20.08.2009

"Ich will nicht, dass die Leute ihre einstudierten Rollen spielen"

Woche für Woche moderiert Reto Brennwald, der Mann mit dem kantigen Gesicht und den scharfen Fragen, die wichtigste Politsendung der Schweiz. Exakt ein Jahr nachdem die Sendung optisch und konzeptionell umgestaltet wurde, sprach "persoenlich.com" mit dem 46-jährigen Fernsehmann über gute Interviews, unmögliche Gäste-Paarungen und theaterreife Vorstellungen. Und darüber, warum sein Vorgänger Filippo Leutenegger zu stark glorifiziert wird. Zum Interview:
"Ich will nicht, dass die Leute ihre einstudierten Rollen spielen"

Herr Brennwald, es ist ein Jahr her seit die "Arena" ein neues Design verpasst bekommen hat. Was hat sich konzeptionell geändert?

Wir haben wieder näher zur Ursprungsversion der "Arena" zurückgefunden. Zurück zu einer Form, die dem Format am Gerechtesten wird. Es gibt nun wieder mehr Zweier- oder Dreierduelle, wir laden weniger Gäste ein. Ich bin überzeugt, dass die Sendungen besser werden, wenn weniger Gäste beteiligt sind.

Sie selbst sind nun seit knapp eineinhalb Jahren an Bord. Was hat Sie gereizt am Job des "Arena"-Moderators?

Mich hat schon immer das Gespräch als journalistische Form interessiert. In der „Arena“ findet das auf mehreren Ebenen statt. Kommt dazu, dass ich mich mit den Jahren mehr und mehr mit Politik beschäftigt habe. Ausserdem habe ich als Reporter im Ausland die Schwächen vieler anderer politischer Systeme kennen gelernt. Auch der USA. Unsere Demokratie ist die beste. Es ist toll, wie stark wir als Bürger partizipieren können. Und wir machen eine Sendung, in der das auf kleiner Flamme stattfindet. Das ist spannend.

Sie sind gewisse Themen nicht zu komplex, um sie über die TV-Flamme zu halten?

Teilweise schon. Bei gewissen Themen stösst das Medium an seine Grenzen. Die Zuschauer lassen uns das schnell wissen. Je komplexer ein Thema, desto schwieriger ist es zu vermitteln. Ich finde aber, unsere Aufgabe ist es nicht nur, ständig auf die Quote zu schielen. Auch komplexe Themen müssen Platz haben.

Heisst das, dass man jedes Thema "Arena"-tauglich umsetzen kann?

Nein. Es gibt zum Beispiel einen Politiker, der Experte ist für die Mehrwertsteuer und sehr gerne eine Sendung zu dem Thema machen möchte. Das ist sicher ein wichtiges Thema, aber leider wirklich staubtrocken.

Welches Thema hat denn überhaupt nicht funktioniert?

Die Sendung über das Verbandsbeschwerderecht hatte einen sehr schweren Stand beim Publikum. Da war die Quote halb so hoch wie bei einem Strassenfeger. Aber es war immer schon so, dass es Sachthemen beim Publikum schwer haben. Ich habe das in der Kulturgeschichte über die Entstehung des Bundesstaates nachgelesen: Politische Affären, Politiker in Not und Ähnliches, haben das Publikum schon vor 200 Jahren mehr gefesselt. Die Welt hat sich in dieser Hinsicht nicht verändert.

Also muss man die Themen nach der Attraktivität der Akteure auswählen?

Wettbewerb herrscht überall. Auch beim Zeitungsmachen gibt es einen Wettbewerb um die besten Bilder und die besten Themen. Und nicht nur bei der "Arena", sondern auch im Parlament herrscht der Wettbewerb der besten Redner, der klügsten Köpfe. Das ist ganz klar auch in unserem Programm zu spüren. Wir können nicht Sendungen machen, ohne den Anspruch zu haben, die Besten ins Studio zu holen.

Im Mittelpunkt Ihrer Sendung stehen Persönlichkeiten. Wie wichtig ist Ihre Person für diese Sendung?

Sie ist wichtiger als sie sein sollte. Wir machen die Sendung ja für das Publikum. Sie sollte sich nicht um den Moderator drehen. Der Moderator ist dann besonders gut, wenn man ihn vergisst. Aber es ist klar: Wenn man vor der Kamera steht, beginnen sich irgendwann die Leute für einen zu interessieren. Das schmeichelt ja der Eitelkeit. Ich müsste lügen, um zu sagen, das störe mich wahnsinnig. Allerdings fürchte ich, viele enttäuschen zu müssen, denn ich bin ein ziemlich normaler Mensch.

…der gerne ein bisschen mehr Star wäre, wie Sie im Buch "Wir Süchtigen vom Leutschenbach" von Monika Schärer erwähnen.

Ich sagte eigentlich nur, dass der Schweiz ein bisschen mehr Glamour nicht schaden würde. Die Glamour-Welt fasziniert doch jeden! Aber hierzulande gibt es nicht besonders viel davon.

Sie haben in Interviews erwähnt, dass sie den Moderationsjob bei der "Arena" anfänglich unterschätzt haben. Welchen Aspekt genau?

Bei der "Rundschau" hatte ich die Rolle des kritischen, bohrenden Moderators. Damals habe ich einem einzelnen Gast auf den Puls gefühlt. In der „Arena“ sollte ich dafür sorgen, dass die Gegnerschaft Raum hat zu diskutieren. Aber wenn die Sache aus dem Ruder läuft, muss der Moderator eingreifen wie auf dem Rundschau-Stuhl. Den Diskussionsteilnehmern genug Raum geben und gleichzeitig die Diskussion steuern, das ist doch eine recht komplexe Angelegenheit. Ich habe meine Zeit gebraucht, um das umzusetzen.

Viele Leute sagen, die Rolle des hartnäckigen, bohrenden Einzelinterviewers habe besser zu ihnen gepasst.

Am Anfang gab es noch mehr Zuschriften, die in diese Richtung gingen. Das hat stark abgenommen. Ich glaube, das ist ganz natürlich. Der Rollenwechsel muss einerseits beim Publikum ankommen und anderseits muss ich ihn auch vollziehen. Ich bin nicht mehr "Rundschau"-Moderator.

Wären Sie das manchmal gerne wieder?

Nein. Ich bin sehr zufrieden mit der jetzigen Situation. Die "Rundschau" habe ich sieben Jahre lang moderiert. Meine neue Aufgabe hat mich einen Schritt weiter gebracht.

Was gibt es – neben Micheline Calmy-Rey und Christoph Mörgeli – für Gäste-Paarungen, die nicht funktionieren?

Grundsätzlich kann ich niemanden zwingen in die Sendung zu kommen. Wenn jemand nicht mit einem andern Gast debattieren will müssen wir das akzeptieren. Allerdings ist das recht selten. Einige Politiker fürchten, dass die Sendung mit gewissen Gästen ihre Sachlichkeit verliert.

Sie sind ein Interview-Experte. Haben Sie in diesem Metier Vorbilder?

Ja, verschiedene. An meinem früheren Chef Roger Schawinski hat mich die Hartnäckigkeit beeindruckt. Er war als Befrager stets schnell und unnachgiebig. Aber es gibt ja nicht nur diese Art von Interviewführung. Kurt Aeschbacher kann durch behutsame und offene Fragen viel aus den Menschen holen. Das würde sich sicher nicht für die „Rundschau“ eignen, aber auf seinem Gebiet ist er ein Vorbild. Im deutschen Fernsehen finde ich Sandra Maischberger exzellent. Und kürzlich habe ich das Interview von Maybrit Illner mit der Kanzlerin gesehen, das war toll. Die Mischung macht’s: Hartnäckig sein, gut aufpassen, schnell nachhaken, aber trotzdem dem Zuschauer eine angenehme Atmosphäre vermitteln.

Sie drehen auch Porträts für die "Rundschau" und andere Sendungen, für die sie ihre Art der Befragung jeweils anpassen müssen. Fällt ihnen das schwer?

Die Rollen zu wechseln ist manchmal anspruchsvoll und sehr spannend. Für ein gutes Portrait braucht es beides. Eine Prise Aeschbi hilft.

Ich habe gelesen, dass sie besonders die Schnittmenge zwischen Unterhaltung und Information interessiert. Sendungen wie "Wer wird Millionär".

Das habe ich vor längerer Zeit mal erwähnt, ja. "Wer wird Millionär" auf clevere und gewitzte Art zu moderieren, wäre damals reizvoll gewesen. Als ehemaliger Radiomoderator haben mich Musik und Kultur immer interessiert. Aber jetzt konzentriere ich mich auf Wahlsendungen, die "Arena" und die Reportagen und hätte schlicht keinen Platz mehr in meinem Terminkalender.

Und wenn Ihnen jemand ein Angebot für eine Sendung unterbreiten würde, die in dieser Schnittmenge liegt?

Dann würde ich sagen: Danke, im Moment nicht.

Wie bereiten sie sich für eine "Arena"-Sendung vor?

Zusammen mit der Redaktion bestimmen wir das Thema, laden die Gäste ein und besprechen mit ihnen die Positionen. Die Redaktion führt auf die Sendungen hin längere Telefongespräche. Persönlich telefoniere ich mit den Hauptgästen, lese mich in die Dossiers ein und wühle in den Archiven. Vorbereitung ist alles.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt bis jetzt?

Sicherlich die Sendung mit Christoph Blocher und Eveline Widmer-Schlumpf zur Einbürgerung. Weil das einfach ein historischer Rekord war. Da haben mehr Leute eingeschaltet als beim Swissair Grounding. Auch die Sendungen zur Personenfreizügigkeit Anfang des Jahres waren wichtig. Oder die "Arena" mit UBS-CEO Marcel Rohner, mitten in der grossen Krise. Es gab wirklich einige sehr spannende Sendungen.

Sie haben kürzlich während einer Veranstaltung gesagt, dass Filippo Leutenegger heutzutage zu Unrecht so stark glorifiziert werde. Sie sagten, die Sendungen würden, wenn man sie sich heute ansieht, sehr "alt" und "langsam" wirken. Schauen Sie sich regelmässig Sendungen aus dem Archiv an?

Filippo war ein herausragender Moderator. Was mich stört, ist wenn Journalisten uns vergleichen, ohne seine Anfänge gesehen zu haben. Ich habe mir diese Sendungen angeschaut um mir ein Bild zu machen und die Mechanismen zu verstehen.

Und was waren diese?

Seine Sattelfestigkeit in allen politischen Belangen. Und auch seine Gelassenheit und Souveränität. Er agierte in der Sendung als "Animal Politique". Damals hatten die Sendungen aber nicht das Tempo und die kontroverse Spannung, die sie heute haben. Es war eine andere Zeit, aber ich habe viel von meinen Vorgängern gelernt.

Filippo Leutenegger fasste seine Gäste oft an, um sie zum Schweigen zu bringen. Haben Sie das auch schon machen müssen?

Allerdings. In der Sendung Christoph Blocher gegen Eveline Widmer Schlumpf. Ich musste mich mit ausgestreckten Armen zwischen gewisse Teilnehmer stellen um sie physisch voneinander zu trennen. Verbal war das nicht mehr möglich. Das war schon sehr ungewöhnlich. Ich finde auch, dass solche Sachen Platz haben müsen. Das ist authentisch.

Authentisch? Man könnte es auch Theater nennen!

Politiker sind permanent im Wahlkampf, und jeder Wahlkampf hat immer auch Elemente des Theaters.

Aber Theater ist nicht authentisch.

Deshalb wollen wir ja auch nicht, dass die Teilnehmer bei uns ihre einstudierten Rollen spielen. Wenn sie ihr Parteiprogramm abspulen, versuche ich sie zu unterbrechen.

Wie reagiert man da schnell genug?

Das war für mich wirklich eine interessante Erfahrung. Ich musste meine Ohren trainieren. Es braucht eine Weile, bis man solche Muster erkennt, in den Griff bekommt und zur persönlichen Meinung der jeweiligen Person vordringen kann.

Filippo Leutenegger hat nach seiner Tätigkeit als Moderator in die Politik gewechselt.

Ich ahne ihre Frage. (lacht)

Wie lautet die Antwort?

Die Antwort lautet nein. Man soll zwar nie nie sagen, aber die Antwort für die nächsten paar Jahre ist nein. Ich bin Moderator und Reporter.

Worum geht es in der nächsten Sendung am 28. August?

Das werden wir wie üblich erst in der Vorwoche entscheiden. Ich denke aber, dass wir die Bundesratswahl zum Thema machen werden.

Wie lang wird es die Sendung "Arena" noch geben?

Das weiss ich nicht. Aber ich glaube nicht, dass sich bald die Existenzfrage stellt. Wir erhalten viel positives Feedback und die Quoten geben uns Recht.

(Interview: Adrian Schräder)


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