02.06.2005

"Frau Mühlberger, wann kommt die nächste Sparrunde?"

Wieder einmal ist die WOZ nur dank einer Spenden-Notaktion einem finanziellen Crash entronnen. Die zum Überleben benötigten 300'000 Franken sind zusammengekommen. Zugleich kündigte das Linksblatt jedoch am Donnerstag auch einschneidende Reorganiationsmassnahmen an: Zwei Redaktoren werden entlassen, Ressorts zusammengelegt. Welche Konsequenzen der Aderlass auf die Qualität der WOZ hat und wie künftige finanzielle Schieflagen verhindert werden sollen, sagte WOZ-Co-Geschäftsleiterin Verena Mühlberger im Interview mit "persoenlich.com".
"Frau Mühlberger, wann kommt die nächste Sparrunde?"

Glückwunsch, der schwer angeschlagene Patient WOZ hat ein weiteres Mal überlebt. Wann kommt die nächste Sparrunde?

Wir wissen, dass die WOZ auch längerfristig nicht von Abo- und Inseratverkäufen leben kann. Doch statt immer wieder von neuem Überlebenskampagnen starten zu müssen, hoffen wir auf kontinuierliche Beiträge des Förderverein ProWOZ.

Trotzdem, die wiederkehrende Finanznot ist zumindest für Marktgläubige ein untrügliches Zeichen dafür, dass es das Produkt WOZ nicht braucht. Was entgegnen sie diesen Stimmen?

Es gibt die WOZ nun seit bald 25 Jahren. Von Anfang an war Teil des Konzepts, dass die Unterstützung der Leserinnen und Leser ein finanzielles Standbein von uns sein muss. Aus der neuerlichen Finanzkrise ziehen wir den Schluss, dass wir den Förderverein ProWOZ stärken müssen. Nur so können wir uns vor den Schwankungen im Inseratebereich auch in Zukunft schützen.

Auch andere Zeitungen können trotz schwierigem Anzeigenmarkt ohne Spendenaktionen überleben...

Grössere Zeitungen wissen im Gegensatz zu uns grosse Sponsoren und Inserenten hinter sich. Diese wollen jedoch meistens auch redaktionell dreinreden. Im Gegensatz dazu hat hie WOZ hat ihre Unabhängigkeit bewahrt. Freiheit und Qualität haben eben ihren Preis.

Rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung stimmt links. Da müssten sich doch eigentlich auch Anzeigenkunden finden...

Auf eben dieser Grundlage wollten wir unseren Anzeigenbereich stärken. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage geht dieser Aufbau jedoch weit langsamer von Statten als geplant. Wir merken sowohl bei politischen Kampagnen als auch bei NGOs, dass im Moment alle Ihr Geld am Zählen sind. Zumal gerade im politischen Bereich viele Kunden davon ausgehen, dass unsere Leser ihre Meinung schon gemacht haben, und die Kampagnen in anderen Zeitungen schalten.

Der Anteil des Anzeigengeschäfts an den Gesamteinnahmen liegt unter 20 Prozent. Woran liegt das: Am wirtschaftsfeindlichen Inhalt der WOZ oder an deren kleinen Auflage?

Hauptgrund ist wohl die kleine Auflage, wie uns unserer Inserate-Akquisitor immer wieder bestätigt. Trotz allem: Wir konnten unser Inseratevolumen in den letzten Jahren im kommerziellen Bereich in beträchtlichem Masse steigern. Lediglich im traditionellen Umfeld haben wir verloren, also bei den Kleininseraten.

Ist die Reorganisation als Eingeständnis zu verstehen, dass der Relaunch von 2003 ein Fehlschlag war?

In inhaltlicher Hinsicht nicht, denn seit dem Relaunch 2003 ist die Zahl der Abonnenten um 1'500 auf über 13'000 gestiegen. Die Einführung eines Wirtschaftsteils sowie die vielen anderen Neuerungen waren deshalb richtig. Neben den enttäuschenden Anzeigenverkäufen bei den kleinen Inseraten haben wir aber die Kosten, die aus dem Relaunch der Zeitung entstanden sind, unterschätzt. Unser Problem ist denn auch vor allem ein organisatorisches.

Ist es das erste Mal, dass die WOZ Mitarbeiter entlässt?

Nein, nicht ganz. wir waren schon einmal gezwungen die Mitarbeitern zu kündigen, als wir die Regionalausgabe Luzern eingestellt haben. Damals jedoch waren sich die Betroffenen bewusst, dass Sie lediglich provisorisch angestellt waren.

Gehen Entlassungen bei der WOZ auf eine andere Art und Weise von Statten als bei „normalen“ Zeitung?

Bei uns laufen die Entscheidungsprozess anders. Das Plenum aller Mitarbeiter trifft die Beschlüsse. In diesem Rahmen wurde auch entschieden, dass die Personalkosten gesenkt werden müssen. Eine vom Plenum gewählte Arbeitsgruppe arbeitete im Anschluss an den Beschluss ein Sparkonzept aus, die Umsetzung wurde darauf gutgeheissen. Der Abbau war also ein gemeinsamer Prozess, der rund einen Monat dauerte.

Sind die Entlassungen für die Leserinnen und Leser gleich bedeutend mit einem publizistischen Leistungsabfall?

Nein, das ist nicht so. Wir werden dank der Reorganisation effizienter arbeiten können. Durch die Bildung von Grossressorts werden wir Synergien nutzen können.

In welchen Bereichen wird gespart?

Die grösste Neuerung ist, dass es nicht mehr ein Ressort Kultur gibt, sondern die Bereiche Kultur, Leben und Szene zusammengeschlossen werden. Damit gewinnen wir an Flexibiliät, weil die einzelnen Redaktoren auch in den anderen Bereichen schreiben können.

In Frankreich wurden linke Zeitungen wie la Libération und LeMonde von Bankiers und Waffenhändlern aufgekauft. Lag der Woz nie ein Übernahmeangebot von ähnlicher Seite vor?

Nein, wenn’s so wäre hätten wir das schon kommuniziert. (lacht)


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen