Die EURO 2004 und die Olympischen Spielen haben den alpinen Skisport, sonst Dauergast in den Top Ten der beliebtesten TV-Sendungen, aus der Hitparade verdrängt. Der Kitzbühel-Abfahrt reichte es noch zum 15. Platz. Zeichnet sich eine Trendwende ab?
EURO, EURO, sonstiger Fussball, EURO, eine Prise Show (Olympia-Eröffnung und Sports Awards), die Eishockey-Finalissima und ein einziges Skirennen prägen die Liste der Top 20 der meistgesehenen Sportsendungen 2004. Da fand sogar das Zürcher Leichtathletik-Meeting keinen Platz mehr (26.).
Die Beachvolleyballer Heuscher/Kobel als meistbeachtete Olympiamedaillengewinner schafften es auf Rang 27, gefolgt von 12 weiteren olympischen Events in den Top 100. Eine solche Ballung mit einem Fussball-Grossereignis (mit Schweizer Beteiligung) und Olympischen Sommerspielen gab es seit 1996 nie mehr.
Vier Millionäre und Werte bis 1.5 Millionen
Gab es 2003 drei Quoten-Millionäre, alle von der St. Moritzer Ski-WM, so übertrafen diesmal vier Fussball-EM-Übertragungen die Schallgrenze von einer Million Zusehern -- der Final Portugal - Griechenland (1'404'000) sowie alle drei Gruppenspiele mit der Schweiz (u.a. Kroatien mit 1'356'000). Die Pokalübergabe schauten sich 1'436'000 an, und beim Spiel gegen Kroatien sassen in der Schlussphase sogar 1.512 Millionen vor dem Bildschirm. Den Rekord hält immer noch Pirmin Zurbriggen mit seinem WM-Triumph 1985 in Bormio mit 1.749 Millionen.
Erstmals hat Fussball auch quantitativ den Skisport in den Top 100 abgelöst. 39 Fussball-Übertragungen (davon 26 von der EURO) stehen 33 Ski-Livesendungen gegenüber. Dahinter folgen 14 Olympia- Übertragungen, 9 Autorennen, 3 Eishockey-Spiele, der US-Open-Final Roger Federer gegen Leyton Hewitt (Rang 76) sowie der Leichtathletik-Klassiker von Zürich.
Nachwuchsprobleme auch beim Ski-Publikum?
In der Regel machten Skiübertragungen mindestens die Hälfte der Top-100-Sendungen aus. Im letzten Jahr warens noch 53, und 1996, beim letzten kombinierten Fussball- und Olympiajahr, 56, zeitweise sogar über 60. Nachdem der Skisport die letztjährige Krise noch weitgehend unbeschadet überstanden hat, zeigen sich erste Erosionserscheinungen -- nicht nur an den Quoten. Wenn an einem Dezember-Tag mit z w e i Weltcuprennen Markus Fuchs' verletzter Tinka's Boy im Teletext die Schlagzeile ziert, ist das ein unübersehbares Signal.
Ende des Winters 2003/04 stellte SF DRS fest, dass trotz der verkorksten Saison und des Ausfalls der Lauberhorn-Abfahrt sich das Konsumverhalten kaum verändert hat (311'000 Personen pro Rennen im Durchschnitt) und im Slalom sogar eine durchschnittliche Steigerung von 68'000 erzielt worden ist.
Es ist davon auszugehen, dass Junge wie Silvan Zurbriggen oder Daniel Albrecht auch ein jüngeres Publikum ansprechen, ansonsten dem Skisport -- nicht nur auf der Piste -- eine gewisse Überalterung (Durchschnitt knapp über 50 Jahre) droht. Beim einzigen Schweizer Frauen-Sieg durch Nadia Styger wies das TV-Publikum (immerhin 282'000!) sogar ein Durchschnittsalter von 60.4 Jahren auf.
Ähnlich hoch ist das Durchschnittsalter (erstaunlicherweise) im Tennis, noch höher im Reiten und Radsport. Bei Tour-de-France- und Tour-de-Suisse-Übertragungen sind 60er-Altersdurchschnitte die Regel (2. Etappe, Romont - Romont, 64.3). Das jüngste Publikum weisen die Autorennen, vor allem die Qualifikationen, auf, wos zuweilen bis auf 40 Jahre runter geht. Im Fussball beträgt der Durchschnitt in etwa 45 Jahre.
Federers Kampf ums TV-Publikum
In Relation zu seinem internationalen Stellenwert fällt es Roger Federer schwer, eine repräsentative TV-Stammkundschaft aufzubauen, was in den teilweise "unmöglichen Spielzeiten" begründet ist. Schon beim Wimbledon-Triumph 2003 mit 545'000 Zuschauern eher unterdotiert, sahen im letzten Jahr 404'000 seinen US-Open-Sieg gegen Lleyton Hewitt.
Die beiden andern Grand-Slam-Siege lagen noch hinter dem olympischen Zweitrunden-Doppelspiel mit Yves Allegro (376'000) zurück, mit dem der Weltranglisten-Erste den zweiten Top-100-Platz schaffte. Bei seinem zweiten Wimbledonsieg gegen Andy Roddick sassen 321'000 vor dem Bildschirm, fast gleich viele wie bei der Frauen-Abfahrt in Haus oder beim Cup-Viertelfinal Thun - Basel.
Ausreisser im Eishockey
Einen "Ausreisser" nach oben verzeichnete Eishockey mit der Playoff-Overtime Lugano - SC Bern (694 000, Rang 14), was dem Wechsel von SF2 auf SF 1 zu verdanken ist. Zuvor hatten sich 444'000 die Finalissima auf dem zweiten Kanal angeschaut. Selbst ein solcher Wert wurde seit 1997 (Zug - SCB mit 464'000) nicht mehr erreicht. Bei der WM verzeichneten Slowakei - Schweiz (445'000, 49. Rang), beim Spengler-Cup Davos - Canada (329'000, 121. Rang) und Sparta - Davos (262'000, 188. Rang) die höchsten Quoten.
Einer treuen Stammkundschaft erfreut sich weiterhin der Automobilsport mit 9 Top-100-GP (Bestmarke Indianapolis mit genau 500'000, 42. Rang), wogegen Thomas Lüthi im Motorradsport kein einziges Rennen über die 100'000er-Marke zu hieven vermochte.

