Herr Eisenhut, wir haben den Eindruck, Sie haben den Reset-Button gedrückt. Wir erkennen den Tagi nicht wieder. War das Absicht?
Diese Beurteilung erstaunt mich; wir haben gezielt das neue Layout ans bestehende Layout angelehnt und auf ein sanftes Redesign gesetzt.
Es scheint, als sei der neue Tagi ein Mix der beiden Tamedia-Titel "Sonntagszeitung" und "20 Minuten".
Auch diese Einschätzung erstaunt mich. Das neue Layout ist moderner und hochwertiger und zweifellos kein Verschnitt. Gerade von "20 Minuten" werden wir uns mit dem neuen Design deutlich abheben.
Können Sie uns die wichtigsten Änderungen erklären?
Der neue Tages-Anzeiger erscheint neu mit vier statt sechs Bünden: In den vier Dimensionen Recherche, Analyse, Optik und Service legt der Tagi zu und sorgt für verbesserte Trennschärfe gegenüber Online und Gratismedien. Substanzielle Eigenleistungen, Einschätzungen und Schwerpunkte bilden den Kern des neuen Zeitungskonzepts. Der Sport muss auf den Bundauftakt verzichten, schliesst aber neu prominent die Zeitung ab ein in angelsächsischen Ländern übliches Konzept. In der regionalen Berichterstattung operiert der Tages-Anzeiger neu mit so genannten Wechselseiten.
Der Vorteil?
Die Regionalberichterstattung kann dank dieses Regimes in den zweiten Bund einfliessen, ist neu integraler Bestandteil des Hauptblattes, deutlich aktueller und damit attraktiver und näher an der Lebenswirklichkeit unserer Leserinnen und Leser. Regionale Inhalte können künftig auf Seite 1 und auch auf dem Auftakt des zweiten Bundes bespielt werden.
Was passiert mit dem Frontkommentar?
Dieser wird neu stets auf der Seite 2 grosszügig und immer ganz oben platziert. Die Front kann damit attraktiver gestaltet und einem höheren Anspruch gerecht werden. Texte mit wertenden Elementen sind neu mit grauem Titel gekennzeichnet. Newsstories behalten den schwarzen Titel.
Befürchten Sie nicht, dass Sie mit dem neuen Layout viele Tagi-Stammleser vergraulen? Immerhin ist die neue Typografie und Bildsprache doch sehr gewöhnungsbedürftig.
Nein, wir sind überzeugt, dass wir die Stammleser nicht vergraulen. Das Layout ist hochwertiger und bietet bezüglich Leserführung deutliche Vorteile.
In den letzten Wochen präsentierten Sie der Werbebranche den neuen Tagi. Wie waren die Reaktionen?
Die Roadshow verlief äusserst gut. Die Reaktionen auf das neue Konzept pendelten grossmehrheitlich zwischen Faszination und Begeisterung. Kritische Stimmen gab es kaum.
Sie wollen die Analyse- und Recherche-Kapazität erhöhen und visuell stärker werden. Ist dies mit der geschrumpften Redaktion überhaupt möglich?
Selbstverständlich wird das nicht einfach. Wir müssen die Ressourcen aber gezielter einsetzen und uns auf Schwerpunkte, Vertiefung und Eigenleistung fokussieren, effizienter und effektiver arbeiten. Und wir müssen Verzicht üben. Auf das Umschreiben von Agenturmeldungen beispielsweise. Oder auf die Protokollführung der Zeitgeschichte. Die heutigen Chronisten arbeiten für Onlineportale und Gratiszeitungen. Einzig in den Regionen wird von uns noch eine gewisse Vollständigkeit erwartet. Diesem Anspruch werden wir auch dank späterem Andruck natürlich gerecht.
Sie sagten einmal, dass man die Berührungsängste mit dem Boulevard abbauen müsse. Wird sich der Tagi nun vermehrt solchen Themen annehmen?
Intelligent umgesetzte Boulevard-Themen werden im Tages-Anzeiger selbstverständlich immer Platz haben.
Vor ein paar Monaten tauchte ein Kreativpapier auf, welches in der WOZ publiziert wurde. Überraschende Ideen wie "Horst der Woche" wurden nicht berücksichtigt. Was waren die Bedenken?
Es gab keine Bedenken. Was die WOZ abgedruckt hat, war ein Sammelsurium von Ideen, davon wurden die besten umgesetzt.
"The Guardian" soll als Vorbild gedient haben. Was macht die Zeitung besser?
Schwerpunkte, Leserführung, Einordnung, Analyse, überzeugende Optik. Das wird im "The Guardian" vereint. Und neu auch im Tages-Anzeiger.
Intern mussten die Produktionsprozesse neu organisiert werden. Inwiefern wird der Tagi heute anders produziert?
Neu kümmert sich ein eigentliches Produktionsteam um die Fertigung der Seiten. Diese Produzenten sind professionelle Erstleser, die im Detail wissen, wie man die Leserschaft für Texte und Bilder begeistert und in der Zeitung hält.
Der Bildsprache wird eindeutig mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Hat man die Bildredaktion stark ausgebaut? Angeblich wurde im Bildbereich eine Zwischenhierarchiestufe eingeführt. Wie soll das genau funktionieren?
Wir haben tatsächlich ins Bild investiert. Neu werden Bildredaktion und Fotografen von einer Person geführt. Auch die grafische Abteilung wurde aufgewertet.
Wie ist die Aufgabenteilung zwischen Ihnen und Res Strehle?
Publizistisch wechseln wir uns im Wochenrhythmus ab. Bezüglich Ressortverantwortung führt Res Strehle Bund 1 und Bund 3, ich Bund 2 und Bund 4.
Derzeit sind einige Stellen im Ressort Inland und Wirtschaft vakant. Warum? Gilt der Tagi nicht mehr als guter Arbeitgeber?
Der Tages-Anzeiger hat nach wie vor einen exzellenten Ruf in der Branche. Weil die Redaktion effektiver und schlanker arbeiten muss, lassen wir uns bewusst Zeit, die Idealbesetzung zu finden.
Der Umbau des Tages-Anzeiger ging schnell über die Bühne zu schnell? Gewisse Ressorts Beispiel Bellevue wissen noch heute nicht, was mit ihnen geschieht. Wieso?
Wir haben Tempo gemacht, das ist richtig. Aber zu schnell waren wir sicher nicht unterwegs. Die Ressorts waren Teil des Entwicklungsprozesses und wissen genau, was künftig erwartet wird. Auch das Bellevue.
Wie finden Sie den Neustart der NZZ?
Die NZZ hat ihren Job gut gemacht.
(Interview via Mail: Christian Lüscher)
Der neue Tages-Anzeiger (Musterseiten):



