24.11.2005

Ringier

Einstieg in den Gratiszeitungsmarkt weiterhin unklar

Beim Ringier-Konzern herrscht nach wie vor Unschlüssigkeit über einen Einstieg in den Schweizer Gratiszeitungsmarkt. "Wir sind noch zu keiner Antwort gelangt", erklärte CEO Martin Werfeli (Bild) am traditionellen Herbst-Mediengespräch. Vor allem dank seinem Engagement in Osteuropa rechnet Ringier für 2005 mit einem Umsatz- und Gewinnsprung von 10 Prozent. Sorgen bereiten Michael Ringier im Gegenzug die Lesegewohnheiten der jungen Generation.
Ringier: Einstieg in den Gratiszeitungsmarkt weiterhin unklar

Werfeli bestätigte am Mediengespräch, dass der Konzern an einem neuen Gratiszeitungsprojekt arbeitet("persoenlich.com" berichtete). Ob es sich dabei um "Cash daily" oder das Projekt "Der Tag" handelt, liess er aber offen. Geprüft würden verschiedene Varianten, nicht nur eine Konkurrenzierung des erfolgreichen Tamedia-Titels 20 Minuten werde ins Auge gefasst. Den Einstieg in den Gratiszeitungsmarkt wagt das Unternehmen indessen anderswo: Im fernen Prag startet Ringier am kommenden Montag das erste Pendlerblatt. Dabei handelt es sich nur um einen von mehreren Titel, die Ringier im laufenden Jahr im osteuropäischen Markt lanciert.

Neben einem Einstieg in den Gratiszeitungsmarkt macht sich die Konzernleitung offenbar auch Gedanken über die Entwicklung der neuen Medien. "Wir sind überzeugt, dass nach dem Platzen der Internet-Blase im Jahr 2001 nun eine Welle kommt, die substanzstärker ist“, so Werfeli. Derweil neue Anbieter wie Google ins Anzeigengeschäft drängen, gelte es für Ringier, seine Kräfte rechtzeitig zu bündeln. Werfeli sieht Ringier hier in einer guten Ausgangslage: "Mit seinen Titeln auf dem Zeitschriften- und Zeitungsmarkt, mit dem Internet- und TV-Angebot, verfügt kaum ein anderer Konkurrent über ähnliche Voraussetzungen wie Ringier", so Werfeli selbstbewusst.

Licht am Ende des Tunnels bei Cash

Positiv entwickelt sich laut dem Ringier-CEO die TV-Sparte des Konzerns. Das wichtige Ziel, vermehrt Sendungen für das Schweizer Fernsehen zu produzieren, habe man erreicht. Die Comedy-Sendung "Genial daneben" wird ab Anfang Jahr auf SF 2 starten und soll im Frühling ins Programm des ersten Kanals aufgenommen werden. Weiterhin produziert Ringier die Quiz-Sendung "5 gegen 5" und die Kochsendung "al dente".

Licht am Ende des Tunnels sieht Werfeli bei Cash. Zum ersten Mal seit vier Jahren verzeichnet die Wirtschaftszeitung eine steigende Auflage. "Wir sind optimistisch, dass dieser Trend anhalten wird", frohlockte CEO Werfeli am Herbst-Mediengespräch. Auch Cash online entwickle sich hinsichtlich der Userzahlen wie auch der Einnahmen positiv. Zum Projekt "Cash Daily" verriet Werfeli nichts, was nicht schon bekannt ist.

Sie + Er:

Der Abwärtstrend beim Blick konnte laut Werfeli im Gegenzug noch nicht gestoppt werden, er flacht sich aber ab. Dem neuen Verlagsleiter Dietrich Berg wird die schwierige Aufgabe zuteil, den Verlag neu zu organisieren. Angestrebt wird vor allem eine stärkere Position im Lesermarkt. Blick Online wird nach dem Redesign in den kommenden Wochen vermehrt Leserbindungsaktionen durchführen.

Im Gegensatz zum Blick weist der SonntagsBlick eine "stabile, bis leicht steigende" Auflagenentwicklung auf. Werfeli will nicht ausschliessen, dass dieser Trend mit dem im vergangenen Frühling lancierten, viel gescholtenen Magazin "Sie + Er" zusammenhängt. Im Weiteren jedoch hielt sich Werfeli mit einer Einschätzung des neuen Magazins zurück. "Gut Ding will Weile haben", so der Ringier-CEO lapidar. Er will erst zwölf Monate nach der Lancierung von "Sie + Er" eine öffentliche Standortbestimmung vornehmen.

Veränderte Lesegewohnheiten

Die vielen -- vor allem in Osteuropa -- vorgenommenen Investitionen im laufenden Jahr wirken sich markant auf den Geschäftsgang von Ringier aus: Werfeli rechnet für 2005 mit einer Umsatzsteigerung von zehn Prozent. Zugleich soll sich der Vorsteuer-Gewinn um zehn Prozent erhöhen. Letztes Jahr hatte Ringier 1,114 Milliarden Franken Umsatz und 55,6 Millionen Franken Gewinn erzielt.

Trotz dieser erfreulichen Zahlen zeichneten sich auf Michael Ringiers Gesicht Sorgenfalten ab. Das Medienverhalten der jungen Menschen gibt dem Verleger Rätsel auf. Niemand wisse, wie man heutzutage die Jungen erreiche. Was er allerdings wisse, sei, wie man in einer Zeit, in der ein riesiges Angebot an Informationsquellen herrsche, auf die veränderten Lese-Gewohnheiten nicht reagieren sollte: Als schlechtes Beispiel nannte Michael Ringier die Traditionszeitungen NZZ, FAZ und Süddeutschen, die zur Wahl Merkels praktisch übereinstimmend auf der Front titelten „Angela Merkel zur Kanzlerin gewählt“. "Da müssen wir uns nicht wundern, wenn die jungen Leute nicht an den Kiosk rasen", schimpfte Ringier. Der Journalismus sei nun gefordert.

In einem sich rasch wandelnden Umfeld will Ringier einstweilen an der Institution Familienunternehmen festhalten. Für den Verleger überwiegen dessen Vorteile. Ob das auch in Zukunft noch so sei, oder ob die Grösse zum bestimmenden Faktor werde, erachtet er als ungewiss. Ob Ringier in fünf oder zehn Jahren eine Familienfirma bleibe, oder zu einem börsenkotierten Unternehmen werde, liess er am Mediengespräch offen.


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