28.03.2017

Tätowierte SRF-Moderatorin

Grosses Medienecho auf die TV-Kritik

Die Zeilen von René Hildbrand über die Tattoos der Radiofrau Bettina Bestgen haben hohe Wellen geworfen. Nicht nur haben sich etliche Kommentarschreiber engagiert geäussert, auch viele Medien berichteten darüber. Derweil hat Bestgen neu einen magistralen Follower auf Twitter.
Tätowierte SRF-Moderatorin: Grosses Medienecho auf die TV-Kritik
Die «Virus»-Stimme Bettina Bestgen moderierte eine Woche lang als Gastmoderatorin «Glanz & Gloria». (Bild: SRF/Oscar Alessio)
von Christian Beck

Als Gastmoderatorin der SRF-Peoplesendung «Glanz & Gloria» durfte Bettina Bestgen nicht nur eine Woche lang aus dem Studio moderieren, sondern am Freitag auch in einer Live-Übertragung vom Schweizer Filmpreis in Genf berichten. Dabei interviewte die 29-Jährige unter anderem Bundesrat Alain Berset. Gut sichtbar: Ihre Tattoos. «Eine so überladen ‹bemalte› Moderatorin lässt man nicht an einen Bundesrat ran. Und überhaupt nicht vor die Kamera», schrieb daraufhin TV-Kritiker René Hildbrand auf persoenlich.com. Hildebrands Meinung sorgt seit Sonntag für eine leidenschaftliche Diskussion pro und kontra Tattoos am Fernsehen (persoenlich.com berichtete).

Medieninteresse geweckt

Diverse Medien machten die TV-Kritik in den letzten beiden Tagen zum Thema. Aktuellstes Beispiel: «Glanz & Gloria» am Dienstagabend. Moderator Salar Bahrampoori solidarisierte sich mit Bettina Bestgen und führte die Zuschauer mit «tätowierten» Unterarmen durch die Sendung. «Egal welche Kultur, Hautfarbe, Religion, ob schwul, lesbisch oder tätowiert – bei uns sind alle richtig und herzlich willkommen», so die Begrüssung.

In der «Blick am Abend»-Titelstory vom Dienstagnachmittag sagt René Hildbrand: «Ich bin ein Mann von heute. Grossflächige Tattoos gehören nicht ins Fernsehen.» Anderer Meinung ist Giada Ilardo, Geschäftsführerin der Schweizer Giahi-Tattoo-Studios. Hildbrand schrieb in der TV-Kritik, dass er das Stachelarmband um Michelle Hunzikers Oberarm «sexy» findet. «Daran sieht man, dass er keine Ahnung hat und darum ein 90er-Tribal lässig findet», sagt Ilardo dazu. Grosszügiger zeigt sich der 67-Jährige im «Blick am Abend» bei Kleidern: «Ein Décolleté fände ich viel schöner.»

bam

«Watson» erkundigte sich bei René Hildbrand über die Does and Don'ts in der TV-Branche». Die Autorin wollte vom TV-Kritiker wissen, ob sie sich nun als junge Journalistin ihre Tattoos müsse entfernen lassen. «Selbstverständlich nicht», antwortete Hildbrand, aber: «Es gibt auch für Frauen schöne Kleider, die die Arme bedecken.»

«Auf persoenlich.com prügelt ein TV-Kritiker heftig auf Jungmoderatorin Bettina Bestgen ein», schreibt «20 Minuten». Die Pendlerzeitung holt sich ein Feedback von Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor von persoenlich.com und «persönlich», ein. Ackeret sagt, dass die Kolumne die Meinung des Autoren widerspiegle und nicht zwingend jene der Redaktion sei. Aber: «Es ist doch eine interessante Debatte. Und wir publizieren auch die Meinungen der Gegenseite», sagt Ackeret zu «20 Minuten».

Dies blieb nicht unbemerkt. «In den Kommentarspalten von persoenlich.com löste René Hildbrands Kritik sogleich heftige Reaktionen aus», bilanziert der «Tages-Anzeiger». Und auch die «Schweizer Illustrierte» fasst das Geschehene ausführlich zusammen.

Auch der Medienpranger, der Blog gegen sexistische Berichterstattung, meldet sich zu Wort. «Faszinierend, wie Herr Hildbrand es schafft, dieser vor Sexismus triefenden Kritik auch noch einen Schuss Rassismus zu verleihen, indem er Bestgens Tätowierungen mit der ‹Kriegsbemalung› der ‹Indianer› vergleicht», heisst es.

Auch bei den Radios das grosse Thema

Auf Radio SRF 3 wollte Moderator Stefan Büsser am Montagnachmittag von anderen TV-Kritikern wissen, was sie zum Auftritt der tätowierten Moderatorin meinen. Roger Kuster von der Fernsehzeitschrift «Tele» gab Hildbrand in dem Punkt recht, dass bei einem Interview mit einem Bundesrat die Kleidung «seriöser» daherkommen sollte. Aber: «Für ein Format wie ‹Glanz & Gloria› finde ich es wunderbar, wenn so junge Effekte dabei sind wie Tattoos und Piercings. Das ist alles Unterhaltung und ein Abdruck des Lifestyles von heute», so Kuster. Und «TV-Checker» Peter Padrutt vom «Blick» meint: «Tattoos sind heute in der Gesellschaft angekommen und stellen kein Problem mehr dar. Im Gegenteil: Sie machen eine Person vielleicht noch etwas interessanter.»

Roman Kilchsperger, Moderator von Radio Energy Zürich, kritisiert am Dienstagmorgen seine Berufskollegen, die sich «Pro Bettina» mobilisiert haben und René Hildbrand teilweise gar zu einer Entschuldigung auffordern. «Freunde, wenn ihr eure Fresse auf dem Schirm habt, dann wisst ihr, dass hin und wieder mal ein Eiskübel runterkommt», so Kilchsperger. Das gehöre nun mal zum TV-Geschäft. Und Hildbrand pflichtet bei: «Es wird niemand mit einer Pistole im Rücken gezwungen, vor eine Kamera zu stehen. Also muss man mit solcher Kritik auch umgehen können.»

Einige Umfragen lanciert

Einige der Medien haben zu ihren «Tattoo-Storys» auch gleich Umfragen lanciert. Das Resultat auf «20 Minuten»: Die meisten Leser schlagen sich auf die Seite von Bestgen. «Dennoch: 37 Prozent fanden die Kritik berechtigt», heisst es in der Dienstagsausgabe zur Titelstory der Pendlerzeitung. Ähnlich waren die Umfrage-Resultate auch beim Tagi. Bei der Online-Umfrage des Regional-TV-Senders Telebasel finden rund 65 Prozent Tattoos im Fernsehen völlig normal. 24 Prozent der Leser sind der Meinung, man sollte die Tattoos im TV eher verdecken.

Und was sagt Bettina Bestgen selbst dazu? In den Medien hat sie sich nicht geäussert – und auch das Angebot auf eine Replik auf persoenlich.com schlägt sie aus. Unter einem Facebook-Post von Moderationskollege Stefan Büsser schreibt sie aber: «Zuerst hat mich der Artikel traurig gemacht, danach hässig. Und dann dachte ich, dass alle Menschen mit Hirn, welche im 2017 leben, dasselbe denken werden wie ich. Amen.»

Bestgen hat einen promintenten Follower

Alain Berset jedenfalls scheint sich an den Tattoos von Bestgen nicht gestört zu haben. Er folgt ihr nun auf Twitter:

Übrigens: Berset folgt auch @persoenlichcom, dem Twitter-Kanal von persoenlich.com. René Hildbrand twittert nicht.



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Kommentare

  • aktivistin.ch, 01.04.2017 10:56 Uhr
    Herr Hildbrands Antworten zeigen, dass er leider gar nichts verstanden hat. Hier also eine feministische Erklärung zum „Tattoo-Gate“ und was es mit Sexismus, male gaze und bodyshaming zu tun hat: http://www.aktivistin.ch/news/2017/4/1/der-alte-mann-und-das-tattoo
  • Rosmarie Kälin, 29.03.2017 08:30 Uhr
    Ich finde es sicher im Übermass nicht unbedingt schön, aber es ist ok. Mann muss ja doch dazu sagen dass Frau Bestgen vielleicht nicht bewusst ist - und wenn doch, so glaube ich nicht das es ihr zutrifft - das z.B Ihre Spinnennetz-tattoo an den Ellenbogen bedeutet dass sie jemanden in Gefängnis getötet hat. Und manche tattoos sind ja auch anstössig z.B die F-U (stinkfinger) Zeichen gerade oberhalb den Spinnennetz an Ihrer Unterarm. Und den Herrn Hildebrand eins auswischen weil er auf 90er Jahre triviales steht ist ja auch lächerlich - weil er out ist... Tattoos sollen ja nicht in dem Sinn "modisch" sein weil es hebt ja länger als das. Es soll ja eine persönliche Bedeutung haben für derjenige der sie trägt. Aber man sollte vielleicht doch schauen ob es auch eine andere Bedeutung hat!
  • Roman Wasik, 29.03.2017 08:14 Uhr
    Jetzt moderiert diese Frau eine Woche lang eine Sendung und alles was bleibt, sind ihre tätowierten Arme...
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