08.01.2006

"Für mich ist der Zeitungsmarkt Zürich die Deutschschweiz"

Der Tages-Anzeiger treibt mit aller Kraft seine Regionalisierungsstragie voran. Vier neue Splits sollen im Herbst 2006 auf den Markt kommen: Der City-Split für die Stadt Zürich, je eine Ausgabe fürs Unterland und das Oberland sowie eine für das rechte Zürichsee-Ufer. "Der Tages-Anzeiger muss in Zürich wieder der unangefochtene Leader sein", sagt Rolf Bollmann, seit Anfang Jahr Verlagsleiter des Tages-Anzeigers, im Interview mit "persoenlich.com" -- auch wenn es auf Kosten anderer Zeitungen geht.
"Für mich ist der Zeitungsmarkt Zürich die Deutschschweiz"

Her Bollmann, Sie seien in der Champions League angelangt, haben Sie kurz nach ihrem Wechsel von 20 Minuten zum Tages-Anzeiger gesagt. Was genau meinen Sie damit?

Meine Aussage soll ausdrücken, dass der Tages-Anzeiger allein von den journalistischen Möglichkeiten her gesehen in einer anderen Liga spielt als 20 Minuten. Das Pendlerblatt hat aber auch nicht den Auftrag, journalistische Qualität analog Tagi zu repräsentieren. 20 Minuten hat eine andere Qualität -- nämlich die konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe.

Ihre alten Kollegen von 20 Minuten werden sich über solche Aussagen nicht eben erfreut zeigen...

Betrachten Sie doch einmal die unterschiedlichen Budgets der beiden Titel. Da kann doch die journalistische Qualität nicht dieselbe sein. Das sind Welten. Ich meine dies aber nicht despektierlich -- im Gegenteil. Schliesslich habe ich 20 Minuten während über sechs Jahren aufgebaut und zu einem hoch rentablen Produkt entwickelt. Und vergessen Sie nicht: Journalistische Qualität ist nie ein Garant für wirtschaftlichen Erfolg. Wenn sie in ihrer Mannschaft zwar qualitativ hochwertige Spieler haben, die aber das Tor nie treffen (Leserzielgruppe) dann verlieren sie alle Spiele und keiner kauft mehr eine Saisonkarte (Zeitungsabo).

Sie haben sich über sechs Jahre lang für die Etablierung des Pendlerblatts eingesetzt. Nun ist 20 Minuten in erster Linie ein Konkurrent von Ihnen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Ich möchte auch hier eine Analogie zum Fussball bemühen: Es gibt Spieler, die haben über Jahre hinweg bei den Grasshoppers gespielt und sind danach zum FCZ gewechselt. Natürlich ist die Umstellung für mich nicht einfach, denn ich habe meine Arbeit stets mit totalem Engagement verrichtet. Es vergehen sicher noch einige Tage bis ich mich wieder mit dem gleichen Herzblut der neuen Herausforderung widmen kann. Mich erwartet ja auch eine relativ schwierige Aufgabe. Denn bevor die jüngeren Menschen ca. Fr. 300.- -für ein Tagi-Abo ausgeben, prüfen sie sehr genau, ob die Zeitung ihre Informationsbedürfnisse erfüllt oder ihnen die "Gratis-Medien" wie TV, Radio Internet, 20 Minuten usw. genügen. Und das Zauberwort heisst Differenzierung. Dort stark sein wo die anderen schwach sind -- nämlich mehr Hintergrund im Mantel, und mehr Informationen für die Leser aus ihrem sozialen Umfeld sprich Lokalkolorit. Aber das weiss der Chefredaktor besser als ich.

Der Tages-Anzeiger will mit einer Regionalisierungsstrategie die frühere Vormachtsstellung zurückgewinnnen. Was sind die Grundzüge der Strategie?

Auch wenn es viele nicht gerne hören werden: Für mich ist werbetechnisch die Deutschschweiz gleichbedeutend mit Zürich. Hier muss der Tages-Anzeiger der unangefochtene Leader sein. Es ist zwingend notwendig, dass er hier auf über 50 Prozent Reichweite kommt. Jeder, der an der Mediaplanung beteiligt ist, muss wissen, in Zürich gibt es nur einen Titel, der für die Planung relevant ist. Und all diese gesuchten Kombis, Pools usw. werden überflüssig.

Gemäss uns vorliegenden Informationen werden vier neue Regionalausgaben realisiert: Der City-Split für die Stadt Zürich, je eine Ausgabe fürs Unterland und das Oberland sowie das rechte und das linke Seeufer. Richtig?

Unsere Überlegungen gehen in diese Richtung, ja. Ich habe aber den Segen des Verwaltungsrates noch nicht.

Welchen Weg favorisieren Sie: Eine schrittweise Lancierung der Regionalsplits oder eine zeitgleiche?

Für mich gibt es nur einen Weg: Alle Regionalausgaben müssen gleichzeitig gestartet werden.

Wie sieht der Fahrplan aus?

Vielleicht bis Ende 2006, vielleicht auch nicht. Wir sind im Trainingslager und Peter Hartmeier und ich bauen die Mannschaft.

Die Region Winterthur/Andelfingen sowie das Säuliamt und das Limmattal wollen Sie nicht mit Regionalausgaben abdecken. Weshalb?

Dagegen sprechen gewisse strategische Überlegungen. Der Tages-Anzeiger ist mit dem Landboten bereits verbunden. Im Limmattal sind es andere Ueberlegungen, auf eine Regionalausgabe zu verzichten.

Ein wenig konkreter?

Ich nenne unsere regionale Konkurrenz "unsere 3 Freunde"! Den Zürcher Oberländer, der Zürcher Unterländer und die Zürichsee-Zeitung.

Weshalb dann die Lancierung eines stadtzürcher Citysplits?

Der Tagi hat auch im Bezirk Zürich eine tiefe Reichweite. Mit zusätzlichem Lokaljournalismus aus der Stadt werden wir dazu gewinnen. Zusätzlich bieten wir den Stadtzürcher KMU’s eine interessante und kostengünstige Werbeplattform mit wenig Streuverlusten.

Kommen die Regionalsplits in Tabloid oder Broadsheet?

Hier befinden wir uns noch in der Analysephase. Eine Arbeitsgruppe evaluiert diese Sachfrage. Bisher ist noch nichts entschieden.

Falls der Tagi die vier Splits lanciert, wird die Konkurrenz sich wohl zusammenschliessen. Planen sie einen Verdrängungskampf?

Ich bin Leiter Zeitungsmarkt Zürich. Mein Auftrag ist es, den Zeitungsmarkt Zürich zugunsten der Tamedia-Gruppe zu bereinigen. Und dieses Ziel will ich erreichen. Der Tages-Anzeiger muss an Reichweite gewinnen -- und leider geht es vermutlich auf Kosten anderer Zeitungen.

Dazu passt, dass Sie kürzlich vom Untergang der NZZ gesprochen haben...

Wie gesagt: Für mich ist der Zeitungsmarkt Zürich die Deutschschweiz. Wenn wir hier eine Marktbereinigung haben, dann hat dies Auswirkungen auf die gesamte deutsche Schweiz. Aber weil die Menschen immer älter werden, wird es die NZZ bestimmt noch lange geben.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen