11.01.2020

Neue Zürcher Zeitung

Eric Gujer ruft zu Selbstkritik und Dialog auf

Heute vor 240 Jahren erschien die NZZ zum ersten Mal. Auch damals seien es Zeiten des Umbruchs gewesen, schreibt Chefredaktor Eric Gujer in einem Kommentar auf der Front. Die Kritik an den Medien sei für guten Journalismus eine Chance.
Neue Zürcher Zeitung: Eric Gujer ruft zu Selbstkritik und Dialog auf
Gedruckte Ausgaben der NZZ im Jahr 2015. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

«Kann man Medien vertrauen?»: Unter diesem Titel kommentiert Chefredaktor Eric Gujer am Samstag das 240-jährige Bestehen der «Neuen Zürcher Zeitung». Am 12. Januar 1780 erschien das Blatt zum ersten Mal. Auch damals veränderten Aufklärung und Industrialisierung gerade die Welt. Heute entstünden neue digitale Angebote, während traditionelle Medien mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfen und sich angesichts fundamentaler Kritik rechtfertigen müssten, schreibt Gujer weiter. Der Vorwurf der «Lügenpresse» sei nur der lauteste.

Gujer ist überzeugt: «Nur wer bereit ist, sich der Kritik auszusetzen und Widerspruch zu provozieren, wird auch Zustimmung erfahren.» Das allein genüge aber nicht. Journalisten würden wie Banker mit Vertrauen handeln. Die einen verkaufen Geld, die anderen Informationen. Fehle aber das Vertrauen in eine Banknote oder eine Information, seien beide wertlos.

Eine Zeitung sei ein Stück Identität. Sie niste sich in den Hirnen und Herzen ihrer Leser ein. Sie verkaufe eben nicht einfach ein Produkt, sondern sie biete eine Beziehung an. Dafür brauche sie selbst eine Identität und ein Anliegen, das über den Gelderwerb hinausgeht. Weil die Zeitung nicht dem Neutralitätsgebot des staatlich regulierten Rundfunks unterliege, differenziere sie sich durch ihre politische Haltung und ihren eigenen Blick auf die Welt. Deshalb, schreibt Gujer weiter, sei es auch ein «Unding, dass Politiker und Bürokraten darüber nachdenken, wie sie private Medien an das Gängelband direkter staatlicher Förderung legen können.»

Zum Schluss ruft Gujer dazu auf, den Wandel positiv zu sehen. Die Digitalisierung erfordere die Fähigkeit zur Selbstkritik und das Bewusstsein, dass Leser nicht einfach Empfänger von Botschaften seien. Sie gestalten durch ihre Erwartungen und ihre Reaktionen das Medium mit. Digitalisierung bedeutet Disruption im journalistischen Selbstverständnis. (wid)



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Kommentare

  • Henri Leuzinger, 11.01.2020 14:29 Uhr
    Eigenartig, wie Gujer als Beispiel der "Gegenöffentlichkeit im Internet" die Satire mit dem Kinderchor im WDR bemüht und die köstliche Sequenz "Oma ist ne Umweltsau" aus dem Kontext heraulöst und zur Verunglimpfung von Rentnern als Umweltsäue ins Absurde hinaufstilisiert. Es gäbe ganz gewiss andere, gewichtigere Beispiele als diesen fröhlich-frechen Kinderreim, um das Problem zu illustrieren.
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