"Ihr Chef könnte ein Psychopath sein" -- dies die Textüberschrift, die seit Bestehen der Online-Ausgabe des schwedischen Wirtschaftsblatts Dagens Industri am häufigsten angeklickt wurde. Wer indes die Leserschaft nach ihren Präferenzen befragt, erhält weit weniger boulevardeske Antworten, wie Chefredaktorin Gunilla Herlitz (Bild) ausführte: Leser wünschten Qualitäten wie Glaubwürdigkeit oder Zuverlässigkeit. -- Welche Art von Artikeln soll ein Blatt da liefern?

"Ihr Chef könnte ein Psychopath sein" -- dies die Textüberschrift, die seit Bestehen der Online-Ausgabe des schwedischen Wirtschaftsblatts Dagens Industri am häufigsten angeklickt wurde. Wer indes die Leserschaft nach ihren Präferenzen befragt, erhält weit weniger boulevardeske Antworten, wie Chefredaktorin Gunilla Herlitz (Bild) ausführte: Leser wünschten Qualitäten wie Glaubwürdigkeit oder Zuverlässigkeit. -- Welche Art von Artikeln soll ein Blatt da liefern?

Diese Kluft ist typisch für die Situation der Wirtschaftspresse, die in der herrschenden Krise ihre Fundamente überdenken und dabei offensichtlich zwischen Extremen wählen muss: nationale oder internationale Verbreitung? Komplementär- oder Universalzeitung? Diesen Eindruck vermittelte zumindest die illustre Gesprächsrunde im Hotel Zürichberg, die sich neben dem Londoner McKinsey-Berater Nick Lovegrove aus den vier Chefredaktoren Bernd Ziesemer (Handelsblatt, Düsseldorf), Andrew Gowers (Financial Times, London), Peter Frankl (Finance, Ljubljana) und Gunilla Herlitz zusammensetzte. Moderator war der ESP-Präsident und Verlagsleiter der Handelszeitung, Ralph Büchi (Bild).
Die Äusserungen fielen entsprechend dem Erfahrungsschatz der Teilnehmer vielfältig aus. Andrew Gowers (Bild) gab sich überzeugt, dass Wirtschaftszeitungen kein nationales Geschäft sind. So habe sich für die Financial Times keine Alternative zur Internationalisierung gegeben, als sich der Anteil von international ausgerichteten Artikeln in der nationalen britischen Presse laufend vergrösserte. Inzwischen existierten weltweit fünf verschiedene Ausgaben der FT, neue erstarkende Regionen wie Indien böten auch weiterhin Expansionsmöglichkeiten. Allerdings bedarf der Aufbau neuer Märkte angesichts des starken Wettbewerbs und der regionale Orientierung der Anzeigenkunden grosser Geduld, wie McKinsey-Mann Lovegrove zu Bedenken gab.

Die Äusserungen fielen entsprechend dem Erfahrungsschatz der Teilnehmer vielfältig aus. Andrew Gowers (Bild) gab sich überzeugt, dass Wirtschaftszeitungen kein nationales Geschäft sind. So habe sich für die Financial Times keine Alternative zur Internationalisierung gegeben, als sich der Anteil von international ausgerichteten Artikeln in der nationalen britischen Presse laufend vergrösserte. Inzwischen existierten weltweit fünf verschiedene Ausgaben der FT, neue erstarkende Regionen wie Indien böten auch weiterhin Expansionsmöglichkeiten. Allerdings bedarf der Aufbau neuer Märkte angesichts des starken Wettbewerbs und der regionale Orientierung der Anzeigenkunden grosser Geduld, wie McKinsey-Mann Lovegrove zu Bedenken gab.
Ebenso entscheidend ist aber, welche Leserschaft angesprochen wird. Währenddem die FT die internationale Business-Elite anvisiert, vermochte Dagens Industri mit ihrer breiteren Zielgruppe und einem klar an Schweden orientierten Blickwinkel ihre eigene Erfolgsgeschichte zu schreiben. Klar scheint jedenfalls, dass sich eine täglich erscheinende Wirtschaftszeitung nicht auf reine Wirtschaftsthemen beschränken darf. Vielmehr muss eine inhaltliche Breite erreicht werden. Denn als Konkurrenten treten nicht nur die anderen Wirtschaftstitel auf, sondern auch Tageszeitungen mit guter Wirtschaftsberichterstattung.

Daraus ergibt sich aber nicht, dass Wirtschaftsblätter gleichsam als "Universalzeitungen" die nationalen Titel überbieten sollen. Vielmehr müssen sie, darüber war man sich auf dem Podium nicht zuletzt aufgrund der Leserschaftsforschung einig, als fokussierte Komplementärzeitungen auftreten. Zentral sei dabei, dass bei jedem Artikel ein wirtschaftlicher Blickwinkel eingenommen wird. In der Praxis, so verschiedene der anwesenden Chefredaktoren, bedeute das eine tägliche Gratwanderung beim Entscheid, was thematisch ins Blatt passe. So hat das Handelsblatt gemäss Chefredaktor Ziesemer (Bild) im Verlauf der Jahre immer mehr politische Geschichten aufgenommen, um mit den Mitbewerbern mithalten zu können.
Die grosse, bange Frage aber lautete, wie an solchen Veranstaltungen üblich, auch am EBP-Forum: Ist das Schlimmste schon überstanden? Andrew Gowers war der Meinung, es gehe nach den Extremjahren nun eben darum herauszufinden, was für diese Branche eigentlich normales Wachstum sei. Optimistisch auch Gunilla Herlitz, die bemerkte, dass die gegenwärtige Rentabilität doch eigentlich auch reiche. Der Markt habe lediglich dazu gezwungen, das Geschäftsmodell zu überdenken. Bernd Ziesemer wiederum gab zu Bedenken, dass gemäss ökonomischer Lehre am meisten Unternehmen dann eingehen, wenn die Wirtschaft sich wieder erholt. Er rechnet denn auch mit einer weiteren Konsolidierung -- zumal der Zeitungsmarkt im Allgemeinen noch immer überbevölkert sei und Regulierung und Stolz notwendige Kooperationen verhinderten.
Wobei der von Ziesemer genannte Stolz auffallend zu einer Aussage von Nick Lovegrove (Bild) passte, der die Medienbranche pauschal und doppelsinnig als "Vanity Fair" ("Messe der Eitelkeit") bezeichnete. Damit schloss sich der Kreis zu einer letzten zentralen Frage: Wie kann das ramponierte Image der Wirtschaftspresse wieder verbessert werden? Denn wenngleich die erfrischend kontroverse Gunilla Herlitz feststellte, dass das Vertrauen der Leser bereits wieder erwache, weil sie die Zeitungen auf ihrer Seite sähen, so war man sich insgesamt doch einig, dass die distanzlose Euphorie während des Dotcom-Booms dem Ansehen geschadet haben. Besonders die starke Personalisierung von Geschichten waren da abträglich, fand nicht nur Moderator Ralph Büchi.

Wobei der von Ziesemer genannte Stolz auffallend zu einer Aussage von Nick Lovegrove (Bild) passte, der die Medienbranche pauschal und doppelsinnig als "Vanity Fair" ("Messe der Eitelkeit") bezeichnete. Damit schloss sich der Kreis zu einer letzten zentralen Frage: Wie kann das ramponierte Image der Wirtschaftspresse wieder verbessert werden? Denn wenngleich die erfrischend kontroverse Gunilla Herlitz feststellte, dass das Vertrauen der Leser bereits wieder erwache, weil sie die Zeitungen auf ihrer Seite sähen, so war man sich insgesamt doch einig, dass die distanzlose Euphorie während des Dotcom-Booms dem Ansehen geschadet haben. Besonders die starke Personalisierung von Geschichten waren da abträglich, fand nicht nur Moderator Ralph Büchi.

Als wenig originelles Rezept empfahl daher männiglich Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Professionalität. Was in Zeiten von knapper werdenden Budgets natürlich nicht einfacher wird. Andrew Gowers plädierte für einen skeptischen, investigativen Journalismus. Dafür qualifizierte Journalisten zu finden kann allerdings schwierig sein, wie Peter Frankl (Bild) aus Slowenien berichtete. Bernd Ziesemer pflichtete bei und meinte, gegen fehlendes Know-How helfe nur eine interne Ausbildung. Es gelte bei aller Aggressivität aber zu bedenken, dass die Wirtschaft im Grunde eine gute Sache sei, wandte Nick Lovegrove ein. Hier gelte es ein Gleichgewicht zu finden. Für Gunilla Herlitz jedenfalls gibt es eine simple Strategie zum Erfolg: "Exclusive News."
(Text: Alain Egli, Bilder: Peter Frommenwiler/Stocks).

