, der Markt liebt heute zunehmend Produkte, die nicht allzu komplex sind. notebook ist sehr eigenständig und authentisch.
Ihre andere Zeitschrift, Kult, ist nun achtjährig und galt ursprünglich als Gradmesser für die Szene. Wer hat sich nun mehr verändert; Kult oder die sogenannte Szene?
Kult hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verändert. Wie wir alle, wie der Markt, wie die Lebens- und Konsumgewohnheiten. Auf eine Phase einer eher zügellosen Dekadenz folgt seit anfang dieses Jahrausends eine tiefgründigere Phase, die nach mehr Nachhaltigkeit verlangt. Das betrifft auch die sogenannte Szene. Kult ist heute ein sehr nachhaltiges Medium, zehn Schriftsteller, vier Fotografen, ein Künstler, Essays und Bilder, formal streng getrennt, machen das Kult zu einem hochwertigen Cocktail inhaltlicher Substanz. "Sushi-deluxe für ein junges Publikum sozusagen.
Haben Sie immer noch die gleichen Leser wie vor acht Jahren?
Wahrscheinlich sind einige neu dazugekommen, einige sind abgesprungen. Ich denke aber, die Mehrzahl blieb dem Kult treu, haben sich mitentwickelt. Das ist auch eine Art von Konstanz. So fast im Sinn von Wolf Biermann, "nur wer sich laufend ändert, bleibt sich treu."
Vor einigen Jahren versuchten Sie auch in Deutschland Fuss zu fassen. Inwiefern ist Ihnen dies gelungen?
Die rund dreijährigen Tests in Hamburg und Berlin waren ja extrem positiv, was die Publikumsreaktionen angeht. Aber ich musste feststellen, dass Deutschland ein ziemlich agressiver Markt ist. Da braucht es eine entsprechende Organisation und Disposition, bzw. die wirtschatliche Kraft eines grösseren Unternehmens, um sich da zu etablieren. Ob ich die wirklich selber entwickeln kann und will, weiss ich nicht. Mir ist es wichtig, unabhängig zu bleiben und es scheint mir einfacher unabhängig zu sein, wenn man nicht allzu gross ist. Aber ich habe auch erfahren, dass Kult eine recht attraktive Braut ist, und wahrscheinlich wäre es für einen grossen Verlag tatsächlich relativ einfach, ein solch ausgereifter und sinnlicher Titel in Deutschland zu verbreiten. Wir werden sehen. Das Thema Deutschland steht jedenfalls immer noch auf meiner Liste, nur nicht zuoberst.
Hat sich die ökonomische Situation für einen Einmann-Verlag, wie Sie es sind, in den letzten Jahren stark verändert?
Kult und notebook sind beide intelligent konzipiert, klar positioniert und sehr einfach zu führen. Die Marke "Kult" ist im Markt etabliert, die Anzeigenumsätze in den letzten vier Jahren konstant. Und notebook scheint ein Hammer zu werden. Im moment sieht es nicht so aus, als ob die spannenden Sachen aus grossen Häusern kommen, im Gegenteil. Ich denke manchmal, dass in schwierigeren Zeiten kleine Shops die besseren Voraussetzungen haben, gute Sachen zu machen, als die grossen Häuser, vielleicht weil einfach die Organsiation fehlt um eine gute Idee kapputt zu testen.

