19.06.2003

"Die Kritik ist auch Selbstkritik"

Am Donnerstag ist Roger Schawinskis neues Buch "Wer wird Milliardär?" erschienen. Thematisiert werden der Börsenhype und seine Macher -- und deren Scheitern. Im Kapitel "Helfershelfer und Trittbrettfahrer" begegnen dem Leser Namen bekannter Journalisten wie Markus Gisler, Markus Schär, Beat Hebeisen oder auch Medard Meier, die gemäss Schawinski alle mitgeholfen haben, die Dotcom-Blase zu promoten. "persoenlich.com" wollte von Schawinski wissen, wie gross er die Verantwortung der Journalisten an der damaligen Hysterie einschätzt, was er selber mit seiner Tele 24-Sendung "Money" falsch gemacht hat und wie seine Pläne nach Ablauf des Konkurrenzverbots mit der Tamedia aussehen. Das Interview:
"Die Kritik ist auch Selbstkritik"

Sie werfen unserer Zunft vor, im Hinblick auf den Börsenhype die kritische Distanz verloren zu haben. Wie gross schätzen Sie die Verantwortung der Journalisten an der damaligen Hysterie ein?

Als sehr gross. Die Berichterstatter sind oft Teil der Geschichte geworden, wollten möglichst selber aktiv sein und Teil der Internetwelt werden. Es ist für mich absolut unverständlich, das so etwas passieren konnte -- was grundsätzliche Fragen zur Funktion des Journalismus aufwirft. Bisher ist dies bei uns nicht passiert. In den USA hat diese Diskussion vor ganz kurzem begonnen.

Wie hätte man so etwas verhindern können?

Gefragt gewesen wären klare Regeln, die man laufend hätte überprüfen müssen. Wichtig wäre aber auch gerade in der Zeit der Überhitzung ein Hinterfragen der eigenen Rolle gewesen. Ein wichtiger Finanzjournalist meines Buches hat seinen Namen zurückgezogen, nachdem ich ihm seine Aussagen zur Korrektur vorgelegt hatte. Der war offenbar selbst verblüfft, wie sein damaliges Verhalten aus heutiger Sicht gewertet werden muss, etwa seine Aussage, dass alle Finanzjournalisten ihre Artikel nur nach ihrem Wertschriftendepot schreiben. Der hat tatsächlich zugegeben, bei den heissen Titeln, über die er schrieb, aktiv mitgemischt zu haben. Was für einen Wert kann solch eine Information für einen Zeitungsleser überhaupt noch haben? Wie werden wir auch heute noch systematisch desinformiert? Und wie wirkte sich dies vor allem auf dem Höhepunkt des Börsenhypes aus? All dies sind Fragen, die es zu beantworten gilt. Aber die Rolle der Journalisten ist nur ein Aspekt in meinem Buch -- und nicht der zentrale.

Es gab aber auch kritische Medien wie die NZZ, die Weltwoche oder der Tages-Anzeiger, der als Beispiel von Anbeginn sehr verhalten über "Think Tool" berichtete.

Nein, die meisten Zeitungen waren immer erst hinterher kritisch. Finanz und Wirtschaft, Cash, Bilanz -- die haben am meisten auf den Putz gehauen. Die NZZ ist ja generell rückhaltend -- aber auch hier haben keine roten Alarmlampen geblinkt.

Sie sind jedoch auch selbstkritisch: Mit der Tele 24-Sendung "Money" hätten Sie den Promotoren neuer Börsenfirmen eine optimale Plattform gewährt, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Was hätten Sie anders gemacht, hätten Sie damals gewusst, was auf uns zukommt?

Wir hätten damals schon das Konzept der vierminütigen Interviews hinterfragen müssen. In dieser kurzen Zeit ist es nahezu unmöglich, in die Tiefe zu gehen, Hintergründe darzulegen. Die Interviews waren vielfach Werbespots für die vorgestellten Firmen kurz vor dem Börsengang. Heute weiss man, dass viele Aussagen von Firmengründern damals schlicht und einfach gelogen waren.

Die New Economy war jedoch ein Phänomen, dem sich niemand entziehen konnte, auch wir nicht bei Tele 24. Neu, faszinierend, wahnsinnig schnell -- so etwas lieben alle Journalisten. Doch ich blieb immer etwas skeptisch. Als Distefora-Gründer Alexander Falk damals bei uns im Studio war, habe ich meinen Leuten mehrfach gesagt: "Wartet's nur ab. Dessen Aktien werden von über 1000 Franken noch unter 100 Franken fallen". Schlussendlich standen sie bei unter einem Franken (lacht). Das hatte selbst ich nicht erwartet.

Anfang 2001 planten Sie sogar einen 24-Stunden-Börsensender, der mit einer Internetplattform und einem Printtitel hätte vernetzt werden sollen. Wegen der negativen Börsenentwicklung scheiterte die Idee schliesslich. Sie sassen selber im Glashaus -- heute werfen Sie mit Steinen.

Genau. Die Kritik ist auch Selbstkritik. Wobei bei uns nicht aus Eigeninteresse Artikel manipuliert wurden. Auch lieferten wir nicht am Schluss von langen Analysen glühende Kaufempfehlungen. Aber "Money 24" war auch eine Idee aus der Zeit des Börsenhypes, die ich zum Glück damals nicht realisiert habe, weil ich die Zeichen an der Wand sah.

Der Internet-Kelch ist sozusagen an Ihnen vorbeigegangen. Empfindet man vielleicht nicht auch eine gewisse Schadensfreude, wenn man sieht, welch renommierte Namen auf den Internetzug aufspringen wollten und gescheitert sind?

Nicht unbedingt. Ich habe immer gesagt, dass ich das Geschäftsmodell der meisten Internetfirmen nicht verstehe. Zwar haben meine jungen Mitarbeiter regelmässig versucht, mir das Ganze schmackhaft zu machen. Auch wir sollten gross einsteigen. Aber warum soll ich auf ein Geschäftsmodell setzen, das ich nicht verstehe? Dass der Absturz so brutal kommen würde, damit habe ich jedoch nicht gerechnet.

In meinem Buch versuche ich die Hintergründe aufzudecken, was damals geschehen ist. Wie war es möglich, dass weltweit alle dem gleichen Rausch verfallen sind? Das ist die Frage, die mich interessiert. Der Börsenhype war wohl die wichtigste Wirtschaftsphase der Schweiz in den letzten 15, 20 Jahren. Und ich erzählte die Story mit dem Hauptdarsteller dieser Phase -- Hans-Peter Bachmann von Vontobel -- als mein Protagonist mit einer Vielzahl von aufregenden Details, die bisher nicht bekannt waren. Und es tauchen eine Vielzahl von Namen auf, zum Teil sehr überraschende.

Warum haben dann erst Sie das Thema aufgenommen?

Viele der Journalisten, die dafür in Frage gekommen wären, waren selbst Teil des Börsenhypes. Einer von ihnen hat mir vorgeschlagen, dass wir dieses Buch -- das unbedingt geschrieben werden müsse -- zusammen machen. Nach einigem Nachdenken habe ich abgelehnt. Im Laufe der Recherche hat sich gezeigt, dass er sich selbst in jener Zeit ziemlich kompromittierend verhalten hat. Daher glaube ich, dass mein Entscheid richtig war, sein Angebot abzulehnen.

Was nehme ich als Leser Ihres Buches mit?

Einen Blick hinter die Kulissen einer faszinierenden Welt, die während Jahren für Schlagzeilen gesorgt hat, ohne dass wir je über die Hintergründe informiert gewesen wären. Ein Blick auf eine wahre Geschichte, bei der es um Milliarden, Egos, Düsenjets und vieles mehr geht. Eine "true story", die mehr als unglaublich tönt und die doch bei uns stattgefunden hat. Ich glaube auch, dass es für mich leichter war, diese Fakten zu recherchieren, als für einen anderen Journalisten. Ich hatte leichter Zugang zu den Hauptdarstellern jener Epoche. Das gibt dem Buch, denke ich, einen speziellen Mehrwert.

Zum Abschluss noch eine private Frage. In etwas mehr als einem Jahr läuft das Konkurrenzverbot mit der Tamedia aus. Auf was dürfen wir uns freuen?

Kein Ahnung (lacht). Wer weiss schon, was in einem Jahr sein wird? Abgesehen davon geht es mir zur Zeit mit dem, was ich tue, ganz gut. Alle halbe Jahre ein Buch, jede Woche eine Kolumne in der Weltwoche -- eigentlich nicht schlecht für einen Frührentner. Da ich aber damit rechne, dass bis Oktober 2004 die wirtschaftliche Krise vorbei sein wird, tun sich natürlich ganz neue Perspektiven auf...


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