29.09.2020

CH Media

«Ich will mehr Tempo reinbringen»

Im Juni hat Oliver Steffen das Zepter von Markus Gilli übernommen und ist seither Chefredaktor aller TV-Regionalsender von CH Media. Wie tickt der neue Chef und welche Ziele verfolgt er? persoenlich.com traf den 46-Jährigen zum ersten grossen Interview.
CH Media: «Ich will mehr Tempo reinbringen»
«Wir versuchen, das Programm attraktiver und abwechslungsreicher zu gestalten», so Oliver Steffen, Chefredaktor TV Regional von CH Media. (Bilder: CH Media)
von Christian Beck

Herr Steffen, haben Sie die Küche schon aufgeräumt?
(Lacht.) Nein, das macht bei uns die Putzmannschaft.

Die Küche aufzuräumen war ein Ritual Ihres Vorgängers Markus Gilli. Was haben Sie für ein Ritual?
Mein Ritual ist es, allen Mitarbeitenden «guten Morgen» zu sagen und mir etwas Zeit für sie zu nehmen.

Dieses Interview hätte eigentlich Ihre 100-Tage-Bilanz sein sollen. Dann musste Markus Gilli ins Spital, der Termin wurde aus Respekt verschoben. Wie geht es ihm heute?
Ich habe regelmässig Kontakt mit ihm und hoffe sehr, dass er in den nächsten Monaten zurückkommt. Selbstverständlich geht seine Gesundheit vor, und er erhält die Zeit, die er braucht. Der medizinische Stand ist unverändert: Die Entwicklung ist weiterhin positiv. Der Rest ist Markus Gillis Privatsache.

«Ich will nahe beim Newsroom sein und den Puls spüren»

Markus Gilli hatte in Zürich sein kleines Büro direkt neben dem Newsroom. Haben Sie sein Büro geerbt?
Ja, wir haben die Büros getauscht – mit Freuden auf beiden Seiten. Ich will nahe beim Newsroom sein und den Puls spüren. Mein Ziel ist es aber auch, dass ich regelmässig an den Standorten in St. Gallen, Luzern, Aarau und Bern bin.

Gilli hatte die Türe stets offen – auch sinnbildlich gesehen. Was für ein Chef sind Sie?
Meine Türe ist auch meist offen. Momentan sind Videokonferenzen Corona-bedingt hoch im Kurs, da muss ich zeitweise die Türe schliessen. Aber logischerweise spreche ich mit vielen Leuten. Man findet gute Lösungen nur, indem man mit Menschen spricht – und wir haben sehr viele kreative Menschen bei uns. Wenn man im Journalismus die Türe schliesst, dann macht man auch gegenüber der Welt die Türe zu.

Die Chefredaktoren von TeleZüri, Tele M1, TeleBärn, TVO und Tele 1 sind Ihnen ja unterstellt und damit auch 150 Mitarbeitende. Wie fühlt es sich an, seit Juni plötzlich «Super-Chefredaktor» der regionalen TV-Sender zu sein?
Es ist eine grosse Freude. Natürlich bringt die Aufgabe auch eine hohe Arbeitslast mit sich. Ich versuche, ein hohes Tempo an Veränderungen reinzubringen, so dass wir vorwärtskommen. Meine Devise ist: Lieber einfach mal etwas ausprobieren. Es braucht keine 99-prozentige Sicherheit, bis man etwas Neues wagt. Es reichen 60 bis 70 Prozent Gewissheit, dass etwas funktioniert – dann kann nachjustiert werden.

Wie hat das Team auf Sie in Ihrer neue Rolle reagiert? Hat sich etwas verändert?
Das ist eine schwierige Frage, da müssten Sie das Team fragen. Aber klar verändert sich etwas, wenn man eine neue Funktion erhält und Chefredaktor wird. Man ist dann derjenige, der entscheiden muss. Somit wird man häufig nach Entscheidungen gefragt. Mein Ziel ist es, dass das Team aber möglichst viel selber entscheidet – mit dem jeweiligen Chefredaktor vor Ort. Dieser Unternehmer vor Ort muss seinen Sender führen, er ist nahe an seiner Region und den Menschen und kennt diese besser als ich. Ich bin da äusserst zufrieden, die regionalen Teams funktionieren sehr eigenständig und übernehmen diese Verantwortung.

Aber konkret hier in Zürich: Verhalten sich Arbeitskollegen Ihnen gegenüber anders?
Bei jenen, die mich schon lange kennen, ändert sich vermutlich nicht viel. Neue Mitarbeitende haben mir gegenüber natürlich eine etwas grössere Ehrfurcht. Hier ist mein Ziel, diese etwas abzubauen und ihnen gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen – trotz meiner Körpergrösse …

… Klammer auf: Anmerkung der Redaktion …
1 Meter 95 (lacht). Jeder soll gute Ideen haben können. Wenn Mitarbeitende nicht mehr zum Chef kommen, weil sie das Gefühl haben, dass man ihm etwas nicht sagen kann – dann hat der Chef etwas falsch gemacht. Ich stehe deshalb für eine flache Hierarchie.

«Wir sind in der Entwicklung von rund zehn neuen Formaten»

Man warf und wirft TeleZüri immer wieder mal vor, sich seit dem Start 1994 kaum verändert zu haben. Wird jetzt alles neu bei TeleZüri und Co?
Ich bin zwar erst seit Juni Chefredaktor der TV-Regionalsender, konnte aber bereits vorher schon vielerorts vorspuren: So haben wir neue Sendungen wie das Reportagemagazin «+41» oder «Money» etabliert. Und momentan sind wir in der Entwicklung von rund zehn neuen Formaten – da passiert also einiges. Ich will mehr Tempo reinbringen und mehr ausprobieren. Der Kern von jedem unserer Regionalsender ist aber News und Talk – und das funktioniert auch nach 25 Jahren noch sehr gut. Daher kann ich diesen Vorwurf ein Stück weit nachvollziehen. Wir versuchen jedoch, das Programm attraktiver und abwechslungsreicher zu gestalten.

Und in Sachen Personal am Sender, was haben Sie hier verändert?
Wir haben fast an jedem Sender neue Moderationspersönlichkeiten, wie beispielsweise Vanessa Meier bei TeleZüri. Oder Patricia Zuber und Céline Werdelis, die neu «TalkTäglich» moderieren. Oder Vanessa Kobelt von TVO, die neu den «SommerTalk» moderiert. Es ist vieles in Bewegung – und zwar in die richtige Richtung.

Sie haben jetzt ausschliesslich Frauen aufgezählt. Ist Ihnen Frauenförderung ein Anliegen?
Am Schluss muss es die fähigste Person sein, die zu einer Sendung passt. Ich erlebe immer wieder Frauen, die man ein Stück weit aus ihrer eigenen Sicherheitszone locken muss. Denn ich will nicht erst beim Entscheid sagen: Jetzt nehmen wir bewusst eine Frau. Mein Ziel ist es, Potenziale schon davor gezielt zu fördern und dabei besonders auch Frauen zu ermutigen, ihr Potenzial zu zeigen. Dies führt automatisch dazu, dass immer auch Frauen zur Auswahl stehen.

CH Media_Oliver Steffen_1_1


Sie selber moderieren aus Zeitgründen nur noch wenig News, talken dafür häufiger. Wann ist für Sie ein «TalkTäglich» oder ein «SonnTalk» gelungen?
Wenn es möglichst viele Zuschauer hatte (lacht). Im Ernst: Für mich persönlich ist eine Sendung gelungen, wenn ich mit einem guten Gefühl aus dem Studio laufe. Am Ende des Tages kommt aber manchmal noch die Kritik meiner Frau. Wenn sie sagt, was sie nicht gut fand, kann meine Gefühlslage auch mal wieder umkippen. Sie ist meine härteste Kritikerin.

Wann ist eine Sendung nicht gut?
Wenn es an Dynamik fehlt. Wenn man es nicht schafft, ein Feuer zwischen zwei Kontrahenten zu entfachen. Oder wenn eine Person, die eine Lebensgeschichte zu erzählen hätte, erst nach der Sendung die eigentlichen Highlights preisgibt. Und manchmal entsteht zwischen Moderator und Gast einfach keine Sympathie.

Im Element waren Sie auch am Sonntag bei der Abstimmungssendung. Zum ersten Mal haben alle fünf Sender zusammen eine grosse Live-Kiste produziert. Was brauchte es in Sachen Vorbereitung?
Ja, es war ein Monster-Abstimmungssonntag. Da brauchte es viel Personal am richtigen Ort, und es war ein grosser Koordinationsaufwand nötig. Auch technisch war die Herausforderung gross, damit wir live an so viele Orte schalten konnten. Ausserdem wurde auch die Verpackung der Sendung mit neuen Signeten und Grafiken komplett überarbeitet. Trotzdem: Obwohl die Dimension der Produktion zwar grösser als je zuvor war und viele Leute involviert waren, blieb das journalistische und technische Handwerk unverändert.

Und wie zufrieden sind Sie mit dem Resultat? Gab es Pannen?
Technisch und inhaltlich funktionierte praktisch alles einwandfrei. Alle involvierten Mitarbeitenden der fünf Sender haben einen tollen Job gemacht. Wir haben einmal mehr regionalen Service public geboten, und auch die journalistische Einordnungsleistung muss den Vergleich mit der SRG nicht scheuen.

«Wir möchten in neue Leute investieren»

Für solche Kisten braucht es wie erwähnt viel Personal. Sie sagten mir, dass Sie eine «Media Academy» planen. Was ist das?
Wir möchten in neue Leute investieren und ihnen den Weg in den Journalismus ebnen. Wir planen zusammen mit den Radio- und Onlinekollegen eine trimediale «CH Media Academy», also TV, Radio und Online. Wir möchten jungen Menschen die Chance geben, dass sie sich im Job entwickeln können. Gleichzeitig wird es Ausbildungsmodule geben, die sie besuchen werden. So wollen wir uns unseren eigenen Nachwuchs aufbauen. Wenn ich nochmals 19, 20 Jahre alt wäre – damals entschied ich mich für ein Wirtschaftsstudium –, würde ich mich bei der CH Media Academy um einen Platz bewerben.

CH Media Academy ist einfach ein schöner Begriff, um an billige Arbeitskräfte zu gelangen.
Überhaupt nicht. Es gibt ein transparentes und klares Lohnmodell. Ausserdem muss jemand, der beim Fernsehen startet, zuerst lernen zu filmen, sich das journalistische Grundhandwerk aneignen wie beispielsweise die kritische Haltung, muss lernen zu vertonen, zu schneiden und so weiter. Wenn man eine Berufslehre macht, verdient man ja auch nicht gleich 6000 Franken im Monat. Wir haben ein sehr faires System gefunden. Ich habe null schlechtes Gewissen, im Gegenteil.

An wen richtet sich die CH Media Academy? Soll es eine ZHAW oder ein MAZ ersetzen oder parallel dazu laufen?
Parallel dazu. Wir stellen fest, dass es auf dem Markt – vor allem im Bereich Fernsehen – immer schwieriger ist, gute Leute zu finden, die bereits Erfahrung haben. Das war der Anstoss für uns. Wir sagten uns: Dann bilden wir doch den Nachwuchs selber aus. Da wir mit den Radio- und Onlinekollegen stark vernetzt sind und einen regelmässigen Austausch pflegen, kam schnell die Idee auf, dies gleich trimedial zu organisieren. Heute braucht es Videokompetenzen und Onlinekompetenzen – und Radio ist seit je eine gute Grundausbildung für Journalismus, auch um News auf den Punkt zu bringen.

Sie machen auch privat Nachwuchsförderung und sind Vater von zwei Kindern, zwei und fünf Jahre alt. Sehen Sie diese überhaupt noch?
Da ich sonntags jeweils arbeite, gestalte ich zusammen mit der Familie meinen früher fix eingeplanten Papitag nun etwas flexibler. Ich schaffe es aber weiterhin – und das ist mir auch sehr wichtig –, mit meinen Kindern zu frühstücken. Ich starte mit meiner Arbeit in der Regel nicht bereits um 6 Uhr, sondern erst um 9 Uhr, dafür dauert es meist bis 20 oder 21 Uhr. Deshalb ist es nötig, die Zeit mit der Familie bewusst zu geniessen. Diese Zeit ist weniger geworden, dafür intensiver.

Können Sie die Arbeit gut im Geschäft lassen?
Super (sagt er ganz bestimmt). Das ist eine Fähigkeit, für die ich sehr dankbar bin: Ich kann extrem gut abschalten. Ausserdem habe ich eine Frau, die eine eigene Firma führt – und da ist es für beide wichtig abzuschalten. Da ergänzen wir uns perfekt.



Oliver Steffen startete 1993 neben seinem Wirtschaftsstudium als Redaktor und Moderator bei Radio Top, wurde später auch Chefredaktor. Seit 2006 ist er bei TeleZüri, zuerst als Videojournalist, dann als Moderator, Produzent und Leiter Operationelles TV von AZ Medien respektive CH Media. Seit März 2019 ist bekannt, dass Steffen Nachfolger von Markus Gilli wird. Gilli wurde Ende Mai 2020 pensioniert.



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