12.06.2019

Tamedia

«Ich habe das Tempo der Digitalisierung unterschätzt»

Heisst Tamedia bald nicht mehr Tamedia? Gegenüber persoenlich.com spricht Noch-CEO Christoph Tonini über hunderte Mitarbeitende, die wegen der Umwandlung zur Holding neue Arbeitsverträge erhalten und seine persönlichen Pläne abseits der Medienbranche.
Tamedia: «Ich habe das Tempo der Digitalisierung unterschätzt»
Wird nach 17 Jahren bei Tamedia per Sommer 2020 etwas ganz Anderes machen: Christoph Tonini. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)
von Edith Hollenstein

Herr Tonini, warum braucht es mit 50 Jahren einen Einschnitt in der Karriere?
Ein solcher Einschnitt ist nicht grundsätzlich nötig. Doch seit mehr als zehn Jahren trug ich den Gedanken in mir, dass ich irgendwann – sofern es der finanzielle Spielraum erlaubt – etwas ganz Anderes machen möchte. Dreissig Jahre in der Medienbranche, davon 17 bei Tamedia – das war eine spannende Zeit, jedoch drehte sich alles «nur» um Medien.

Sie wollen also weg aus der Medienbranche – und in diesem Fall auch weg von Tamedia. Oder werden Sie künftig Verwaltungsrat einer Firma aus der Tamedia-Holding?
(lacht) Nein, das ist nicht vorgesehen. Ich will tatsächlich etwas ganz Anderes machen, jedoch will ich keine 100-Prozent-Stelle mehr haben mit voller operativer Verantwortung.

Wollen Sie überhaupt noch arbeiten künftig oder haben Sie so viel verdient, dass Sie bis zur Pensionierung Ferien machen könnten?
(lacht schallend, zusammen mit Pietro Supino, der kurz vorher den Raum betreten hat) ...

Nun lachen Sie beide?
Ich, mit meinem eher einfachen Lebensstandard, müsste tatsächlich nicht mehr zwingend eine neue Stelle haben. Aber ich werde sicher weiterhin arbeiten.

«Wir werden gewisse Mitarbeitende in neue Gesellschaften überführen»

Was haben Sie vor?
Ich befürchte, dass ich in den nächsten Monaten sehr stark mit der Neuorganisation von Tamedia beschäftigt sein werde und mir wenig Gedanken über meine persönliche Zukunft werde machen können. Daher kann ich Ihnen das nicht sagen.

Was sind die nächsten Schritte in der Umsetzung der Holdingstruktur?
Dazu verfügen wir über einen grossen Umsetzungsplan. So werden wir beispielsweise gewisse Mitarbeitende in neue Gesellschaften überführen. Diese erhalten etwa neue Arbeitsverträge.

Welche Mitarbeitenden sind davon betroffen?
Alle rund 300 Mitarbeitenden von Tamedia Advertising gehen über in die Goldbach Group. Im Zuge dessen wird eine Harmonisierung stattfinden, denn innerhalb des Bereichs «Werbevermarktung» sollen alle perspektivisch die gleichen Arbeitsbedingungen haben.

«Wir benötigen für alle vier Subunternehmen sowie für die Gruppe einen eigenen neuen Namen und ein eigenes neues Branding»

Und sonst?
Auch alle unsere Kaderleute werden neue Arbeitsverträge erhalten, denn bisher gab es ein Gewinnbeteiligungssystem, bei dem die Mitarbeitenden am Gewinn der ganzen Tamedia-Gruppe beteiligt wurden. Neu werden die Kader an den Gewinnen ihrer entsprechenden Subgruppen beteiligt sein. So und ähnlich gibt es unzählige Projekte. Es werden verschiedene Medientitel und Aktivitäten, die heute formal noch der übergeordneten Tamedia-Gesellschaft angegliedert sind, in die Subunternehmen integriert, so etwa der «Tages-Anzeiger». Der Tagi ist heute ein Titel innerhalb der Tamedia AG, er wird künftig in die Subgruppe Bezahlmedien integriert.

Zusammen etwa mit der «Berner Zeitung» oder der «Basler Zeitung» …
Ja, genau.

Wird diese Sub-Gruppe «Bezahlmedien» heissen?
Nein, das geht nicht, denn es handelt sich ja um eine neue Subgruppe, und für deren eigenständigen Auftritt am Markt eignet sich «Bezahlmedien» schlecht. Wir werden für alle unsere vier Subunternehmen sowie für die Gruppe einen eigenen neuen Namen und ein eigenes neues Branding benötigen. Im vierten Quartal 2019 wollen wir das Branding festgelegt haben.

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Sie formen vier Firmen: Welches sind die Grössenverhältnisse in puncto Umsatz und Mitarbeitendenzahl?
Die grösste ist «Bezahlmedien» mit rund 1860 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 570 Millionen Franken (2018). «Werbevermarktung» umfasst rund 770 Mitarbeitende und macht rund 125 Millionen Umsatz (exklusive Kommission auf Advertising-Umsätze). Bei «Marktplätze» sind es rund 630 Mitarbeitende und 216 Millionen Franken Umsatz. Und bei den «Pendlermedien» rund 250 Mitarbeitende bei einem Umsatz von 143 Millionen.

«Ich habe das Tempo der Digitalisierung, insbesondere bei Mobile unterschätzt»

Wenn Sie auf Ihre sechseinhalb Jahre als CEO von Tamedia zurückblicken: Was ist Ihnen gut gelungen?
Wir haben trotz rückläufigem Kerngeschäft bei den Bezahlmedien ein relevantes digitales Geschäft aufbauen können. Dies sowohl bei den bestehenden Aktivitäten – wie «20 Minuten» als auch bei neuen Businesses wie Classifieds oder Marketplaces, die die Ergebnisrückgänge nahezu kompensieren konnten.

Und welche Entwicklungen haben Sie so nicht kommen sehen?
Ich habe das Tempo der Digitalisierung, insbesondere im Bereich Mobile unterschätzt. Rückblickend betrachtet haben wir zwei bis drei Jahre zu spät angefangen, umfassend in die Technologie-Erneuerung des Hauses zu investieren.

Wo zeigt es sich, dass Ihre Technologie veraltet ist?
Wir arbeiten beispielsweise in den Redaktionen noch immer auf veralteten Content-Management-Systemen. Bei Tamedia mit so vielen Medientiteln braucht es zudem dann halt einfach noch sehr viel Zeit, bis bei allen Redaktionen ein State-of-the-Art-Produkt eingeführt ist. Dies wird jedoch Anfang 2020 der Fall sein, obwohl wir das eigentlich gerne schon früher gehabt hätten.


 

Was plant Toninis Nachfolger? Lesen Sie die Hintergründe dazu im persoenlich.com-Interview mit Pietro Supino.

 



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