Karl Spoerri, Nadja Schildknecht, Sie haben bei der Opening Night des Zurich Film Festival gesagt, Sie hätten keine Ahnung gehabt, worauf Sie sich einliessen. Was haben Sie nicht geahnt?
Karl Spoerri: Wir waren davon überrascht, wie viel Arbeit und welch grossen Aufwand die Gestaltung eines Filmprogramms, die Finanzierung und die Organisation eines solchen Filmfestivals mit sich bringt. Wir haben auch nicht unbedingt mit dem anfänglichen Gegenwind gerechnet, der uns aus der Kulturecke und von der Presse entgegenblies.
- Nadja Schildknecht: Wenn man sich unverblümt und ohne Angst auf etwas einlässt, kann man Berge versetzen. Wir hätten aber nie gedacht, dass die ganze Sache so gross wird. Obwohl man wahrscheinlich hätte damit rechnen müssen, wenn man den Anlass Zurich Film Festival nennt. Wir hatten eine Idee und diese wollten wir umsetzen.
Dem Zurich Film Festival schlug einige Skepsis entgegen, als die ambitionierten Pläne bekannt wurden. Freuen Sie sich nun, dass Sie es den Skeptikern gezeigt haben?
Spoerri: Es ging nie darum, den Skeptikern etwas zu beweisen. Ich freue mich vor allem über die Besucherzahl von über 8000 Zuschauern und über die gute Stimmung, die während dem Festival geherrscht hat.
- Schildknecht: Die Besucherzahl hat unsere Erwartungen übertroffen. Viele im Vorfeld skeptische Leute -- sowohl von der Presse wie auch aus der Filmbranche -- zeigten sich uns gegenüber im Nachhinein positiv überrascht.
Hand aufs Herz: Haben Sie manchmal am Erfolg gezweifelt?
Spoerri: Solche Momente gibt es immer. Gerade bei einem Projekt, das sich über mehrere Monate erstreckt, schwebt einem das Scheitern zwischendurch vor den Augen. Man hat Angst zu versagen oder befürchtet, dass sich am Schluss niemand für das Festival interessiert.
- Schildknecht: Zweifel gehören ebenso wie Selbstvertrauen dazu. Wer aber nur vom Selbstvertrauen geführt wird, ist zu wenig sensibel für ein solches Projekt. Es braucht gewisse Zweifel, um sich hinterfragen zu können.
Der Tages-Anzeiger hat geschrieben, das Problem des Festivals sei "seine Positionierung in einem vielgesättigten Markt". Mit den Filmfestivals in Solothurn, Nyon und Locarno sei die Schweizer Festivallandschaft gut bestückt. Es bestehe keine "schreiende Notwendigkeit für ein Filmfestival in Zürich. Was entgegnen Sie dieser Aussage?
Spoerri: Eine Stadt wie Zürich muss sich sicher nicht den Vorwurf gefallen lassen, dass es keinen Platz für ein Filmfestival gibt. Der Publikumserfolg zeigt das Gegenteil. Es besteht offenbar durchaus bei vielen Leuten das Interesse an einem solchen Anlass. Das kulturelle Angebot von Zürich ist gross und wird immer von allen Seiten gelobt. Es ist doch grotesk, nun zu sagen, jetzt sei es zuviel Kultur.
Es ist dem Zurich Film Festival schnell gelungen, vier Hauptsponsoren zu bekommen. Warum war das so einfach?
Schildknecht: Zugegeben, im Verhältnis zu anderen Projekten haben wir unsere Sponsoren relativ schnell gefunden. Das war aber nicht einfach. Dahinter steckt harte Arbeit.
Hat die Ausstrahlung der Metropole Zürich bei der Sponsorensuche geholfen? Ist es einfacher ein Zürcher Filmfestival zu verkaufen als Filmtage in Solothurn?
Schildknecht: Das glaube ich nicht. Zürich ist zwar eine Stadt mit internationaler Ausstrahlung, das muss aber nicht zwangsläufig ein Vorteil sein. Zürich als Standort hätte uns auch zum Verhängnis werden können, weil das kulturelle Angebot in der Stadt sehr gross ist. Und was öffentliche Gelder angeht, hatten wir sogar einen Standortnachteil, da in Zürich viel mehr Projekte um Fördergelder buhlen. Für die privaten Geldgeber ist ausschlaggebend, ob sie ihr Zielpublikum erreichen können. Davon waren Credit Suisse, Nokia, Orange und USM offensichtlich überzeugt.
Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno, glaubt, dass Zürich sein Festival finanziell schwächen könnte. Besteht die Gefahr, dass sich die Festivalveranstalter gegenseitig die Sponsoren abjagen und der Schwächere auf der Strecke bleibt?
Spoerri: Diese Befürchtungen sind völlig absurd. Locarno hat mit Abstand das grösste Budget aller Schweizer Filmfestivals. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Locarno hat sich so gut etabliert -- als eines der weltweit besten Festivals mit einer langen Tradition --, dass ich überhaupt nicht sehe, warum wir eine Gefahr darstellen sollten. Solaris Reaktion ist für mich so unverständlich, wie wenn sich Microsoft Gedanken über einen kleinen Computerkonzern machen würde, der ein eigenes kleines Programm entwickelt.
Das Programm des Festivals -- insbesondere der Wettbewerb -- wurde von der NZZ als "gehaltvoll" gelobt. Auf der anderen Seite wird kritisiert, dass mit dem grossen Programmangebot -- Wettbewerb, Fassbinder-Retro, Digitalfilmfestival "onedotzero", Nostalgikerreihe "Züri Bellevue", Lifestyle-Sektion "Smashing Sport" -- ein Gemischtwarenladen eröffnet worden sei, anstatt spezielle Angebote herauszustellen. Wird man künftig dass Programm mehr in eine Richtung fokussieren?
Spoerri: Das Programm hatte eine sehr klare Richtung. Es sollten einerseits Nachwuchstalente entdeckt und gefördert werden. Andrerseits wollten wir die Vielfalt an Möglichkeiten im Umgang mit dem bewegten Bild veranschaulichen. Grundsätzlich sind wir unserem Anspruch gerecht geworden. Wir wollen dem Zurich Film Festival aber noch mehr Profil, noch mehr Konturen geben, um die eingeschlagene Richtung zu verstärken.
Die erste Ausgabe des Zurich Film Festival ist am Sonntag zu Ende gegangen. Wie lautet Ihr persönliches Fazit?
Schildknecht: Es ist uns gelungen das Interesse der Medien und des Publikums zu wecken. Zürich hat das Filmfestival gespürt. Es war ja für mich persönlich auch eine Premiere, ein solch grosses Projekt zu betreuen. Es gibt sicher Sachen, die ich das nächste Mal anders machen werde aber grundsätzlich bin ich sehr zufrieden, wie es im ersten Jahr gelaufen ist.
- Spoerri: Ich bin ebenfalls sehr zufrieden mit dem Verlauf des Festivals. Und ehrlich gesagt, bin ich selber überrascht, wie gut das Festival schlussendlich angekommen ist. Es hat mich speziell gefreut, dass gerade die Leute aus der Filmbranche, die sehr kritisch sind, lobende Worte zu unserem Programm gefunden haben.
(Interview: Stefan Wyss)

