Nik Hartmann, seit einer Woche sind Sie aus Mozambique zurück. Haben Sie sich wieder gut eingelebt?
Ich konnte mir in Afrika nicht vorstellen, dass ich mich so schnell wieder an mein Leben in der Schweiz gewöhnen würde. Aber kaum war ich zurück in der Schweiz, ging es hier gleich weiter mit "Jeder Rappen zählt!". Zeit zum Einleben hatte ich also eigentlich gar nicht.
In Mozambique waren sie hautnah dran am Elend dieser Welt. Inwiefern hat die Reise Sie verändert?
Es hat sich eine riesige Schublade in meinem Kopf geöffnet. Es ist mir viel bewusster, dass es auf diesem Planeten ein Leben gibt, das ganz anders verläuft als das unsrige hier. Ich denke sehr oft an die Menschen, die ich dort getroffen habe.
Werden Sie nach Mozambique zurückkehren?
Im Moment wüsste ich nicht wann, denn ich habe in den nächsten Monaten schlichtweg keine Zeit. Am liebsten würde ich sofort zurück und meiner ganzen Familie alles zeigen, was ich gesehen habe.
Fällt es Ihnen nach dem Erlebten nun schwerer, "Schönwetter"-Formate wie "SF bi de Lüt" zu moderieren?
Ich lebe seit 37 Jahren in der Schweiz. Eine Woche Afrika macht aus mir nicht einen komplett neuen Menschen. Und so wie ich hierhin gehöre, passen auch Sendungen wie "SF bi de Lüt" in die Schweiz. Ich passe mich den jeweiligen Geschichten an und wenn ich hier eine heile Welt vorfinde, vermittle ich das auch so.
Wie wichtig war es für Sie persönlich und das Projekt "Jeder Rappen zählt!", dass Sie sich ein Bild vor Ort machen konnten?
Das war wohl etwas vom Wichtigsten überhaupt. Ich habe in Mozambique Referenzprojekte besucht, welche die Spenden dann auch einmal erhalten sollen, wie zum Beispiel die Projekte von Solidarmed und Helvetas. Sonst würde für die Leute offen bleiben, wofür sie denn nun spenden sollen oder genau spenden werden. Ausserdem hilft diese Erfahrung überzeugend und unterhaltsam zu moderieren. Wir müssen unbedingt wissen, wovon wir sprechen.
Mit "Jeder Rappen zählt!" haben das Schweizer Fernsehen, DRS 3 und die Glückskette eine gigantische Spendenaktion ins Leben gerufen. Kann es die Welt tatsächlich verändern?
Meine journalistische Frage war zu Beginn genau dieselbe: Kann ich die Welt verändern, wenn ich einem einzelnen Kind das Leben rette? Ich glaube ja. Man kann vielleicht den heissen Stein nicht zu einem kalten machen, doch man kann ihn mit jedem Tropfen etwas abkühlen. Die Schweiz ist ein sehr solidarisches Land und ich bin überzeugt, dass dank dem Projekt sehr viel Geld für die Malaria-Bekämpfung zusammen kommen wird.
Wie wichtig sind prominente Gesichter wie Adrian Stern, Kurt Aeschbacher oder Bundesräte, die sich für das Projekt engagieren?
Die Prominenten sind sehr wichtig. Einerseits sind sie ein Publikumsmagnet und andererseits auch Vorbilder, mit denen man sich identifiziert. Sie kommen alle freiwillig zu uns in die Glasbox auf den Bundesplatz in Bern und geben uns beispielsweise Auktionsgegenstände, die wir wiederum zu Geld machen können.
Über Facebook, Twitter und die eigens eingerichtete Homepage www.jrz.ch konnten Interessierte sie tagtäglich auf ihrer Reise begleiten und direkt mit Ihnen kommunizieren. Schätzen sie den persönlichen Kontakt zum Publikum?
Der Kontakt zu Menschen ist auch wesentlicher Bestandteil der Arbeit bei meinen übrigen Sendungen. Ich brauche diesen Kontakt und es freut mich auch immer zu sehen, was für Leute meine Sendungen schauen. Wenn ich im Publikum Begeisterung spüre, motiviert mich das sehr. Wenn hingegen Miesmacherei betrieben und alles per se kritisiert wird, ist es dann natürlich weniger schön.
Wurde denn im Zusammenhang mit "Jeder Rappen zählt!" Miesmacherei betrieben?
Nein, bei diesem Projekt gab es dies noch nicht. Natürlich gab es auch einzelne kritische Stimmen oder z.B. Fragen, weshalb wir statt für die Berghilfe für ein Malariaprojekt sammeln.
Und was antworten Sie auf solche Fragen?
Das es das Hauptanliegen von SF und SR DRS ist, für eine sogenanntes "vergessenes Problem" zu sammeln. Malaria ist eine Tragödie, sie sich abseits der medialen Aufmerksamkeit abspielt. Für solche Spendenziele zu sammeln, ist normalerweise sehr schwer. Gerade deshalb wollen wir für eine Woche das Hauptaugenmerk auf ein Thema setzen, das normalerweise nicht in den Schlagzeilen ist.
Was haben Ihnen die Fans über Facebook und Co. sonst noch so geschrieben?
Da gab es alles Mögliche. Ich erhielt "Alles Gute"- Wünsche bis hin zu tiefgründigen Gedanken zum Thema Malaria von Menschen, die schon viel besser Bescheid wissen als wir drei Moderatoren.
Vom 14. bis zum 19. Dezember sitzen Sie mit Ihren beiden Moderationskollegen Judith Wernli und Mario Torriani sehr exponiert in einer Glasbox und werden nonstop vom Publikum auf dem Bundesplatz und von Kameras beobachtet. Wie wichtig ist Ihnen Privatsphäre?
In der Glasbox gibt es auch Privatsphäre. Der Schlaf- und Badbereich ist in einer separaten Box. Da gibt es weder Kameras noch Glasscheiben. Es ist also nicht wie bei "Big Brother". Die Zuschauer sehen in unsere Werkstatt, wo wir arbeiten, und nicht unter unsere Bettdecke.
Weshalb findet das Ganze eigentlich in einer Glasbox statt?
Dramaturgisch ist das sehr spannend. Es nimmt das Publikum wunder, was das Moderations-Trio, das sein Leben aus einer gewohnten Umgebung in die Box verlegt, den ganzen Tag macht und wie es uns dabei geht. Uns gibt es andererseits die Möglichkeit, uns total vom Alltag abzukoppeln. Wir sind wie in einem Raumschiff und haben eine einzige Mission und zwar möglichst viel Geld zu sammeln.
Auf was sind Sie besonders gespannt bezüglich der Glasbox-Woche?
Ich freue mich auf einen hoffentlich grossen Menschenauflauf auf dem Bundesplatz und darauf, dem Publikum das Feuer zu übermitteln, das nun schon seit einigen Monaten in unserem Innern brennt.
Die Spenden können für alle sichtbar auf dem Bundesplatz abgegeben werden. Spenden die Menschen auf diese Art und Weise mehr?
Das kann ich nicht genau beurteilen, die Experten von der Glückskette wissen wahrscheinlich mehr über das Spendeverhalten. Ich kann das nur für mich selbst beantworten. Ich bin eher jemand, der anonym spendet, doch diese Möglichkeit gibt es ja auch bei "Jeder Rappen zählt!" über unsere Website www.jrz.ch oder Telefon. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es zum Beispiel für einen Verein oder eine Firma eine gute Gelegenheit ist, sich über eine Spende an "JRZ" einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen oder etwas Imagepolitur zu betreiben.
Abschlussfrage: Feiern Sie mit Ihrer Familie dieses Jahr anders Weihnachten?
Ja (lacht), wir feiern zum ersten Mal in unserem neuen Haus. Sonst bleibt aber alles gleich. Natürlich haben wir unsere Kinder für das Thema sensibilisiert, doch sollen sie deshalb trotzdem ein schönes Weihnachtsfest haben.
Spendenmöglichkeiten: Überweisung via Postkonto 10-15000-6 Glückskette, 1211 Genf oder via Online-Überweisung an die Glückskette. Alle Informationen zum Projekt: www.jederrappenzaehlt.ch
(Interview: Corinne Bauer)

