13.01.2005

Der TV-Coach wird zum wichtigen Alltagsberater

Unbekannte legten sich öffentlich unters Messer, Prominente übten das Überleben im Dschungel und leicht bekleidete Sternchen schaufelten auf der Alm Mist. Was wird das Fernsehen der Prominenz und vor allem uns, den Zuschauern, dieses Jahr zumuten? Eins ist gewiss: TV mischt sich immer stärker in den Alltag der Menschen ein. "persoenlich.com" präsentiert basierend auf den Studien von Médiamétrie und Goldmedia die Programmtrends 2005.
Der TV-Coach wird zum wichtigen Alltagsberater

Das französische Forschungsinstitut Médiamétrie und die Berliner Medienberatung Goldmedia hielten vor Journalisten, TV-Machern und -Produzenten im Berliner "themediaclub" einen Rückblick auf TV-Trends und populäre Fernsehformate des Jahres 2004 und gaben einen Vorgeschmack auf das, was die Zuschauer 2005 erwartet. Médiamétrie und Goldmedia stellten ihre jüngst veröffentlichte Studie "International TV Trends -- Fall 2004" vor, die umfangreiches Daten- und Faktenmaterial über aktuelle TV-Trends in neun führenden TV-Nationen bündelt. Die Studie basiert auf den Forschungsergebnissen des weltweit grössten Datenpools für neue TV-Programme N.O.T.A. (New On The Air). N.O.T.A. spürt jährlich mehr als 1800 neue TV-Sendungen auf und dient TV-Machern als Ideenbörse.

Zahl neuer TV-Programme ist 2004 leicht gesunken

Die aktuelle Studie analysiert Programmneuheiten von Anfang September bis Ende Oktober 2004 und zählt in Australien, Frankreich, Grossbritannien, Deutschland, Italien, Niederlande, Schweden, Spanien und den USA insgesamt 492 neue Sendungen (ausgenommen Sport- und Newssendungen sowie TV- und Kinofilme). Die Anzahl neuer TV-Shows ist damit gegenüber dem Vergleichszeitraum 2003 geringfügig zurückgegangen, was vor allem durch eine Reduzierung neuer Sendungen in Holland bedingt wird.

Erfolgsformate werden immer häufiger kopiert

2003 und auch noch 2004 redeten alle über die Stars des Reality-TV. Zu Stars wurden normale Menschen, die sich freiwillig in Container einsperren liessen, sich durch plastische Chirurgie öffentlich unter das Messer begaben oder jene, die uns an ihrem Alltagschaos teilhaben liessen. Vorgeführt wurden egozentrische Promis der zweiten und dritten Liga ebenso wie gestresste Topmanager. Auch Ende 2004 kommt es noch nicht wirklich zu einem Umbruch bei den Programmtrends. Die populärsten Formate wandern weltweit nach wie vor von einem Sender zum andern. Auffällig ist allerdings, dass Formate noch häufiger und schneller kopiert werden und dass sie in immer unterschiedlicheren Varianten auftauchen.

Fernsehen mischt sich immer stärker in den Alltag ein

Fernsehen ist heute multifunktional: Es ist Ratgeber und Freizeitvergnügen zugleich. Fernsehen macht es möglich, per Fernbedienung der Realität zu entfliehen und in eine andere Welt einzutauchen. Es verwandelt sich auf Knopfdruck zur "Wohlfühloase". Fernsehen verliert mehr und mehr die Rolle eines stillen Begleiters, mischt sich stärker ein, nimmt aktiver am Leben der Menschen teil. Die Zuschauer sind dabei für alle nur denkbaren Themen zu begeistern, ob sie nun ihren Alltag, das Aussehen, Bildung und Erziehung oder die Gesundheit betreffen. Entscheidend ist, dass die Shows es schaffen, sich nachhaltig ins Alltagsleben der TV-Zuschauer "einzunisten". Was im Winter 2004 an neuen Programmen auftaucht, bestätigt den Trend: Sendungen, die auf Veränderungen und Verwandlungen im grossen Stil setzen (Make Over Shows), sind beliebt. Hier wird verändert, was änderbar ist: das Aussehen, die Wohnung, der Job, oder gleich die ganze Familie

Ein typisches Beispiel ist die Sendung "Make Me A Perfect Wife" des britischen Senders Channel 4. Getreu dem Motto "früher war alles besser", unterziehen sich fünf Paare einer ganz besonderen Prüfung: Die Ehefrauen hängen ihre Karrieren an den Nagel und schlüpfen in die Rolle einer typischen Hausfrau der Fünfziger Jahre. 28 Tage lang geben sie ihr bestes, idealer Partner und perfekte Ehefrau zu sein. Sie fügen sich bedingungslos den Wünschen ihrer Ehemänner. Die Sendung erreichte unter allen Zuschauern einen durchschnittlichen Marktanteil von 11.4 Prozent. Besonders beliebt war die Sendung bei kinderlosen Singles im Alter von 35 bis 54 Jahren.

TV-Coach wird zum wichtigen Berater des Alltags

Wohin man auch schaut: Fachexperten und Spezialisten aller Art geben ihr Wissen zum Besten. Der TV-Coach wird zum "Helfer der Nation", ob er nun Sportler, Babysitter oder Spezialist für Heimwerken ist. Er zeigt, wie man es macht und richtig anpackt. Beispiele dafür gibt es massenhaft: "The Next Great Champ" auf Fox in den USA (Wie wird man ein neuer Muhammad Ali?); "Campioni Il sogno" auf Italia 1 in Italien (Wie wird man ein neuer Zidane?); "Fat Nation, the Big Challange" auf BBC1 in Grossbritannien (Wie kann man sich gesünder ernähren?); "Too posh to wash" auf Channel 4 in Grossbritannien (Wie wird man sauberer?) oder eben die "Supernanny" auf RTL. Die Adaption des britischen Konzepts ist auch in Deutschland wohlbekannt. Eltern soll geholfen werden, Probleme mit ihren Kindern zu bewältigen und ihre "kleinen Monster" besser unter Kontrolle zu bekommen.

Prominente werden im TV entmystifiziert

Es gibt eine ganze Palette an Sendungen, in denen uns Promis zeigen, wie sie wirklich sind. Anstatt sie auf Gala-Events zu bewundern, kann der Fernsehzuschauer ihnen zusehen, wie sie normale Alltagssituationen bestehen und auf gewohnte Privilegien verzichten. Zum Beispiel in der Reality Show "The Farm", in Deutschland bekannt als "Die Alm", sind Promis Bauern und verrichten Landarbeit. Das Fernsehen mutet den Promis aber nicht nur Schweinedreck auf dem Bauernhof zu oder unterzieht sie den Proben des Dschungels. Man kann ihnen in einigen Sendungen auch dabei zuschauen, wie sie ihre ureigensten Geheimnisse ausplaudern, z.B. in "Fête Foraine" auf France 5 in Frankreich.

Mehr Sendungen zum Alltag von Singles

Familienaffine Themen sind nach wie vor beliebt. Im Bereich Family-Drama sind allerdings zwei neue Trends zu beobachten. Zum einen gibt es zunehmend mehr Sendungen, die sich ausgiebig mit Teenagern und deren Wünschen und Träumen beschäftigen, wie z.B. "Ma Terminale" auf M6 in Frankreich. Andere Sendungen rücken die über 30-Jährigen in den Mittelpunkt, ob sie noch Single oder schon verheiratet sind, z.B. in "Burn it" auf Ned 2 in den Niederlanden.

Doku-Formate sind weiter im Aufwind

Ungeachtet der Tatsache, dass Genre-Grenzen zunehmend verwischen, ist ein Trend nicht zu übersehen: Es gibt immer mehr Sendungen, die Bildungselemente einbauen. Auch Unterhaltungsshows adaptieren gern Informatives. Besonders beliebt sind dabei Themen aus längst vergangenen Epochen oder über grosse Persönlichkeiten der Geschichte. Ganz nach dem Motto "Verstehe deine Geschichte und du verstehst deine Gegenwart", greifen auch Doku-Formate mehr auf historische Stoffe zurück.


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