Ihre ersten hundert Tage sind vorüber. Wie zufrieden sind Sie mit dem Produkt?
Ich war mit der AZ schon immer zufrieden, und jetzt noch ein bisschen mehr. Wir haben ja auch schon ein paar Sachen geändert, Weiteres ist in der Pipeline. So gibt es neu eine Meinungsseite, zweimal wöchentlich haben wir eine monothematische Doppelseite, und einmal pro Woche werden wir Kolumnen und prominente Zuschriften abdrucken. Im Inlandteil laden wir zu gewichtigen Themen regelmässig Gastautoren zu einem Pro-und-Contra ein. Zudem arbeiten wir an einer moderneren und grosszügigeren Bildsprache. Die optische Umsetzung ist wichtig, da lässt sich mit relativ kleinen Aufwand viel bewirken.
Die Umstellungen erfolgten ohne Hinweis. Welches Konzept liegt ihnen zu Grunde, wie soll die Zeitung dereinst aussehen?
Ich habe bewusst nichts angekündigt, ich mag es nicht, wenn man grossspurig daherkommt. Besser man arbeitet regelmässig am Produkt, schliesslich stecken Zeitungen in einem permanenten Wandel. Zum Konzept: Wir möchten die modernste Tageszeitung der Schweiz machen. Daran arbeiten wir, sehr vieles ist angedacht, doch die langfristige Perspektive ist derzeit noch nicht kommunizierbar -- ich will nicht über ungelegte Eier reden. Einen wichtigen Schritt machen wir im Spätsommer, wenn die ganze Redaktion auf eine einzige Etage unseres Hochhauses ziehen wird. Das wird die Ablaufe vereinfachen und die interne Kommunikation massiv verbessern.
Wie ist denn die Stimmung auf der Redaktion?
Aus meiner Perspektive nicht schlecht, andere mögen das anders sehen -- das ist ja immer schwierig zu beurteilen. Die Sparmassnahmen haben bestimmt eine gewisse Verunsicherung bewirkt, doch das ist inzwischen weitgehend eskompiert. Auch andere Veränderungen -- wie etwa die Abschaffung unserer "Piazza"-Seite -- haben nicht allen gefallen. Eine gute Alternative dazu ist jedoch in Vorbereitung.
Seit Ihrem Antritt wurden zwanzig Stellen gestrichen. Wie viele Leute werden insgesamt betroffen sein?
Es sind rund 15 Personen, die Teil- oder Vollstellen innehatten. In der journalistischen Redaktion des Mantelteils hat es jedenfalls weder Kündigungen noch Stellenabbau gegeben -- im Gegenteil: Susanne Mühlemann, Hans Schneeberger und Hans Fahrländer als Autor sind alles zusätzliche Stellen. Auch das Neukonzept für "Weekend" lässt sich ohne Kündigungen umsetzen, die Einsparungen betreffen nur das Honorar- sowie das Seitenbudget.
Die Entlassungen führten zu einer Petition, welche Mitwirkungsmodelle forderte. Wie ist da der Stand?
In der Reproduktionsabteilung konnte eine Teilzeitstelle dadurch gerettet werden, dass man die Aufgaben bei reduziertem Arbeitsverhältnis auf mehrere Schultern verteilt hat.
Es ist nicht einfach, Anspruch und Positionierung des Kultur- oder Zürichressorts auszumachen. Sehen Sie das auch so?
Die Kultur gibt erfahrungsgemäss auf jeder Redaktion Anlass zu Diskussionen. Zudem muss sie bei uns vielen Herren dienen, soll sie doch neben dem regionalen auch das nationale und internationale Geschehen abdecken. Das ist ein Spagat. Im neuen Weekend-Teil wird Marco Guetg, der während Jahren Kulturchef der SonntagsZeitung war, für eine populärere Darstellung von Kulturthemen sorgen. Was den Zürichteil angeht, muss man den gesamten Regionalteil des Limmattaler Tagblatt für einen Vergleich beiziehen und nicht nur die eine "Zürich"-Seite in der AZ. Gemessen an ihren Ressourcen macht unsere Dietiker Redaktion einen guten Job.
Sie sprechen die Ressourcen an: Verglichen mit dem Tagi oder anderen grossen Zeitungen scheint die Zahl der Redaktionsstellen im Mantel der AZ klein. Wann leidet die Qualität des Produkts?
Mit insgesamt 125 Planstellen ist unsere Redaktion die viertgrösste der Schweiz und damit grösser, als beispielsweise jene der Berner Zeitung. Natürlich könnte man immer noch mehr Leute brauchen. Kritisch wird es erst, wenn man wesentliche Themen nicht mehr abdecken kann. Und das ist bei uns nicht der Fall.
Nach ihrem Einstieg bei 20 Minuten nehmen Tamedia und Espace Media die AZ zusätzlich in die Zange. Gleichzeitig bauen Sie Stellen ab und beerdigen Ihre Wochenendbeilage. Wie lässt sich das vereinen?
Da muss ich Sie berichtigen: Wir beerdigen die Beilage nicht, wir machen sie im Gegenteil attraktiver für eine breitere Leserschaft. -- Prinzipiell ist die Stärke jeder Regionalzeitung ihre Verankerung in der Region. Das Mittelland zeichnet sich dadurch aus, dass es stark ländlich geprägt ist. Dieses Gebiet abzudecken, bedeutet einen gigantischen Aufwand, den 20 Minuten kaum auf sich nehmen wird. Die Pendlerzeitung ist deshalb in erster Linie eine Konkurrentin für die urbanen Zeitungen, insbesondere den Tages-Anzeiger. Dabei ist allerdings nicht klar, wie Tamedia eine attraktive Pendlerzeitung machen will, ohne den Tagi weiter zu gefährden. Uns bei der AZ ist jedenfalls bewusst, dass wir etwas für das junge Publikum machen müssen, an das sich 20 Minuten richtet. Mehr möchte ich dazu zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.
Diskutiert wird dem Vernehmen nach die Einstellung einzelner Regionalausgaben, zudem sollen Diskussionen über ein Tabloid-Format für die Region laufen. Was geht da konkret?
Es werden keine Regionalausgaben eingestellt! Der Kanton Aargau ist der Kanton der Regionen geprägt, da kann man nicht einfach die Berichterstattung über ein Tal einstellen. Wir haben aber im Fricktal Büros zusammengelegt und wir können in Zofingen dank der Zusammenarbeit mit dem Zofinger Tagblatt optimieren. Das indes bedeutet keinen Abbau an journalistischer Leistung. Das Tabloid-Format wiederum ist technisch nicht möglich und daher für den Moment vom Tisch.
Die grossen Verlage haben in den vergangenen Wochen ihre Jahresabschlüsse kommuniziert. Wie steht denn die AZ da?
Wir kommunizieren jedes Jahr zur gleichen Zeit, die Zahlen kommen in den nächsten Tagen. Vor der Publikation kann ich keine Kommentare abgeben.

