Herr Schwaibold, wann hat Ringier das letzte Mal angerufen?
Gestern abend. Eine ganz typische Anfrage eines Chefredaktors. Es ging um eine angeblich problematische Story in einem anderen Blatt. Ich habe ihn beraten, was er denen antworten soll.
Müssen Sie für Ringier eigentlich immer erreichbar sein? Schlafen Sie auch neben dem eingeschalteten Handy?
Ja, mein Handy ist rund um die Uhr eingeschaltet. Eine dumme Unart von mir. Das wissen die Redaktionen auch. Aber da auch die Ringier-Zeitungen einen Redaktionsschluss kennen, habe ich normalerweise zwischen 23 und 7 Uhr meine Ruhe. Am Wochenende klingelt das Telefon allerdings schon ab und zu.
Welche Redaktionen sind den Ihre besten "Auftraggeber"?
Das ist zyklisch unterschiedlich, zurzeit hält Cash die Spitzenposition.
Es sind also nicht Blick und SonntagsBlick, die juristisch am meisten zu tun geben?
Nein, überhaupt nicht. Meine Beschäftigung für Blick und SonntagsBlick ist seit Jahren rückläufig. Früher hatten sie mehr Fälle.
Woran liegt das?
Die wenigsten Probleme, für die der Blick in die Schlagzeilen kam, sind Rechtsfälle. Ausserdem haben die Journalisten beim Blick auch dazugelernt. Sie schreiben heute sehr viel vorsichtiger und abwägender. Früher haben ihnen die Gerichte ordentlich die Leviten gelesen. Aber aus Niederlagen und Verlusten lernt man. Das heisst allerdings nicht, dass der Blick heute zahnlos sei.
Wie viele Ringier-Fälle bearbeiten Sie zurzeit?
Etwa vierzig. Dabei hat es natürlich auch Altlasten. Mein Rekordhalter ist jetzt 18 Jahre alt, ein Tessiner Politiker hat die Schweizer Illustrierte damals wegen Beleidigung verklagt. Ich weiss nicht, wie und ob das Gericht diesen Fall je beenden wird.
Jährlich 40 Fälle erscheinen auf den ersten Blick sehr viel.
In dieser Zahl sind natürlich auch kleine Fälle enthalten, wie zum Beispiel die Beschwerde von Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre beim Presserat wegen der Blick-Kampagne um den Komiker Patrick Frey.
Ihre juristische Beratung der Redaktion kommt aber noch dazu, oder?
Richtig, Im besten Fall führt meine Beratung dazu, dass es keinen Fall gibt.
Sie führen seit 1988 schon einige Prozesse für Ringier. Was war Ihr grösster juristischer Sieg?
(Denkt lange nach) Na ja, es gab schon Erfolge. Im Bereich des Gegendarstellungsrechts habe ich einige hübsche Siege errungen. Schön ist natürlich auch jeder Freispruch in einem Ehrverletzungsprozess, vor allem wenn der erfolglose Kläger Dr. "Supermario" Corti heisst und zwei SoBli-Journalistinnen die Schande einer Verurteilung erspart bleibt. Oder wenn ein Neonazi abblitzt, weil sich die Blick-Recherchen als zuverlässig erweisen.
Und Ihre grösste Niederlage?
Dazu gehört sicher der bekannte Fall des Bingo-Spiels im Blick, der wegen des Verstosses gegen das Lotteriegesetz verurteilt und der gesamte Gewinn aus dem Spiel eingezogen wurde. Oder der Fall des Schweizer Botschafters in Berlin. Und das nicht nur, weil sie Ringier jeweils eine Stange Geld gekostet haben, sondern auch meiner Meinung nach hätten anders ausgehen müssen. Ganz persönlich wurmt mich bis heute, dass ein Blick-Reporter wegen seiner Recherchen im Fraumünsterpostraub wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt wurde. Ich hoffe sehr, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Weg zum Freispruch öffnet, aber auf seinen Entscheid müssen wir noch warten.

