26.01.2009

"Die NZZ bleibt zu einem gewissen Grad elitär"

Premiere: Seit drei Monaten hat die NZZ einen neuen CEO, den ersten in ihrer fast 230-jährigen Geschichte. Für Albert Polo Stäheli schliesst sich der Kreis: Der langjährige Chef der Espace Media Groupe ist in Zürich aufgewachsen, bevor er 1981 in die Berner Zeitung AG eintrat. Zuletzt gehörte Stäheli auch der Unternehmensleitung der Tamedia an. Als erste “Amtshandlung” musste er über Weihnachten einen Stellenabbau und die Verkleinerung des legendären Korrespondennetzes bekanntgeben. Das Interview:
"Die NZZ bleibt zu einem gewissen Grad elitär"

Herr Stäheli, wie haben Sie sich bei der NZZ eingelebt?

Mittlerweile gut. Nach nahezu dreissig Jahren Tätigkeit in der gleichen Firma bedeutet dieser Wechsel für mich einen grossen Schritt.

Als erste Handlung haben Sie gerade ein neues Büro mit Seesicht bezogen ...

Diese Geschichte wurde von einem Journalisten der SonntagsZeitung kolportiert. Sogar wenn ich Seesicht hätte, der Grund für meinen Bürobezug hier war ein anderer: Ich will als CEO im Hauptgebäude der NZZ präsent sein und nicht in irgendeinem Nebengebäude.

Wo liegt der grösste Unterschied zwischen der NZZ und Ihrem früheren Arbeitgeber, der Espace Media?

Die Managementaufgabe ist in beiden Häusern die gleiche. Letztlich handelt es bei beiden Firmen um Unternehmen mit Redaktionen, Verlagen, elektronischen Medien und Druckereien. Als Zeitungsprodukt ist die NZZ hingegen für die Schweiz einzigartig und kann mit keinem anderen Titel verglichen werden. Sie lebt von ihrer hervorragenden journalistischen Kompetenz, ihre publizistische Leistung ist in unserem Land konkurrenzlos. Sie ist eine schweizerische Institution.

Deswegen bauen Sie jetzt verschiedene Korrespondentenstellen wie jene im Tessin ab ...

Dies wird sich nicht auf die Qualität der Berichterstattung auswirken. Wir werden das Tessin weiterhin aus dem Tessin bearbeiten, sowohl durch eigene, als auch durch freie Mitarbeiter. Dazu kommt, dass wichtige Tessiner Exponenten häufig auch in Bern anzutreffen sind, wo wir mit mehreren Leuten vertreten sind. Unser Anspruch besteht weiterhin, eine hervorragende qualitative Leistung sowohl im Inland- als auch im Auslandteil zu erbringen.

Wie grenzen Sie sich gegenüber der Verlagsleitung ab?

Das ist kein Thema. Verlagsleiter Daniel Hofer führt als Mitglied der Unternehmensleitung die Verlagsaktivitäten und den Zeitungsdruck in Zürich. Das Gleiche gilt für die Geschäftsleiter bei den Tagblatt Medien in St. Gallen und den LZ Medien in Luzern. Wir beabsichtigen aber, Medienund Druckgeschäft mittelfristig organisatorisch zu trennen, weil es eben sehr verschiedene Geschäfte sind.

Gemäss der Süddeutschen Zeitung hat die NZZ zuletzt durchschnittlich pro Jahr 2000 Abonnenten verloren – also das pure Gegenteil von Wachstum.

Diese Zahl stimmt so pauschal nicht. Die NZZ hat zusammen mit der Online-Reichweite mehr Nutzer als jemals zuvor in ihrer Geschichte.

Aber mit dem Internet lässt sich kein Geld verdienen ...

Auch das ist zu pauschal. Es gibt sehr lukrative Online-Angebote, wenn auch noch nicht unter den Nachrichtenplattformen. Mir ist aber klar, dass man im Online nur als Nummer eins in seinem Marktsegment einen anständigen Gewinn erwirtschaften kann. Die NZZ steht für höchste Ansprüche, Glaubwürdigkeit und journalistische Qualität. Dieser Standard gilt auch für unseren Online-Bereich. Darum erwarte ich weitere Verbesserungen der Rentabilität mit dem erweiterten Angebot. Zum erwähnten Erneuerungsprojekt gehört auch die Integration der Online- und Print-Ressourcen in der Redaktion.

Wie definieren Sie die Nummer eins im Internet?

Für uns heisst das, es muss uns besser als allen anderen gelingen, das oberste Zielgruppensegment, also die Verantwortungsträger und Opinion-Leader, zu erreichen. Dann heben wir uns vom Durchschnitt ab, genau wie im Print. Die Marke NZZ verfügt dazu über beste Voraussetzungen.

Ist dies eine Kampfansage an das Netzwerk, welches der Tages-Anzeiger zusammen mit der Berner und Basler Zeitung betreibt?

Überhaupt nicht. Der Tages-Anzeiger, die Basler Zeitung und die Berner Zeitung sind drei regionale Zeitungen, welche im Internet gemeinsam einen Mantel produzieren und damit versuchen, die kritische Masse zu erreichen. Unser Ziel ist Klasse. Wir müssen uns durch unsere publizistische Leistung abgrenzen, wir müssen den Mut haben, auch zu definieren, wen wir nicht erreichen wollen.

An wen denken Sie dabei?

Man könnte Einkommens- und Ausbildungsmerkmale anführen, aber auch die gesell- schaftliche Stellung, Lebensstile, Verantwortungsbereiche und Interessengebiete oder auch geografische Aspekte.

Daraus lässt sich schliessen, dass die NZZ wieder elitärer werden sollte.

Die NZZ bleibt zu einem gewissen Grad elitär. Es ist aber eine Tatsache, dass die Zahl der Menschen mit einem guten Bildungsstand gegenüber früher stark ansteigt. Auch in beruflicher und politischer Hinsicht ist die Welt nicht einfacher geworden. Es braucht Orientierung. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass eine Gegenbewegung zur Fast-Food- Information entsteht und das Bedürfnis nach vertiefter, reflektierter Information wieder zunimmt. Ganz im Sinne der NZZ.

(Interview: Matthias Ackeret)

--> Das vollständige Interview mit Albert Polo Stäheli ist in der Januar-Ausgabe von "persönlich rot" zu finden.


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