27.09.2012

20 Minuten

Hansi Voigt im Interview

"Wir haben jedes Jahr siebenstellige Gewinne abgeliefert"
20 Minuten: Hansi Voigt im Interview

Weil er nicht einverstanden war mit einer Co-Chefredaktion, nimmt 20min.ch-Chef Hansi Voigt (49) also den Hut: Er, der 20 Minuten Online zum grössten Schweizer Newsportal aufbaute, hat den Kampf um den Chefposten der integrierten Print- und Online-Redaktion verloren. "Der Bessere hat gewonnen. Ich gratuliere herzlich und gehe ohne Groll", sagt Voigt im Interview mit persoenlich.com vordergründig gelassen. Zum Interview:

Herr Voigt, Sie verlassen 20 Minuten bereits per Ende November. Was machen Sie dann?

Ich habe noch keine Ahnung und bin absolut offen für Neues. Sicher will ich irgendwas an der Schnittstelle von Digital und Inhalt machen. Denn das sind die beiden Sachen, an die ich glaube und von denen ich etwas verstehe und mit denen sich Geld verdienen lässt.

Sie werden Online- oder Digital-Chef bei NZZ, Tamedia oder bei einem ausländischen Verlagshaus?

Meines Wissens sind weder bei NZZ noch bei der Tamedia leitende Stellen im Digitalbereich frei. Und ich werde doch nicht gegen Hogenkamp oder den Wälty ins chancenlose Jobrennen steigen! Ich habe ja hier schon den Kürzeren gezogen. Bleibt das ausländische Verlagshaus - da hat sich aber noch niemand gemeldet.

Offenbar konnte sich Tamedia auch eine Co-Chefredaktion vorstellen, Sie aber nicht.

Genau, das ist der Grund. Tamedia wollte, dass Marco Boselli und ich in einer Co-Chefredaktion 20 Minuten Print und Online leiten. Ich halte das in einem Changeprozess, wie ihn eine Fusion darstellt, für eine falsche Organisation. Da muss einer alleine ran. Ich stand deshalb nicht für eine Co-Chefredaktion zur Verfügung und habe dadurch letztlich die Verantwortlichen vor die Wahl gestellt: Boselli oder Voigt? Der Bessere hat gewonnen, ich gratuliere herzlich und gehe ohne Groll. Ich bin aber sicher, dass durch die vermiedene Doppelspitze auch der Redaktion viel Mühsal und Ärger erspart bleibt. Ausserdem möchte ich den Verantwortlichen in der Tamedia dafür danken, dass sie sich sehr um meinen Verbleib bemüht haben. Aber zurzeit ist inhouse kein Posten frei.

Wie lange wissen Sie schon, dass Marco Boselli Chefredaktor wird?

Seit Anfang September.

Die Massnahmen werden mit der mangelnden Rendite im Mobile-Bereich begründet. Grundsätzlich gilt aber 20 Minuten als hochprofitabel. Wie steht es um 20 Minuten Online?

20 Minuten Online hat in den sieben Jahren, in denen ich hier tätig war, jedes Jahr siebenstellige Gewinne abgeliefert. Das wird auch dieses Jahr der Fall sein. Der Mobile-Traffic kommerzialisiert sich im Moment in der Tat noch schwächer, als der übrige Traffic. Aber in zwei bis drei Jahren werden hier alle zusammen laufen und sagen: "Niemand konnte erwarten, dass wir mit Mobile mal so viel Geld verdienen werden". Dann möchte ich mich aber dazustellen, die Hand hochhalten und sagen: "Doch, ich!". Bei der Entwicklung neuer Erwerbsmodelle wird sich herausstellen, welche Medienunternehmen über genügend Innovationskraft verfügen und welche nicht.

Es war Ihre Idee, die Nachtschichten nach Hongkong auszlagern (persoenlich.com berichtete). Bleibt das Projekt bestehen?

Ich möchte bei dieser Gelegenheit einmal festhalten, dass die Hongkong-Idee mein Stellvertreter Franz Ermel hatte. Mein Verdienst ist, dass ich die Schnapsidee gegen zunächst harten Widerstand höchster Leitungskreise durchgedrückt habe. Heute sind alle vom Nutzen überzeugt.

Sie traten in letzter Zeit auffällig oft an Branchen-Podien auf. Wollten Sie sich so im Gespräch halten für ein baldiges neues Jobangebot?

Ich bin doch nur der Notnagel der Branche geworden. Ich musste einige Male einspringen. Für den kranken NZZ-Hogenkamp, als es um Mobile ging, oder für den FAZ-Schirrmacher mit Zahnschmerzen, als es um Qualität im Journalismus ging. Aber für einen 20-Minuten-Onliner sind das natürlich schon gewaltige Meriten. Wer aber ein Job-Angebot hat, kann mir das entweder vor, nach oder während den künftigen Podien, an denen ich teilnehme, mitteilen. Ein paar kommen ja in der Tat noch.

Wie die Reaktionen auf Ihren überraschenden Weggang zeigen, waren Sie bei den Mitarbeitenden sehr beliebt. Bestimmt hat es auch grossen Spass gemacht, eine solch erfolgreiche Marke aufzubauen. Welche Ereignisse haben Ihre Zeit bei 20 Minuten geprägt?

Es war eine Riesenfreude, dies hier aufzubauen. Und ich habe dabei viel bekommen. Ich gehe heute, als inzwischen 49 Jahre alter Online-Journalist, weit gelassener auf den ungewissen Arbeitsmarkt, wie vor 7 Jahren, als ich, 42-jährig, den Zürcher Journalistenpreis gewonnen habe. Das verdanke ich ausschliesslich den Mitarbeitern von 20 Minuten Online. Ich habe hier unheimlich viel gelernt von den Leuten, über die viele "Qualitätsjournalisten" immer gerne gelacht haben. Das grösste Ereignis für mich war, insgesamt zu erleben, dass es möglich ist, die Einzeldisziplin Journalismus als Mannschaftssport zu betreiben. Das war hier möglich, da ich hier wirklich herausragende Charaktere vorgefunden habe. Nur wegen diesen Leuten ist die ganze Innovationskraft, Experimentierfreude und auch die Verzeichlichkeit gegenüber einem allfälligen Scheitern und von Neuem versuchen, entstanden, die letztlich 20 Minuten Online so einzigartig macht.

Wie werden Sie sich von Ihrem Team verabschieden?

Ich werde ab jetzt jede Woche salzige Tränen in die Büchsenbiere kullern lassen, die wir jeweils am Freitag ab vier Uhr trinken und heimlich dazu rauchen. Da werde ich bis Ende November jeweils heulen, wie Roger Federer bei einer Pokalübergabe, weil es mir immer die Stimme verschlägt, wenn ich den Leuten danken möchte.

Interview: Edith Hollenstein



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