05.09.2021

30 Jahre NZZ Folio

«Ich würde online einen Magazinbereich schaffen»

Seit acht Monaten leitet Aline Wanner die Redaktion vom NZZ Folio. Im Interview spricht sie über die aktuelle Jubiläumsausgabe und erklärt, was ihr dringlichstes Anliegen für das Heft ist. Zudem sagt sie, wo sie auch gerne mal austeilt.
30 Jahre NZZ Folio: «Ich würde online einen Magazinbereich schaffen»
«Es war und ist eine intensive Zeit, aber sie ist auch interessant»: Aline Wanner ist Redaktionsleiterin vom NZZ Folio. (Bild: NZZ/Christoph Ruckstuhl)
von Michèle Widmer

Frau Wanner, vor ziemlich genau einem Jahr haben wir Ihre Vorgängerin Christina Neuhaus interviewt, die nur wenige Monate im Amt war. Werden Sie in einem Jahr noch Folio-Chefin sein?
Wer weiss schon, was die Zukunft bringt? Aber gerade hoffe ich sehr, dass ich in einem Jahr noch hier bin. Wir haben viele Geschichten und Ideen, die wir umsetzen wollen.

Davor waren Sie Reporterin im Team. Was hat Sie am meisten gefordert in Bezug auf diesen Wechsel?
Meine neue Rolle zu finden – und gleichzeitig zu bleiben, wer und was und wie ich bin. Es war und ist eine intensive Zeit, aber sie ist auch interessant. Man lernt Neues über sich und die Welt.

Was ist Ihnen als Chefin wichtig? Wie führen Sie?
Ich möchte möglichst viel Energie auf Journalismus verwenden. Ich möchte, dass wir Spass haben und dass alle machen, was sie interessiert und worin sie gut sind. Ausserdem nehme ich mir vor, zuzuhören, zu fragen, gründlich zu sein und mutig, zu Fehlern zu stehen, Verantwortung zu übernehmen, aber auch abzugeben. Ich habe zum Glück sehr kluge Kollegen.

«Ich möchte möglichst viel Energie auf Journalismus verwenden»

Sie leiten das Folio seit acht Monaten. Wie wollen Sie dem Folio Ihren Stempel aufsetzen? Was ist Ihr dringlichstes Anliegen?
Gute, relevante Geschichten überraschend zu erzählen. Nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch. Ein Magazin bietet diesbezüglich viele Möglichkeiten, gedruckt und digital. Wir versuchen, diese auszuschöpfen. Für die Jubiläumsausgabe etwa hat der Grafiker Patrick Savolainen nicht nur seine Kreativität, sondern auch künstliche Intelligenz eingesetzt.

Inwiefern?
Wir haben uns mit der Zukunft von Fotografie beschäftigt und uns gefragt, warum es überhaupt noch neue Bilder braucht, wenn es doch schon Millionen gibt. Patrick Savolainen hat zum Beispiel mit einem Netzwerk gearbeitet, das aus 5000 Fotos von Instagram, Google und einem Fotografen neue, eigene Versionen der Insel Mykonos erzeugte. Bei manchen Bildern sieht man den Unterschied zwischen echten und künstlichen nicht mehr, es ist faszinierend.

Wie arbeitet Ihre Redaktion mit anderen Journalistinnen und Journalisten der NZZ zusammen?
Mit den Kollegen vom Wochenendbund und den Reporterinnen diskutieren wir einmal in der Woche an einer Sitzung über Themen. Sonst treffen wir uns mit Journalisten aller Ressorts informell an der Kaffeemaschine oder auf der Dachterrasse. Geschichten entstehen gemeinsam.

«Das Folio war dicker und optisch zurückhaltender als heute»

Das NZZ Folio ist vor 30 Jahren erstmals erschienen. Welchen Eindruck haben Sie vom damaligen Produkt im Vergleich zu heute?
Das erste Folio hiess «Wege der Schweiz». Es war dicker und optisch zurückhaltender als heute. Das Heft ist sorgfältig gemacht, schlau, unterhaltend, mit einem feinen Sinn für Sprache. Urs Widmer etwa schrieb in einem Text über den Jura die Sätze: «Der Mensch ist keine Tanne. Er hat Füsse zu gehen, auch über seine Grenzen hinaus, hinunter ans Licht.» Daniel Weber, der das Folio mit Lilli Binzegger gründete und 20 Jahre Chefredaktor war, ist ein grosses Vorbild von mir. Unter seiner Leitung sind aussergewöhnliche Texte entstanden, die sich bis heute zu lesen lohnen. Die 30 besten Artikel aus den vergangenen 30 Jahren spielen wir ab Montag aus.

Cover und Auszug_NZZ Folio September 2021


Für eine Reportage in der Jubiläumsausgabe sind Sie nach Mykonos gereist. Wie häufig sind Sie noch unterwegs auf Recherche?
So oft wie möglich. Draussen zu sein, zu recherchieren und zu schreiben macht mir bis heute am meisten Freude. Reporterin ist immer noch der schönste Beruf, den es gibt.

Das Folio erscheint seit dem Relaunch nun nur noch alle zwei Monate. Wie hat sich die Situation auf dem Werbemarkt entwickelt?
In Anbetracht der ohnehin herausfordernden Lage und der Pandemie: gut. Meine Kollegen machen einen super Job.

«Die Kritik zwingt mich zur ständigen Auseinandersetzung mit verschiedenen Medien»

Das Heft soll dringlicher werden und auch vermehrt das junge Publikum erreichen. Wie gelingt das? Wie treiben Sie das voran?
Ganz grundsätzlich: Indem wir möglichst divers sind und gute Qualität liefern. Die NZZ braucht aber in Zukunft im Magazinbereich auch digital gute Angebote auf dem Lesermarkt.

Was schwebt Ihnen da vor?
Ich persönlich würde endlich online einen attraktiven Magazinbereich schaffen, ergänzt mit ausschliesslich digitalen Gefässen – und ein entsprechendes Produkt auf den Markt bringen. Mit einem Fokus auf genau jene Zielgruppe, die für die NZZ interessant und auch ökonomisch wichtig ist: ein tendenziell junges, tendenziell weibliches Publikum.

Sie schreiben für die NZZ am Sonntag eine Medienkolumne. Was reizt Sie an Kritik an der eigenen Branche?
Die Kritik zwingt mich zur ständigen Auseinandersetzung mit verschiedenen Medien, mit neuen Produkten und alten Phänomenen. Zugegeben teile ich gerne aus. Aber ich weiss schon: Dann muss ich auch einstecken.

Wie gehen Sie jeweils an die Themen ran?
Ich bekomme oft Inputs von Kollegen, dafür bin ich dankbar. Danach denke und diskutiere und recherchiere ich.

Zum Schluss: Am Folio-Jubiläumsanlass im November sprechen Sie mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga über die Welt von morgen. Was ist für Sie die drängendste Frage?
Wie tut man das Richtige, wenn man nicht weiss, was das Richtige ist?



Aline Wanner ist Redaktionsleiterin von NZZ Folio. Sie war von 2015 bis 2018 Redaktorin im Schweiz-Büro der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und hat zuvor für die Schweiz am Sonntag in Basel gearbeitet.

Aline Wanner hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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Kommentare

  • Rudolf Penzinger, 06.09.2021 08:34 Uhr
    Bei aller Anerkennung: Beilagen-Magazine aller Art sind primär als Inserateplantagen (Farbe, Grossformat) entstanden und sollen es nach der Intention der Verlage auch sein. Das Redaktionelle kommt zweitrangig.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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