10.02.2021

Kritik an der SRG

«Die SRG entzieht sich der Grundsatzdiskussion»

Gerhard Pfister kritisierte SRF als «Saftladen». Warum? Der Die-Mitte-Präsident spricht zudem über die Halbierungsinitiative und Geld vom Staat für die Verlage.
Kritik an der SRG: «Die SRG entzieht sich der Grundsatzdiskussion»
Gerhard Pfister, fotografiert im Bundeshaus in Bern (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)
von Matthias Ackeret

Herr Pfister, Sie haben auf Twitter SRF als «Saftladen» tituliert. Dies ist doch aussergewöhnlich. Wie waren die Reaktionen?
Grösstenteils zustimmend. Manche stimmten auch zu, weil sie mit dem Programm nicht zufrieden sind. Diesen schrieb ich dann jeweils, dass die Kritik sich nicht an die Medienschaffenden, also die Journalistinnen und Journalisten richtete, weil ich die Programmfreiheit der SRG selbstverständlich respektiere. Sondern die Kritik richtet sich gegen die unternehmerisch verantwortliche Führungsriege.

Und aus der SRG?
Ich erhielt ein ausführliches Statement der Kommunikationsverantwortlichen. Das habe ich durchaus geschätzt. Bemerkenswert waren aber doch auch zustimmende Reaktionen von SRG-Mitarbeitenden.

Nun ist Ihr Parteifreund Jean-Michel Cina SRG-Präsident. Hat er Ihnen geantwortet?
Nein, das muss er auch nicht in seiner Funktion. Und die Parteizugehörigkeit spielt ohnehin keine Rolle. Schon als Doris Leuthard noch verantwortliche Bundesrätin war, pflegte ich mich durchaus kritisch zu äussern gegenüber staatsnahen Betrieben wie etwa auch der Post oder den SBB.

«Die SRG-Leitung setzt mit ihren umstrittenen Abbau- und Sparentscheiden die wichtige Unterstützung aus den Kulturkreisen aufs Spiel»

Was macht die SRG momentan falsch?
Sie hat möglicherweise die falschen Schlüsse aus der wuchtigen Ablehnung der No-Billag-Initiative gezogen. Das Volk hat der SRG das Vertrauen ausgesprochen, in der Erwartung, der Service public werde gestärkt. Kaum war die Abstimmung vorbei, baute die SRG diesen aber ab, und den Overhead aus. Die Verlegung von Sendungen – und Journalistinnen und Journalisten – von Bern nach Zürich, die überdimensionierten und teuren Bauprojekte, das IT-Debakel und die zögerliche, vage und verunsichernde Kommunikation bezüglich des Personalabbaus führen zu einer negativen Dynamik, die die Führung selbst ausgelöst hat. Die Übergriffsvorfälle in der Romandie kommen dazu. Die SRG-Sendegefässe wie «Rundschau» oder «10vor10» oder «Kassensturz» hätten bei solchen Missständen in privaten Unternehmen wohl schon kritische Sendungsbeiträge gemacht und hätten wohl auch mit deutlichen Worten nicht gespart. Aber hier passiert das nicht.

Ein bisschen pointiert gefragt: Braucht es die SRG in der heutigen Form überhaupt noch?
Bei jedem Service public muss man sich regelmässig Fragen stellen: Was ist der Grundversorgungsauftrag? Wer kann diesen Auftrag übernehmen, zu welchen Kosten? Die SRG entzieht sich dieser Diskussion. Die Politik wagt sich nicht, diese grundsätzlich konstruktiven Fragen zu stellen, weil man sich damit die Kritik der SRG-Journalisten einhandeln könnte. Da setzt man lieber auf friedliche Koexistenz, indem man sich gegenseitig schont.

«Die Uneinigkeit der Verleger schadet den privaten Medien»

Hätte eine Halbierungsinitiative mittelfristig eine Chance?
Ich meine ja. Denn die SRG-Leitung setzt mit ihren umstrittenen Abbau- und Sparentscheiden die wichtige Unterstützung etwa aus den Kulturkreisen aufs Spiel. So haben die Kulturschaffenden, die letzten Nibelungentreuen der SRG, gemerkt, dass sie nur solange gebraucht wurden, als es darum ging, kritische Diskussionen um den Auftrag der SRG zu vermeiden.

Wo sehen Sie die Stärken der SRG gegenüber den privaten Anbietern?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Meines Erachtens braucht die Schweiz, will sie die Vielfalt und die unterschiedlichen Regionen auch publizistisch abbilden, einen starken Service public, auch im Medienbereich. Der Zusammenhalt der Schweiz hängt davon ab. Aber ob das nur ein einziges staatsnahes Unternehmen leisten muss und kann, soll von Zeit zu Zeit auch politisch kontrovers diskutiert und hinterfragt werden.

Wie erleben Sie momentan die Diskussion der Presseförderung?
Die Uneinigkeit der Verleger schadet den privaten Medien. Die Presseförderung ist wichtig und richtig, aber sie sollte vor allem den kleinen Medienunternehmen helfen, den Strukturwandel zu schaffen. Und nicht den grossen Medienunternehmen dazu dienen, die Digitalisierung querzufinanzieren. Ich beobachte erstaunt, dass die grossen Medienunternehmen offenbar keine Mühe oder dann aber keine Alternative haben, diese staatliche Unterstützung anzunehmen. Wer sich den Staat ins Haus holt, muss akzeptieren, dass der Staat dann auch bei der Hausordnung mitreden will. Aber wenn selbst der liberale NZZ-Chef Gujer keine Mühe damit hat, Steuergelder zu nehmen, ist diese Sache wohl gelaufen. Er sollte dann einfach der Politik, wenn sie Unternehmen in der Covid-Krise finanziell hilft, nicht mehr «Seuchensozialismus» vorwerfen.

 



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Kommentare

  • Victor Brunner, 10.02.2021 09:51 Uhr
    Pfister hat recht, was SRF heute liefert ist inakzeptabel. Einen teuren Overhead der wenig bringt aber viel kostet zulasten des Programms. Beispiel letzten Sonntag der evangelische Gottesdienst, nicht aus der Schweiz sondern aus Frankfurt am Main, mit Bischof Bedford-Strohm. SRG ist Beispiel für ein Unternehmen das Geld nicht verdienen muss sondern bekommt, entsprechend ist die Geldverschleuderung. Aber Pfister klagt nur, als Parlamentarier könnte er ja die dringend notwendige Diskussion über SRF in "Bern" lancieren. Dass Parteizugehörigkeit keine Rolle spielt ist Unsinn. Die ehemalige BR Leuthard hat alle Register gezogen um CVP Cina ins Amt zu bringen. Jean-Michel Cina, CVP, wäre für Pfister Anlaufstelle, der ist Präsident der SRG und oberster Verantwortlicher. Aber auch Cina scheut die Diskussion, Pöschtli ist ihm wichtiger als Engagement für die ZwangsgebührenzahlerInnen.
  • Andi Neukomm, 10.02.2021 08:16 Uhr
    Gestern in der Hauptausgabe der Tagesschau und der Vorschau auf 10 vor 10: Bigna Silberschmidt gross im Bild, ihre Stimme sekundenlang im off. Gute Nacht um 10 vor 8.
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