14.04.2021

Zusammenlegung Bund/BZ

«Die Kommunikation war enttäuschend»

Mit einem Manifest haben sich Journalistinnen und Journalisten beider Redaktionen an die Öffentlichkeit gewandt. Es sei keine Demonstration, sondern ein spontaner Ausdruck der aktuellen Stimmung, sagt Jürg Steiner, langjähriger BZ-Journalist und Mitglied der Personalkommission.
Zusammenlegung Bund/BZ: «Die Kommunikation war enttäuschend»
Jürg Steiner, langjähriger BZ-Journalist und Mitglied der Personalkommission. (Bild: Nicole Philipp)
von Marion Loher

Herr Steiner, wie war die Stimmung nach der Mitarbeitenden-Info durch die Geschäftsleitung am letzten Donnerstag?
Als langjähriger Journalist habe ich schon einige solcher Versammlungen erlebt, aber noch selten gab es danach so viele konsternierte und enttäuschte Mitarbeitende. Wir wussten ja, dass es kommen wird, das war nicht wirklich überraschend, uns ärgerte etwas anderes.

Was war das?
Viele traf vor allem die Art der Kommunikation, dass Floskeln wie «Synergien nutzen» und «schlagkräftige Redaktion aufbauen» fielen, die wir Journalistinnen und Journalisten bei anderen Unternehmen kritisieren und uns hellhörig machen, dass etwas nicht so benannt wird, wie es sollte. Dass wir mit solchen Begriffen eingedeckt werden, ärgerte viele – natürlich nebst dem, dass rund 30 Journalistinnen und Journalisten ihren Job verlieren und die Medien- und Meinungsvielfalt verloren geht.

Wie viele Journalistinnen und Journalisten von Bund und BZ stehen hinter dem Manifest?
Eine Zahl gibt es nicht, aber es ist sicherlich ein Grossteil der Journalistinnen und Journalisten. Viele haben an dieser Versammlung geredet, und das Manifest ist dann aus dieser Stimmung heraus entstanden, als kollektives Schreiben sozusagen. Auffallend ist, dass auch viele mitgemacht haben, die sich sonst eher im Hintergrund halten. Das sagt doch einiges.

«Die Verantwortlichen hätten die Sache beim Namen nennen sollen»

Was wollen Sie mit dem Manifest erreichen?
In erster Linie wollen wir eine andere, unsere Sicht auf die Entscheide aufzeigen. Bis jetzt hat man in der Öffentlichkeit vor allem die Sicht der Tamedia-Chefs und der Chefredaktoren gehört. Wir wollen zeigen, wie wir das Ganze wahrnehmen, und wollen intern die Diskussionen anregen, wie der Weg nun gegangen werden soll. Im Manifest ist beispielsweise der Vorschlag festgehalten, alternativ ein sozialeres Modell zu prüfen: Würden die 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Pensen um jeweils 20 Prozent reduzieren, entspräche dies dem Gegenwert von 20 Vollzeitstellen. Solche Lösungen sollten zumindest diskutiert werden können. Das Manifest ist keine Demonstration, sondern ein spontaner Ausdruck der aktuellen Stimmung in den Redaktionen.

Es wird auch die Kommunikation der Tamedia-Geschäftsführer und der beiden Chefredaktoren kritisiert. Was hätte sich die Belegschaft gewünscht?
Die Verantwortlichen hätten die Sache beim Namen nennen sollen. Es ist ein Sparprogramm. Punkt. Es gibt einen Personalabbau, und es kann nicht mehr alles gemacht werden, was früher noch möglich war. Das ist schon schlimm genug, und mit diesem Herumgerede wird es nicht besser. Dazu kommt, dass die Chefredaktoren mit der Tamedia-Geschäftsleitung das Sparprogramm seit Monaten beraten. Gegenüber den Mitarbeitenden von Bund und BZ gab es in dieser Zeit praktisch keine Transparenz. Details mussten wir dann am Tag vor der GL-Information an die Mitarbeitenden aus der NZZ erfahren. Aussenstehende wussten auch, wann die Orientierung stattfindet. Intern wurden wir erst am frühen Donnerstagmorgen darüber informiert.

Wie geht es nun weiter?
Die Details der Zusammenlegung werden jetzt von Tamedia ausgearbeitet, und im Mai oder Juni wird es ein Konsultationsverfahren geben. Arbeitgebende sind dazu gesetzlich verpflichtet. Sie müssen in diesen Situationen mit den Vertretungen der Arbeitnehmenden über Massnahmen verhandeln, mit denen Kündigungen vermieden, die Zahl beschränkt und die Folgen gemildert werden können.

Sie selbst werden dann nicht mehr dabei sein. Sie haben gekündigt. Wegen der Zusammenlegung?
Ich habe meine Kündigung Ende Februar eingereicht, in erster Linie aus persönlichen Gründen, also noch einige Zeit vor dem offiziellen Entscheid der Zusammenlegung. Dass Tamedia dies prüft, war aber schon seit Herbst 2020 bekannt und das hat auch in meine Entscheidung hineingespielt.

Was werden Sie künftig machen?
Ich gehöre unter anderem dem Projekt Neuer Berner Journalismus an und werde mich – vorerst ehrenamtlich – für einen unabhängigen Journalismus von Bern für Bern engagieren.



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