Herr Hebein, auch Sie verbringen seit Beginn der Coronakrise viel Zeit im Homeoffice bei Ihnen in Bern. Was vermissen Sie?
Es gibt wirklich schlimmere Orte als Bern, um diese aussergewöhnliche Zeit zu überstehen. Aber «mein» Café – das Lirum Larum in der Altstadt – für Kaffee und Zeitung fehlt mir schon sehr, ebenso die Besuche in Wien bei Freunden und Familie. Und der Frühling lässt sich für meinen Geschmack auch etwas zu lange Zeit in diesem Jahr.
Sie haben für die Studie «Newsroom im Homeoffice» 36 Redaktionen im DACH-Raum befragt. Was fehlt den Befragten am meisten?
Der «Tratsch» in der Kaffeeküche fehlt nahezu allen. Das war aus mehr als 60 Fragen der Umfrage tatsächlich die eindeutigste Antwort. Da gibt es eine seltene Einigkeit zwischen Chefredaktoren, Management sowie Journalistinnen und Journalisten.
«Homeoffice wird zu einem normalen Arbeitsmodell auch für Redaktionen»
Seit 20 Jahren werden Newsrooms gebaut – seit einem Jahr stehen diese leer. Werden die Medienschaffenden zurückkehren?
Ja, aber es hat sich klar gezeigt, dass Homeoffice künftig zu einem normalen Arbeitsmodell auch für Redaktionen wird. Das war zuvor überhaupt nicht der Fall. Künftig wird mindestens ein Drittel der Journalistinnen und Journalisten regelmässig auch von zu Hause arbeiten. Das ist schon bemerkenswert, dass plötzlich so ein Arbeitsmodell auch in tagesaktuellen Medienhäusern funktioniert.
Und was heisst das für die Newsrooms? Bleiben die unverändert bestehen?
Nein, die Newsrooms erfahren die erste grosse Zäsur seit Aufkommen des Modells vor 20 Jahren. Ein wichtiger Punkt: Die Flächen werden kleiner. Das betrifft insbesondere die grösseren Strukturen mit mehr als 500 Quadratmetern. Mehr als 50 Prozent der Befragten halten ihre Newsrooms für zu gross. Ein knappes Drittel hält sogar eine Reduktion von mehr als 20 Prozent für sinnvoll.
Die Newsrooms werden also kleiner. Inwiefern wird sich die Infrastruktur verändern?
«Homeoffice» ist ja nur ein Teil eines gesamten Trends, der unter «New Work» zu verstehen ist. Und ein wesentliches Element dabei ist, dass sich auch Struktur, Ausstattung und Flächen der Meetingräume verändern werden. Meetingräume werden vermutlich sogar ausgebaut und ein sehr wichtiges Element in Newsrooms mit hohem Homeoffice-Anteil.
Wer wird künftig noch in den Newsrooms arbeiten?
Ein Teil der – auch schon jetzt – freien Flächen wird künftig von anderen Berufsbildern besetzt werden. Technisch orientierte Mitarbeitende, Entwickler, Designer, Datenjournalisten, Projektleiter, Kommunikationsspezialisten. Das ist ein Trend, der ohnehin schon im Gange ist, und durch die Entwicklung mit Homeoffice jetzt noch verstärkt wird.
Für Medienhäuser wird eine aktive Auseinandersetzung mit «New Work» notwendig sein, so eine weitere Erkenntnis Ihrer Studie. Weshalb wird das nötig?
Für einen Teil der Mitarbeitenden – nicht für alle – ist die Flexibilität der Arbeitsmodelle ein extrem wichtiger Aspekt. Und dazu kommt, dass die sogenannten «Young Professionals» ganz andere Bedürfnisse und Werte haben, als sie bisher in Medienunternehmen üblich waren. Um diese Menschen künftig überhaupt für die Medienbranche zu interessieren, müssen Medienhäuser offensiv mit «New Work» umgehen. Sonst droht das Gleiche wie aktuell bei Entwicklern: Nur wenige Entwickler interessieren sich für die Medienbranche, obwohl die Medienhäuser sie händeringend suchen.
Was schätzen Sie: Wenn Homeoffice zur Normalität wird, wird sich langfristig die Qualität von Medienprodukten verändern?
Es ist die Verbindung vom Besten zweier Welten. Der Newsroom hat in Sachen Zusammenarbeit, Innovationskraft, Schnelligkeit weiterhin unglaublich viele Vorteile. Wenn es nun gelingt, jenen Teil der Mitarbeitenden mit Bedarf nach anderen Arbeitsmodellen ebenso in die Workflows zu integrieren, kann das der Medienbranche zu einem wirklichen Schub verhelfen.
«Die Sorge vor Demotivation ist bei allen Beteiligten gross»
Wo sehen Sie die Probleme, wenn Journalistinnen und Journalisten vermehrt von zu Hause arbeiten?
Zum einen: Für viele ist Homeoffice nicht geeignet. Flexibilität ist wichtig. Und auch die Umfrage hat gezeigt: Die Sorge vor Demotivation ist bei allen Beteiligten gross. Ebenso besteht die Sorge, dass langfristig die Identifikation mit dem Unternehmen sinkt – ein besonders gefährlicher Aspekt für Medien und ihre Produkte.
Wie sieht das eigentlich in Sachen Infrastruktur aus? Müssen die Unternehmen in den Homeoffices voll ausgestattete Büros einrichten?
Aus der Umfrage ist zu erkennen, dass es noch Differenzen gibt, in welchem Ausmass sich Unternehmen an den Kosten der Ausstattung beteiligen sollen. Einigkeit herrscht aber zumindest darin, dass ohne sehr hohe technische Qualität bei der Infrastruktur zu Hause alle Prozesse leiden. Daher sollte es im Selbstinteresse der Unternehmen sein, dafür zu sorgen, dass die Arbeitsplätze zu Hause perfekt sind. Das ist die Grundvoraussetzung, damit die Modelle funktionieren. Der acht Jahre alte Laptop und eine schlechte Internetverbindung werden zu wenig sein.
Und arbeitsrechtlich? Was wird sich da verändern?
52 Prozent der Befragten glauben, dass noch «leichte Anpassungen in Einzelbereichen» notwendig sind, für 14 Prozent sind «starke Anpassungen» notwendig. Das Thema «Arbeitszeiten» wird oft angeführt, auch die Kosten für die Infrastruktur und Aufwendungen zu Hause, wie Strom oder Verbrauchsmaterial.
Ihre Studie beleuchtete auch die Frage, was weiterhin für den Newsroom spricht. Ganz kurz: Was ist es?
86 Prozent der Befragten sagen, für die Produktion von «Multimedia-Services» ist der Newsroom der ideale Ort. «Schnellere Abläufe» oder «aktuellere Inhalte» sprechen für mehr als zwei Drittel ebenso für Newsrooms. Und die Mehrheit meint, dass «Innovation und Produktentwicklung» auch besser im Newsroom funktioniert.
Wie unterscheidet sich hier die Schweiz von den Nachbarländern Deutschland und Österreich?
Der Aspekt «Kostenersparnis» als «positiver» Faktor für mehr Homeoffice ist besonders stark in der Schweiz ausgeprägt, nämlich bei glatten 90 Prozent. In Österreich und Deutschland waren es nur rund 50 Prozent. Die «Unternehmenskultur» als mögliches Hindernis für mehr Homeoffice ist in der Schweiz mit 28 Prozent ein eher vernachlässigbares Thema, in Österreich sind es 75 Prozent. In Deutschland sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für alle Befragten mehr oder weniger geklärt. In der Schweiz sieht ein Drittel noch Anpassungsbedarf.
Sie stellen auch fest, dass die interne Kommunikation für den Erfolg eines Newsrooms ein entscheidender Faktor sein wird. Weshalb?
Das ist eine Haupterkenntnis. Drei Gründe – erstens: Die Arbeitsabläufe in Newsrooms werden ohnehin immer komplexer und vernetzter. Zweitens: Mehr Homeoffice macht die offensive und nachhaltige Kommunikation zusätzlich noch viel wichtiger als bisher. Drittens: In Newsrooms entwickeln sich die Strukturen immer mehr in Richtung Matrix-Organisationen, gerade dort ist innovative und offensive Kommunikation extrem wichtig. Die interne Kommunikation wird zum absolut entscheidenden Faktor für den Erfolg von Medienhäusern. Nicht-Kommunikation oder die Aufforderung an die überforderte Redaktionsassistenz, «doch mal schnell die Dienstanweisung per Mail an alle auszusenden», wird in Zukunft viel zu wenig sein.
«Jetzt momentan ist eine grosse Chance für Medienhäuser vorhanden»
Sie selber waren bei Keystone-SDA und vollzogen die Integration des neuen dreisprachigen Newsrooms in Bern (persoenlich.com berichtete). War Ihre Arbeit also für die Katz?
Ich bin aus vielen Gründen nach wie vor begeistert von den Möglichkeiten von Newsrooms, aber: Mit den Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate und den Möglichkeiten, die sich mit mehr Flexibilität auftun, wäre vielleicht die eine oder andere Entscheidung damals anders ausgefallen.
Was ist spannender für einen Journalisten: Der derzeitige Wandel in Richtung Homeoffice oder der damalige Wandel, als Newsrooms populär wurden?
Wenn Medienhäuser das Thema offensiv und ohne Scheuklappen angehen, kann das «Konzept Newsroom» einen wirklichen innovativen Schub nach vorn erfahren. Und sowohl den Mitarbeitenden als auch dem Management einiges an Erleichterung bringen. Insofern ist jetzt momentan eine grosse Chance für Medienhäuser vorhanden. Das sollte doch sehr spannend sein.
Für die Untersuchung wurde eine quantitative Umfrage unter Expertinnen und Experten zwischen 1. Februar 2021 und 10. März 2021 durchgeführt. 53 Vertreter aus 36 Redaktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben an der Umfrage teilgenommen.
Marcus Hebein ist österreichischer Journalist und Medienmanager. Er berät internationale Redaktionen und Unternehmen in den Bereichen Changemanagement, Innovationsentwicklung, Kommunikation und Redaktionsmanagement. Die 43-seitige Studie kann für 540 Franken bezogen werden.



