07.02.2023

Künstliche Intelligenz

«Es geht darum, zukunftsfähig zu sein»

In der Medienbranche findet künstliche Intelligenz zunehmend Verwendung. Hautnah bei den Schweizer Verlagen dabei ist Systemintegrator A&F Systems. Innovationsspezialistin Sabrina Meier sagt, was künftig auf die Redaktionen zukommen könnte.
Künstliche Intelligenz: «Es geht darum, zukunftsfähig zu sein»
«Von totaler Offenheit bis zu totaler Verweigerung sehen wir alles», sagt Sabrina Meier, Head of Business Analysis & Strategy bei A&F Systems. (Bilder: zVg, Pixabay)
von Christian Beck

Frau Meier, wie lange braucht es noch Journalistinnen und Journalisten?
Die werden nicht heute oder morgen aussterben. Investigativer Journalismus, das Analysieren und Aufzeigen von komplexen Zusammenhängen, das Einordnen von Fakten und Themen im Diskurs oder Kontext – da sind wir jetzt noch nicht so weit, dass ein Roboter diese Arbeiten ausführen könnte. Aber auch hier gilt vermutlich: Es wird sie noch lange geben, aber wohl einfach anders.

A&F Systems installiert und betreibt Redaktionssysteme unter anderem bei CH Media, NZZ, Ringier oder TX Group. Alle Medienhäuser setzen bereits auf künstliche Intelligenz (persoenlich.com berichtete). Spüren Sie ein verstärktes Interesse seitens Ihrer Kundschaft?
Absolut. Das Thema ist omnipräsent, das merken wir auch bei Anfragen und im Austausch mit Kunden und Interessenten. In der Schweiz und im benachbarten Ausland.

«Künstliche Intelligenz wird dieses Jahr richtig zum Durchbruch kommen», sagte Ladina Heimgartner, CEO der Blick-Gruppe. Liegt sie richtig mit ihrer Prognose?
Ein Durchbruch in dem Sinne, dass KI beim Erstellen von journalistischen Inhalten unterstützt, ist zu erwarten. Aber eben auch im nicht-redaktionellen Bereich, im Marketing und Sales.

Was kann heute ein Redaktionssystem, was es vor fünf Jahren noch nicht konnte?
Content First statt Print First, weil sich die Anforderungen und Arbeitsabläufe stark verändert haben. Weg vom Ansatz, dass in erster Linie eine Zeitung produziert wird, hin zum Ansatz, dass es primär um die Erstellung eines Inhaltes geht, der dann auf verschiedenste Kanäle ausgespielt wird. Und da haben sich insbesondere neue Möglichkeiten der digitalen Formen und nahtlose Ausspielungsmöglichkeiten aufgetan.

«Das Tool hat derzeit weder Fantasie noch astrologische Skills»

Bei einem grossen deutschen Medienhaus ist ein Tool im Einsatz, das unter anderem Horoskope verfasst. Deutet da die künstliche Intelligenz astrologische Zusammenhänge – oder fantasiert sie einfach irgendetwas zusammen?
Das Tool hat derzeit weder Fantasie noch astrologische Skills, es stützt sich auf einen Datenpool. Das ist die Antwort für die Rationalen und das Grounding der überzeugten Horoskopleser. Sorry.

Blicken wir nicht in die Sterne, sondern in die Zukunft: Was wird noch möglich sein?
Dass die KI nicht mehr hauptsächlich für Fiktion, VIP-Porträts oder umgangssprachlich «Seichtes» zum Einsatz kommt, sondern sie sich auch insbesondere im Newsbereich etabliert. Da kann sie nicht nur bei der Erstellung, sondern auch bei der Liveauswertung von Inhalten eine grosse Hilfe sein. Artificial Intelligence kann und soll Journalisten in seriösen Bereichen unterstützen, gewisse Arbeiten komplett übernehmen.

Was heisst das konkret? 
Zum Beispiel, dass mehrere Meldungen verschiedener Agenturen zu einem konkreten Thema via KI zu einem einzigen redaktionellen Inhalt werden. Und zwar mit dem gewünschten Aufbau – also Titel, Lead et cetera. Ebenso prüft das Tool die korrekte Übernahme von Inhalten aus dem Basismaterial. Der neu geschriebene Text wird auf Einzigartigkeit geprüft und die Einzigartigkeit wird mit einem Score – 0 bis 100 Prozent – deklariert.

Gerade ChatGPT nimmt es mit den Fakten nicht so genau. «Die künstliche Intelligenz macht noch keinen Unterschied, ob die Information erfunden oder aus dem Netz gefischt wurde», sagte Luitgard Hagl, Creative Lead bei Jung von Matt Limmat, in einem persoenlich.com-Interview. Wie soll da eine künstliche Intelligenz zuverlässig Fakten checken können?
Es geht im konkreten Fall um die Zuverlässigkeit der Datenbasis. Also darum, was man der KI zur Verarbeitung zur Verfügung stellt.

«Der Konsument muss wissen, mit was er konfrontiert ist»

Derzeit geht es auch um Fragen, ob durch künstliche Intelligenz erzeugte Inhalte deklariert werden müssen. Welche Haltung vertreten Sie?
Ja, es braucht Transparenz. Das sage ich jetzt nicht nur aus der Sicht meiner aktuellen Position bei der A&F, sondern auch als langjährige Journalistin. Der Konsument muss wissen, mit was er konfrontiert ist, wie ein Inhalt entstanden ist, um den Inhalt auch vor diesem Hintergrund einordnen zu können. «Deklarieren» an sich ist meiner Erfahrung nach negativ konnotiert. Das muss sich ändern.

Wie sieht es beispielsweise aus mit investigativen Recherchen oder Reportagen, die auf persönliche Eindrücke setzen? Das wird eine KI nie erledigen können …
Nie ist so absolut. Hier stellt sich mir nicht in erster Linie die Frage, ob es möglich ist, sondern, ob es richtig ist.

Technisch machbar ist heute und in naher Zukunft vieles. Die Frage ist also: Soll die KI überall dort, wo es möglich wäre, tatsächlich Menschen ersetzen?
Ich sehe ZHAW-Professor Vinzenz Wyss und Kollegen vor meinem inneren Auge, wie sie «d'Händ verrüered». Die Sicht der A&F ist, dass Journalismus nicht nur ein Handwerk ist, sondern er eine – auch kritische – Aufgabe hat, er ein Grundpfeiler der Demokratie ist. Aber das Fass der Medien- oder Informationsethik machen wir besser in einem separaten Interview auf.

Inwieweit beraten Sie Medienhäuser, wo ethische Grenzen sinnvoll wären?
Diese Themen kommen immer mehr auf. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass wir bezüglich Beratung einen klaren Rahmen abgesteckt hätten. Und ebenso, wenn ich sagen würde, dass die A&F die Lösung gefunden hat und ganz genau weiss, wo denn diese «ethische Grenze» genau liegt. Trotzdem: Wir sind ein Systemintegrator. Viele Unternehmen haben selbst Leute, die sich genau um diese Frage kümmern. Mit diesen stehen wir im Austausch, wenn das gewünscht wird.

«Jedes Unternehmen muss sicherstellen, dass ihm auf dieser Reise finanziell nicht die Puste ausgeht»

Ich wage zu behaupten: Den Medienhäusern geht es hauptsächlich um das Sparpotenzial und nicht wirklich darum, innovativ zu sein …
Es geht übergeordnet darum, zukunftsfähig zu sein. Dazu müssen neue Wege beschritten werden. Gleichzeitig muss jedes Unternehmen auch sicherstellen, dass ihm auf dieser Reise finanziell nicht die Puste ausgeht. Die, mit denen wir zu tun haben, haben entschieden, dass es sie auch in Zukunft noch geben soll. Wenn sie sagen würden: «Uns ist es die letzten 20, 30 Jahre gut gegangen. Jetzt ist Schluss und das ist okay so», dann würden sie uns ja nicht mehr brauchen. Allerdings sehen wir in der Gruppe der Zukunftswilligen eine sehr breite Spanne, was den Zeitpunkt betrifft, wann sie nicht nur entschieden haben, dass es sie weiterhin geben soll, sondern sie auch tatsächlich aktiv geworden sind. Klar, in der Theorie lässt sich leicht sagen: «Innoviere. Erfinde dich, dein Businessmodell neu, wenn es dir gut geht, bevor du den Zenit im Zyklus überschritten hast.» In der Praxis haben das nicht alle geschafft. Und dann wird es schwierig.

Wenn Sie Redaktionen im Umgang mit den neuen Möglichkeiten schulen, wie gross ist die Akzeptanz gegenüber künstlicher Intelligenz?
Von totaler Offenheit bis zu totaler Verweigerung sehen wir alles. Grundsätzlich, wenn es um «Neues» geht, nicht nur um KI. Bei Schulungen ist die Akzeptanz da oder eben nicht. Zu diesem Zeitpunkt ist der Hase aber schon längst gelaufen. In den Schulungen zeigt sich lediglich, wie gut das Change Management bis dahin war. Die Leute einbeziehen und alle Hebel in Bewegung setzen, um sie an Bord zu haben, ist von Tag eins an das Wichtigste.

Wann ersetzt eigentlich die künstliche Intelligenz die Arbeit eines Systemintegrators, also Ihren Job?
Ich habe meine Kristallkugel leider gerade nicht zur Hand, deshalb kann ich diese Frage nicht mit absoluter Sicherheit beantworten. Ich denke aber, dass die mehr als 40 Jahre Erfahrung, welche die A&F als Systemintegrator hat, diesen Zeitpunkt schon noch ein Momentchen nach hinten verschieben. Aber meinen aktuellen Task, das Beantworten Ihrer Fragen, hätte ich bekanntlich heute schon sehr gut auslagern können. Habe ich aber nicht.



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Kommentare

  • Cyril Meier, 07.02.2023 09:18 Uhr
    Auch in diesem soliden und differenzierten Interview wird klar, dass die Technik KI/AI übertriebene Besorgnis bis Schaudern auslöst, weil sie falsch heisst. Treffender und damit neutraler wäre eine Bezeichnung wie Automated Compilation.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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