23.09.2009

"Gut muss ich nicht so streiten, das wäre nicht mein Stil"

Radio 24 hat Grund zum Feiern: Das älteste und hörerstärkste Privatradio der Schweiz wird 30 und zelebriert dieses Jubiläum mit einer riesigen Party im Oktober. Im Gespräch mit "persoenlich.com" äussert sich die Programmchefin Karin Müller zum Erfolgsrezept des Traditionssenders, zum negativen Konzessionsentscheid für Konkurrent Energy Zürich und zum Streit zwischen Roger Schawinski und Dani Büchi. Zudem spricht die gebürtige Baslerin Klartext, was im Schweizer Radiomarkt schief läuft: "Man kann doch nicht alle Privatsender künstlich klein halten." Das Interview:
"Gut muss ich nicht so streiten, das wäre nicht mein Stil"

Frau Müller, Radio 24 feiert dieses Jahr sein 30-Jahr-Jubiläum. Wären Sie nicht lieber zu Anfangszeiten Programmleiterin gewesen?

Als ich etwa 13 Jahre alt war, gab es in Basel einen Piratensender, bei dem wir jeweils unsere eigenen Kassetten einschickten. Und dann gebannt eine halbe Stunde Piratenradio hörten. Das war eine sehr aufregende Zeit. Es hat schon einen besonderen Reiz, etwas ganz Neues ins Leben zu rufen und als Teil einer kleinen, verschworenen Gruppe für seine Ideale einzutreten. Nochmals eine solche Phase zu erleben, in der z.B. eine ganz neue Technologie fürs Radio entdeckt wird, fände ich sehr spannend. Aber die Gegenwart als Radio 24 Programmleiterin und Chefredaktorin ist sehr erfüllend.

In den letzten 30 Jahren ist viel passiert. Was für Traditionen hat Radio 24 beibehalten?

Als ich bei Radio 24 das Zepter übernahm, war meine Hauptaufgabe, herauszufinden, was die Stärken des Senders sind und auf was wir im Programm verzichten können. Denn wer alles macht, macht nichts. Nach einer ersten Evaluation haben wir die Informationsleistung verstärkt. Wir sind schnell vor Ort des Geschehnisses und nahe beim Publikum. Das sind Dinge, die den Sender schon immer ausgezeichnet haben. Radio 24 liess sich nie abschütteln und war von Beginn weg das Sprachrohr der Menschen im Sendegebiet. Die Programmmacher setzten sich mit einer eigenen Radiostation für ein weltoffenes, modernes Zürich ein. Was sich verändert, ist der Markt und das Umfeld. Insbesondere wird der Markt unter immer mehr Anbietern aufgeteilt.

Nach Radio 1 kommen nun mit Radio 105 und später mit Radio Monte Carlo für den Raum Zürich gleich zwei weitere neue Konkurrenten. Ist Radio 24 bereit?

Es ist toll für Zürich, dass es so viele Medien gibt. Doch man muss schon sehen, dass mit neuen Markteintritten der Kuchen auch nicht grösser wird, sondern immer kleiner. Wir sind aber gewappnet und unser Ziel ist natürlich ganz klar, weiterhin die Nummer Eins zu bleiben. Ansonsten ist es für mich als radioaffine Frau immer spannend zu beobachten, was die neuen Sender bieten.

Man wird das Gefühl nicht los, dass Radio 24 ein Selbstläufer ist, der sich seit Jahren an der Spitze behauptet. Könnte man sagen, dass wenn sich der Schweizer für einen Sender entschieden hat, diesem treu bleibt, egal was die Konkurrenz macht?

Es ist eine Theorie, dass Radiohörer sehr treu sind. Radio 24 ist aber sicher kein Selbstläufer. Der Erfolg kommt nicht von nichts. Teil des Erfolgsrezeptes ist die totale Hingabe und Identifizierung mit dem Sender unserer Mitarbeiter. Das spürt man zwischen den Zeilen im Programm. Im Moment, in dem man denkt, dass alles geschenkt ist und von alleine läuft, hat man schon verloren.

Wenn der Hörer also sehr treu ist, hat ein neuer Sender überhaupt eine Chance?

Ein neues Radio hat sehr wohl eine Chance. Es geniesst zu Beginn viel Aufmerksamkeit allein aufgrund der Tatsache, dass es eben ein neues Radio ist. Wenn ein neues Restaurant eröffnet, ist dieses in den ersten Monaten auch immer ausgebucht. Wenn aber das Essen nicht schmeckt, sitzt bald niemand mehr drin.

Radio 24 ist ein starker Brand. Inwiefern hängt der Erfolg damit zusammen, dass die Marke stark in den Zürcher Köpfen verankert ist?

Eine Marke muss man immer wieder neu beleben, sonst ist sie tot. Wir haben viel verändert, seit ich vor eineinhalb Jahren zum Sender gestossen bin. Die Morgenshow z.B. haben wir komplett umgestellt und umdesignt, aber eben in der Art und Attitude von Radio 24. Wichtig ist der Widererkennungswert, der Hörer muss beim eigenen Sender eine Heimat finden.

Wie wichtig sind Aushängeschilder, wie früher David Karasek, für einen Sender?

Sehr wichtig. Unser Konzept ist es jedoch, nicht nur Aushängeschilder zu haben. Mit Patrick Hässig haben wir auch wieder einen bekannten Namen an Bord. Eine andere witzige Möglichkeit ist, eine völlig unbekannte Person zu einem Aushängeschild aufzubauen. Ö3 hat das einmal gemacht. Sie veranstalteten ein riesiges Casting, wählten einen Tankwart aus und pushten diesen zum bekannten Morgemoderator.

Der Ton in der Branche wird aggressiver. Aktuellstes Beispiel war die Auseinandersetzung zwischen Roger Schawinski und Dani Büchi. Warum?

Radio ist das emotionalste Medium. Energy stand vor dem Konzessionsentzug. Ich bin froh, dass ich nicht so streiten muss, das wäre nicht mein Stil. In welcher Art und Weise man sich wehrt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Profitiert ihr Sender vom Streit zwischen Radio 1 und Energy Zürich? Im Sinne von, "wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte".

Nein, im Gegenteil. Die Idee mit der Konzessionierung und der damit verbundenen Qualitätskontrolle bei Privatstationen finde ich ja ganz gut. Aber: Der ganze Prozess dauert nun schon so lange, dass es geschäftsschädigend wird. Letztes Jahr gingen uns Einnahmen durch die Lappen, weil wir noch nicht wussten, ob wir eine Konzession erhalten. Jetzt haben wir eine Konzession und wir würden nun gerne das neue Empfangsgebiet in Betrieb nehmen.

Sie finden die Konzessionierung gut. Damit bestimmt der Staat, was gutes und was schlechtes Radio ist. Es kann Ihnen doch nicht gefallen, dass der Staat eigentlich Ihren Job erledigt?

Wir kämpfen immer noch für ein freies Privatradio. Das ist eigentlich derselbe Kampfspruch wie vor 30 Jahren. Und hier geht es immer nur um regionale Sender. Warum erhält nicht einmal ein Privatsender eine nationale Frequenz? Dann hätte auch DRS3 einmal eine echte Konkurrenz. Man kann doch nicht alle Privatsender künstlich klein halten und diesen immer noch zusätzliche Auflagen machen. Irgendwann stimmt hier einfach die Rechnung nicht mehr. Die Frage ist, ob die Schweiz bereit ist für eine kräftige Privatradiolandschaft mit tollen Anbietern.

Vor kurzem hat das Gericht nun entschieden. Werden Sie Radio Energy Zürich vermissen?

Ich vermisse die Stärkung des Privatradiomarktes. Wir sind soeben aus Köln vom deutschen Radiotag nach Hause gekommen. Was denken Sie, war dort auch Tagesgespräch? Was denn in der Schweiz los ist. Erklären Sie einem Senderchef aus Berlin, wie das genau läuft mit den neuen Konzessionen, und wieso dass das gut ist für den Privatradiomarkt. Ich habe mir in den letzten Tagen viele Gedanken gemacht.

Die Ergebnisse der Tamedia sind stark eingebrochen. Wie steht Radio 24 da?

Die Werbebudgets wurden auch für die elektronischen Medien zusammengestrichen. Das trifft auch Radio 24. Der Sender ist jedoch in der Region stark verankert, so können wir der Krise relativ gut begegnen.

Im Print geht eine Zeitung nach der anderen ein. Drohen auch Senderschliessungen?

Radio ist weder eine Boombranche, noch ein Medium mit einer ungewissen Zukunft, wie dies z.B. bei den Bezahlzeitungen diskutiert wird. Wir befinden uns irgendwo im Mittelfeld. Das ist dann zwar in einer Boomzeit nicht so sexy, doch gleichzeitig auch krisenresistenter.

Viele ehemalige Radio 24-Stimmen wie Röbi Koller, Markus Gilli oder Roman Kilchsperger sind nun beim Fernsehen. Wann sehen wir sie auf dem TV-Bildschirm?

Beim Start von 3sat Kulturzeit war ich die erste Schweizer Moderatorin. Ein ambitiöses Projekt war das. Kultur zur Primetime mit Feuillton Anspruch. Unterdessen hat 3sat sämtliche Fernsehpreise mit dieser Sendung gewonnen. Und ich bin nach diesem Ausflug ins Fernsehen zu meiner grossen Liebe Radio zurück.

Frau Müller, wo ist Radio 24 in 30 Jahren?

Wir haben ein grosses Sendehaus mit grossem Sendegebiet. Weiterhin senden wir über Luftfrequenz, ergänzt mit anderen Techniken, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Mehr Hörernähe erreichen wir, indem wir ein Restaurant oder einen Shop bei uns integrieren, so dass die Hörer immer bei uns vorbeikommen können. Ich erwarte eine spannende Zeit, wenn alles mobile-tauglich ist und die DAB-Geräte sich etabliert haben. So einen richtigen technologischen Rutsch würde ich wirklich gerne erleben.

Viele Visionen. Was ist in näherer Zukunft geplant?

Im Hintergrund planen wir die neuen Studios. Dort wird es eine Talkbar geben, eine Art offenes Studio. Sonst gehen wir den eingeschlagenen Weg weiter. Die Reorganisation ist noch nicht abgeschlossen. Im Moment sind wir gerade am Konzeptionieren einer neuen Abendsendung und einer neuen Art von Talksendungen. Oberste Priorität hat aber aktuell natürlich das grosse Radio 24 Fest am 23. Oktober.

Was passiert an diesem Tag?

Einerseits findet dann das 10-Jahr-Jubiläum der Friday-Night-Party mit Pea Weber und hoffentlich ganz vielen Hörern statt. Andererseits feiern wir den 30. Geburtstag im Rahmen eines offiziellen Anlasses in der Härterei. Dabei sein werden dort viele ehemalige und aktuelle Mitarbeiter sowie Promis und Stars. Dies wird ein Dankeschön an alle Personen, welche die Geschichte des Senders über all die Jahre mitgeprägt haben.

Ihr persönlicher Geburtstagswunsch für den Sender?

Keep on Radio 24, Nummer 1 von Zürich.

(Interview: Corinne Bauer)


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