09.01.2010

"Ego-Werte werden heute höher gewichtet"

Die Krise bewirkt einen Wertewandel, so der Grundtenor der Trendforscher. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Zu diesem Schluss gelangt in etwa auch die Redaktion des Konsumentenmagazins "Beobachter". Chefredaktor Andres Büchi lancierte zum Jahresauftakt ein Sonderheft, das die Frage stellt: Welt ohne Werte? Als Guideline bediente er sich der Zehn Gebote, künstlerisch in Szene gesetzt vom Fotografen Dan Cermak. "persoenlich.com" sprach mit Büchi über den Wertewandel in unserer Gesellschaft und das redaktionell mutige Experiment angesichts der aggressiv geführten Islam-Debatte. Zum Interview:
"Ego-Werte werden heute höher gewichtet"

Herr Büchi, Sie haben mit Ihrem Redaktionsteam den Wertewandel in der Schweiz untersucht. Was ist Ihr Fazit?

Leider zeigt sich, dass der Eindruck, den uns die Schlagzeilen des vergangenen Jahres vermittelt haben, nicht ganz falsch ist. Werte wie Respekt, gegenseitige Wertschätzung, Toleranz, aber auch Ehrlichkeit und Sorge zur Umwelt sind gefährdet oder werden weniger beachtet. Gesundheit, Familie, persönliche Sicherheit - also Ego-Werte - werden dafür höher gewichtet. Das ergab eine repräsentative Umfrage durch das Institut Konso im Auftrag des Beobachters.

Wo sehen Sie die Ursache dafür, dass traditionelle Werte wie Toleranz und Respekt in der Bevölkerung abnehmen?

Wir leben in einer zunehmend fragmentarisierten Gesellschaft, die den individuellen Erfolg über alles stellt. Die ganze Wirtschaft zielt darauf ab. Die Politik ordnet sich diesen Zielen scheinbar hilflos unter, und vorab die elektronischen Medien feiern alle Formen von persönlichem Erfolg als erstrebenswertes Lebensziel. Die Botschaft lautet überall: Zuerst komme ich, bestenfalls noch die eigene Familie. Es gibt keine Wir-Ziele mehr, wie sie vielleicht hinter dem traditionellen Schweizer Wir-Gefühl einst steckten.

In welcher Hinsicht ist Tradition eine Stärke?

Sie kann dort eine Stärke sein, wo sie sich auf traditionelle Werte besinnt, die der Schweiz als unabhängige, leistungswillige, aber auch auf Gemeinsamkeit und Zusammenhalt bedachte Gemeinschaft zu Ansehen und Erfolg verholfen haben.

Schlagzeilen von gierigen Bankern, unehrlichen Politikern und prügelnden Jugendbanden illustrieren den Wertewandel. Müssten die Menschen wieder vermehrt in die Kirche?

Die Kirche offeriert ein sinnstiftendes Angebot, das den Menschen als Teil eines höheren Ziels einbindet. Insofern kann das helfen. Natürlich kann sich jeder Einzelne und jede Gemeinschaft aber auch ohne religiöse Leitplanken einem höheren Ziel verschreiben statt vorab den Eigennutz im Visier zu haben. Nur fällt es vermutlich etwas leichter auf ein bestehendes, eben vielleicht religiöses Sinnangebot zurückzugreifen als auf ein abstrakt altruistisches Idealverhalten.

Die aktuelle "Beobachter"-Ausgabe trägt den Titel "Welt ohne Werte?" und beleuchtet die Wertfragen anhand der Zehn Gebote. Warum dieser Fokus?

Sie sind der älteste und bekannteste Kodex für ein dem Menschen angemessenes Verhalten. Auch wenn Teile davon je nach persönlichem Glauben überflüssig oder veraltet erscheinen, geben sie doch in wichtigen Teilen klare Anweisungen für ein ethisches Handeln. Es war deshalb aus journalistischen Gründen attraktiv, auf ein solches Konzept zu setzen, auch wenn man das Thema zweifellos ebenso gut anders hätte strukturieren können.

Was hätte man denn für andere Wertesysteme ins Feld führen können?

Wir haben beispielsweise geprüft, statt der Zehn Gebote einen Wertekatalog vorzulegen mit Tugenden wie "Fairness", "Ehrlichkeit", "Fleiss", "Toleranz", "Respekt" gegenüber der Mit- und Umwelt etc. Auch anhand solcher Werte, die für eine Gemeinschaft allgemein als gut erachtet werden, hätten wir die Debatte lancieren können.

Die Zehn Gebote sind im aktuellen "Beobachter" fotografisch ungewöhnlich frech inszeniert worden. Ist das nicht etwas provozierend angesichts der aggressiv geführten Islam-Debatte?

Der Fotograf Dan Cermak hat die Gebote für uns künstlerisch umgesetzt. Keines der Bilder verunglimpft andere Personen. Die Fotos sollen aber gewollt provozieren und neugierig machen, vielleicht auch Widerspruch auslösen. Immerhin wollen wir, dass wir über die bei uns geltenden Wertmassstäbe nachdenken.

Wie hat die Leserschaft auf das Sonderheft reagiert?

Bis jetzt ausserordentlich positiv. Wir erhielten zahlreiche telefonische Gratulationen. Was mich selber erstaunt hat und sich natürlich noch ändern kann. Wir sind ja erst seit zwei, drei Tagen am Kiosk. Aber gefreut hat mich vor allem die Bereitschaft unserer Leserschaft, sich wirklich in alle unsere Texte zu vertiefen.

Wenden sich in der Krise eigentlich mehr Menschen an den "Beobachter"?

Sie kommen mit andern Anfragen auf uns zu. Die Experten in unserer Beratung geben mehr Auskünfte an Personen, die ihre Arbeit oder ihre Wohnung zu verlieren drohen. Ausserdem hatten wir bei unserer Stiftung SOS Beobachter im vergangenen Jahr über 2500 Anfragen für Hilfestellungen, so viele wie noch nie zuvor.

Der "Beobachter" hat einen Relaunch hinter sich. Wie geht es dem Heft heute?

Wir haben das so genannte Krisenjahr 09 wirtschaftlich sehr gut überstanden und mussten kaum Werbeeinbrüche hinnehmen. Das zeigt, dass der Relaunch geglückt ist. Bei den Leserzahlen konnten wir bei der letzten Erhebung zum ersten Mal seit längerem gar wieder leicht zulegen, was im gegenwärtigen Umfeld sicher ein sehr gutes Zeichen ist.

(Interview: Christian Lüscher)

Das Titelbild des aktuellen "Beobachters" stellt die provozierende Frage: Welt ohne Werte?


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