19.02.2019

SRG

«Ich lasse mich nicht mehr von Männern unterbrechen»

Zusammen mit neun Kaderfrauen lanciert Ladina Heimgartner das SRG-Frauennetzwerk «idée femme». Im Interview spricht die stellvertretende Generaldirektorin über gläserne Hindernisse, ihre Strategie in reinen Männergremien und verrät ihr Erfolgsrezept für überzeugende Auftritte.
SRG: «Ich lasse mich nicht mehr von Männern unterbrechen»
«Es soll ein Anliegen beider Geschlechter sein, dass wir eine Ausgewogenheit und eine Diversität hinkriegen»: Ladina Heimgartner, Direktorin RTR und stellvertretende SRG-Generaldirektorin. (Bild: zVg.)
von Anna Sterchi

Frau Heimgartner, kürzlich haben Sie in der Sendung «Late Update» gegenüber Patti Basler erklärt, dass Sie ein Frauennetzwerk bei der SRG gegründet haben. Was ist «idée femme»?
«Idée femme» ist ein Netzwerk für SRG-Mitarbeiterinnen, das von den Frauen im obersten Kader ins Leben gerufen wurde. Wie wir genau aktiv werden, ist noch nicht festgelegt. Bevor wir Massnahmen beschliessen, wollen wir nämlich im ersten halben Jahr die Ist-Situation und die Bedürfnisse analysieren. Dabei werden wir möglichst viele Mitarbeitende – unabhängig vom Geschlecht – miteinbeziehen. Erst dann geben wir unserem Netzwerk eine Struktur und füllen es mit Aktivitäten. Wir wollen vermeiden, dass wir das Projekt mit vorgefassten Meinungen in Angriff nehmen.

Wie ist das Projekt zustande gekommen?
Ich trage diese Idee schon lange mit mir herum. Seit rund fünf Jahren bin ich die einzige Frau in der SRG-Geschäftsleitung. Bis jetzt war es eigentlich immer sehr angenehm, dennoch spüre ich ab und zu nicht nur die berühmte gläserne Decke, sondern auch gläserne Hindernisse. Immer wieder habe ich gesehen, was nicht gut läuft und wie man die Unternehmenskultur, Strukturen und Prozesse verbessern könnte. Mittelfristiges Ziel der SRG sollte es sein, dass wird die Gesellschaft betreffend Geschlechter im Sinne von fifty-fifty abbilden können. Am wichtigsten ist die absolute Gleichbehandlung von Frauen und Männern. Diese Ideen besprach ich mit SRG-Kolleginnen aus dem Kader, und die waren sofort dabei. So sind wir nun neun Frauen, die diese Pilotphase steuern.

Wer sind diese neun Frauen?
Es sind jene Frauen, die bei den Unternehmenseinheiten in den Geschäftsleitungen sitzen. Bei SRF ist es natürlich die neue Direktorin Nathalie Wappler oder die Chefredaktorin Radio Lis Borner. Auch die SRF-Kommunikationschefin Andrea Hemmi ist mit von der Partie. In der Steuerungsgruppe sind weiter Larissa Bieler, Direktorin Swissinfo, Tamara Deflorin, Kommunikationschefin RTR, Martina Vieli, Leiterin Public Affairs SRG, Philippa de Roten, Chefin Kultur und Gesellschaft RTS, sowie Milena Folletti, Programmdirektorin RSI.

«Es gibt viele kleine, ganz subtile Hindernisse, die nicht klar festzumachen sind»

Sie sprechen von «gläsernen Hindernissen». Machen Sie ein Beispiel.
Einmal sagte eine SRG-Kaderfrau mit einem 100-Prozent-Pensum und zwei kleinen Kindern zu mir, es sei schwierig, dass viele unserer Sitzungen morgens um halb neun Uhr stattfinden. Es werde stressig, die Kinder in die Krippe zu bringen und rechtzeitig zur Sitzung zu erscheinen. Eigentlich wäre es eine Kleinigkeit, die Sitzungen später anzusetzen. Das würde den Mitarbeitenden mit Kindern, Männern und Frauen, den Alltag erleichtern. Darüber hinaus bin ich die einzige Frau in verschiedenen Männergremien, und da herrscht eine andere Gesprächskultur. In reinen Frauengremien ist das übrigens nicht anders. Das ist jetzt nicht wertend gemeint, aber eine Frau ist möglicherweise schnell nicht mehr motiviert, alleine weiterzumachen. Da gibt es viele kleine, ganz subtile Hindernisse, die nicht klar festzumachen sind. Das ist überhaupt nicht böse Absicht, doch es sind Dinge, die bremsen.

Hinkt die SRG punkto Gleichstellung anderen öffentlichen Unternehmen hinterher?
Der Frauenanteil liegt SRG-weit bei rund 50 Prozent, im Kader sind wir bei rund 30 Prozent. Somit steht die SRG im Vergleich mit anderen Unternehmen nicht schlecht da, aber «nicht schlecht» reicht uns nicht. Wir sind ein öffentliches Unternehmen mit einer gesellschaftlichen Verantwortung, so ist es unsere Aufgabe, mit gutem Beispiel voranzugehen und das Ziel der Gleichstellung aktiv voranzutreiben.

Welches sind die drei wichtigsten Ziele, die Sie mit «idée femme» erreichen wollen?
Der Frauenanteil von 30 Prozent im Kader, generell in Führungspositionen, soll sich allmählich der 50-Prozent-Grenze annähern. Was den Lohn, die Arbeitsbedingungen und die Förderung anbelangt, müssen wir absolute Ausgewogenheit hinkriegen. Überdies müssen wir das Potenzial von Frauen, insbesondere in Führungspositionen, optimal nutzen und fördern. Vielfach steckt so viel Wissen, Kreativität und Können in unseren Mitarbeiterinnen. Oft kommt die grosse Zäsur beim ersten Kind, da beidseits die Meinung vorherrscht, dass sich der Job im reduzierten Pensum nicht mehr machen lässt. Da geht viel Know-how verloren. Es steckt also auch ein ökonomischer Aspekt dahinter.

«Keine Frau will eine reine Quotenfrau sein»

Müssen die männlichen SRG-Mitarbeitenden bangen, dass sie künftig aufgrund ihres Geschlechts schlechtere Aussichten auf eine Beförderung beziehungsweise eine Kaderposition haben?
Dieses Thema ist erst kürzlich – auch angefeuert von #MeToo – aufgekommen: ein beinahe umgekehrter Diskurs, sodass sich gewisse Männer plötzlich fast ein bisschen diskriminiert fühlen. Das ist sicher nicht unser Ziel. Wobei man bedenken muss, dass die Männer jahrelang von gewissen Vorteilen profitierten. Wenn das jetzt aufgewogen wird, ist das absolut in Ordnung. Ich kenne zudem viele Männer, welche die Frauenförderung unterstützen. Es soll ein Anliegen beider Geschlechter sein, dass wir eine Ausgewogenheit und eine Diversität hinkriegen.

Welche politischen Rahmenbedingungen ausserhalb der SRG bräuchte es, um Ihrem Netzwerk mehr Schlagkraft zu verleihen?
Sie spielen auf die Frauenquote an. Eigentlich bin ich kein Fan davon, denn keine Frau will eine reine Quotenfrau sein. Doch sehe ich die Vorteile einer temporären Quote, denn dank dieser liegen sehr schnell sichtbare Resultate auf dem Tisch. Auch würde sich mit einer gesetzlich geregelten Quote die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Teilzeitarbeit, flexiblen Arbeitsmodellen sowie Vätern in der Kinderbetreuung langsam verbessern. Eine temporäre Frauenquote kann aber auch nicht die Lösung des Problems sein, sondern lediglich eine von mehreren Massnahmen.

Sie sind die einzige Frau in der Geschäftsleitung der SRG. Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie zu kämpfen?
Schon äusserlich ist es derart offensichtlich, dass man die einzige Frau ist. Ich muss mich laufend mit den Fragen auseinandersetzen: Wann und wie sage ich etwas, damit die Erfolgschance am grössten ist, dass es gehört wird? Ich bin stets doppelt präsent: Einerseits als Mitglied eines Gremiums, andererseits als Frau. Das kostet manchmal Energie. Dann gibt es kleine Situationen, die mich von meinen Kollegen unterscheiden: Beispielsweise wenn sich die Männer zur Begrüssung auf die Schulter klopfen, machen sie das bei mir nicht. Ihr Umgang untereinander ist legerer. Sonst bin ich aber mit meinen Kollegen und den Generaldirektoren Gillles Marchand sowie zuvor Roger de Weck stets in einer glücklichen Lage gewesen.

«Ab und zu habe ich einen unpassenden Spruch eines Mannes ertragen»

Wie verhalten Sie sich in diesem Männergremium?
Ich brauchte etwas Zeit, bis ich mich eingelebt hatte. Am Anfang war ich sehr ruhig. Dann meldete ich mich plötzlich vermehrt zu Wort, heute bringe ich mich sogar sehr intensiv in die Diskussion ein und lasse mich auch nicht mehr von Männern unterbrechen. Ich wurde mir meiner Verantwortung als einzige Frau bewusst und sagte mir: Wenn man Vielfalt will – und das wollen wir ja alle –, soll sich das auch bemerkbar machen. Ich muss meinen Standpunkt, der vielleicht ein anderer ist, aktiv einbringen. Ich musste mich ziemlich überwinden, diesen Schritt zu machen. Nun ist es gut so. Auf der anderen Seite darf man als Frau nicht zu verkrampft sein. Wenn die Männerrunde am Abend einen «Absacker» an der Bar nimmt, soll man auch als einzige Frau mitgehen und den informellen Austausch pflegen. Generell muss ich einen guten Mittelweg finden: Einerseits will ich meinen Standpunkt klar vertreten und auch protokolliert haben, andererseits braucht es die nötige Lockerheit, auch im Umgang mit der Geschlechterfrage. Es braucht eine Balance, dann geht es recht gut.

«Es ist ein Problem, wenn Frauen beginnen, sich wie Männer zu benehmen, sobald sie in Führungspositionen sind», haben Sie in einem Interview mit der Universität Freiburg gesagt. Wieso?
Man sieht oft Frauen, die sich kaum einbringen oder dann das andere Extrem: Frauen, die beginnen die Art von Männern zu kopieren – sei es in der Wortwahl oder in der Art, mit den Leuten zu reden. Das wirkt dann oft zu streng und wenig glaubwürdig. Denn Frauen gehen anders mit Menschen und Themen um. Wenn eine Frau in einer Führungsposition eher einen sanften Stil hat, um sich durchzusetzen, ist das durchaus legitim. Wenn diese Frau beginnt, härter und autoritärer zu werden, dann funktioniert es nicht, weil es nicht authentisch wirkt. Es ist generell falsch, wenn man nicht sich selbst ist.

Sie haben in der Vergangenheit offen gesagt, dass Ihr Profil – weiblich und rätoromanich – auch karriereförderlich war…
Ja, das stimmt, ich hatte deswegen Vorteile. Frau und Rätoromanin zu sein, hat aber sicher nicht ausgereicht, sonst wäre ich heute nicht mehr in dieser Position. Ich war damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort – eben dort, wo es diese Profile brauchte. Dann ergriff ich die Chance, habe hart gearbeitet und auch ab und zu einen unpassenden Spruch eines Mannes ertragen. Das war mein Anteil.

«Ich bin keine Rampensau»

Ihre öffentlichen Auftritte, insbesondere bei der No-Billag-Debatte, wirken nahbar, authentisch und souverän. Sind Sie ein Naturtalent im Kommunizieren oder haben Sie sich Ihre Auftrittskompetenz antrainiert?
Es ist ein bisschen beides. Die Auftrittskompetenz musste ich mir wirklich antrainieren, denn ich bin keine Rampensau. Ich finde es auch richtig, wenn Leute in Führungspositionen an ihrem Auftreten arbeiten und sich überlegen, was sie sagen. Das hat für mich eine sehr hohe Priorität. Ich will Sachen so aussprechen, wie sie sind oder wie ich sie als richtig empfinde. Auch will ich verständlich sein und andere Positionen ernst nehmen. Das ist von der Haltung her das Wichtigste. Um meine Botschaft zu transportieren, musste ich natürlich auch meinen Auftritt üben. Mittlerweile machen mir öffentliche Auftritte Freude.

Wie haben Sie Ihr Auftreten professionalisiert: Durch Learning by doing oder gezieltes Coaching?
Einerseits habe ich mit einer Coachin zusammengearbeitet. Andererseits habe ich zu Hause Interviewsituationen geübt. Meistens ist das nähere Umfeld – auch das berufliche – kritischer als der wirkliche Interviewpartner. Ausnahme war das Gespräch in der «Rundschau» im Vorfeld von No-Billag, dort wurde mein Auftritt strenger als gedacht (lacht). Das Wichtigste ist, dass die eigene Grundüberzeugung – also wofür man einsteht – immer präsent ist. Alles andere muss diesem Ziel zugutekommen. Wenn ich jederzeit zu 100 Prozent hinter meinen Aussagen stehen kann, dann ist schon viel auf gutem Wege.

Welche Form von Expertin oder Coach ziehen Sie bei?
Ich tausche mich seit zwölf Jahren regelmässig mit einer persönlichen Coachin aus. Dort geht es eher darum, dass ich bei mir bleibe. Denn meistens, wenn es Kommunikationsprobleme gibt, lügen die Leute oder sagen nicht das, was sie wirklich meinen. In diese Falle sollte man nicht tappen. Weiter habe ich SRG-interne Kommunikationsexperten, die mir hilfreiche Rückmeldungen geben. Wichtig sind auch meine Eltern, denn die sind naturgemäss sehr ehrlich. Meine Eltern sind keine Medienexperten, sie leben als Gastwirte in einer ganz anderen Welt. Wenn ich merke, dass eine Botschaft bei ihnen angekommen ist, dann war mein Auftritt gut. Das ist ein wertvolles Feedback.

Welches ist Ihr wichtigster Tipp, damit Frauen in reinen Männergremien überzeugen?
Man muss wissen, was man wirklich sagen will. Auch soll man auf eine gute Art insistieren und für seine Standpunkte kämpfen. Problematisch wird es, wenn eine Frau verbissen ist. Dann wirkt sie schnell zickig. Vielmehr sollte eine Frau auf eine freundliche Art unnachgiebig sein.



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Kommentare

  • Judith Stamm, 23.02.2019 08:45 Uhr
    Meine Glückwünsche zur Gründung Ihres Netzwerkes. Ich hoffe für Sie auf grossen Erfolg. Sie bringen Ihre Beobachtungen und Erkenntnisse sehr behutsam vor. Begleitet von der nötigen Hartnäckigkeit, wird Ihre Gruppe sich durchsetzen! Weiter so! Judith Stamm
  • Ursula Marti, 20.02.2019 09:50 Uhr
    Grosses Kompliment an Frau Heimgartner. Freundlich-hartnäckig, bringt sich engagiert ein und bleibst sich selber. Schaut nicht nur für sich, sondern gründet ein Netzwerk. Alles Gute dabei!
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