Herr Bürge, wie geht es Ihnen im grauen Bukarest?
Es ist okay, hier zu sein. Natürlich herrscht hier auch Tristesse. Die Überbleibsel aus den düsteren Zeiten sind immer noch unübersehbar. Aber die Entwicklung ist sehr positiv. Rumänien ist ein sehr interessantes Land mit grossem Potenzial.
Rumänien gilt als sehr korruptes Land. Als Chef einer Firma von 450 Leuten wird man das zu spüren bekommen. Ist es in Rumänien überhaupt möglich einen Sender unabhängig zu betreiben?
Ja. Meine Prinzipien und Wertvorstellungen sind die gleichen wie zuvor in der Schweiz. Korruption ist kein Thema. Wir sind ein Nasdaq-kotiertes Unternehmen und müssen die entsprechenden Vorschriften beachten. Als Chef des Unternehmens ist es meine Aufgabe, herauszufinden, wer mir auf meinem Weg folgt und wer versucht, gegen mich zu obstruieren. Das ist nicht immer einfach. Ich musste mich schon von einigen Mitarbeitern trennen, weil mir klar wurde, dass im Hintergrund gewisse Verbindungen bestehen, mit denen ich nichts zu tun haben will. Rumänien ist nicht mit der Schweiz vergleichbar: Es herrscht weder im Markt noch in der Gesellschaft echte Transparenz. Im Unterschied zu der Schweiz ist die Medienlandschaft hier stark von Politikern geprägt, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Es wird wohl mindestens noch ein Jahrzehnt dauern, bis diese von der Bildfläche verschwinden werden. Dass man jedoch auch heute in Rumänien unabhängige Medienarbeit betreiben kann, zeigt der Ringier-Verlag vorbildlich. Er ist hier die Nummer eins und hat jene Stimmen Lügen gestraft, die über dessen ehrgeizige Pläne in Rumänien gelacht haben. Wir werden einen ähnlichen Weg einschlagen.
Wie eng arbeitet Ihr schwedisches Unternehmen mit Ringier zusammen?
Ringier und SBS verfolgen beide das Ziel, in diesem Land Prozesse in den Medien auszulösen, wie sie im restlichen Europa schon spielen. In der Schweiz spricht man von Filz, hier in Rumänien beschreibt das Wort Dschungel die Beziehungsgeflechte hinter der Wirtschaft am besten.
Sie galten beim Schweizer Fernsehen als Ideenlieferant. Wie sieht Ihre Arbeit bei SBS aus?
Ich habe hier die Gesamtverantwortung für das Unternehmen. Die Programmgestaltung umfasst lediglich etwa 40 Prozent meiner Tätigkeit. Im Zentrum stehen Führungsaufgaben, die Finanzen und die Strategieausarbeitung.
Werden Sie für SBS Formate von SF DRS adaptieren?
Ja. Wir zeigen täglich "Deal or No Deal" in einer kürzeren Variante. Von den sieben neuen Shows, die ich angeregt haben, sind allerdings fünf Neuentwicklungen, die aus dem eigenen Hause stammen. Ich habe von aussen Ideen eingebracht, ein grosser Teil davon wurde von meinen Programmleuten als interessant eingestuft. Nun wird sich zeigen, ob die Sendungen auch beim Publikum ankommen.
Die Sendeformate, die Sie in der Schweiz lanciert haben, lösten in der Schweiz zum Teil harsche Kritik aus. Sind die Rumänen dankbarer als die Schweizer?
Nein, das Gegenteil trifft zu: In Rumänien sind die Medien viel brutaler. Das macht mir jedoch nichts aus, denn mir sind Projekte, die etwas auslösen, lieber als langweilige. Am Schluss entscheidet einzig der Zuschauer. Überdies wirkt es belebend, wenn nicht alle derselben Meinung sind. Ich fand auch gewisse kritische Bemerkungen zum "Traumjob" durchaus berechtigt.
Sie sollen sich über die trägen Entscheidungsstrukturen beim Schweizer Fernsehen geärgert haben. Können Sie Ihre Ideen nun beim schwedischen Medienkonzern schneller umsetzen?
Ich fand nicht, dass SF DRS ein träges Unternehmen sei. Im Gegenteil: Mir schien, dass wir rasch vorangekommen sind. Mehr Mühe bereitete mir allerdings, dass nicht überall derselbe Spirit herrschte, wie in meinem Team. Das bisweilen fehlende Engagement ist jedoch bei der Grösse des Unternehmens nicht unüblich. Im Unterschied zu meiner Tätigkeit beim Schweizer Fernsehen schauen hier in Rumänien alle auf mich. Das ist eine neue Erfahrung, zumal man in Rumänien teamorientiertes Arbeiten kaum kennt und gemeinhin ein autokratischer Führungsstil praktiziert wird. Das Tempo hier ist viel höher und es ist meine Aufgabe, unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen. Das hat mit dem sehr dynamischen Marktumfeld in Rumänien zu tun, aber auch mit der Grösse des Konzerns.
Sie sagten vor ihrem Amtsantritt in Rumänien, Sie gingen in den Osten, weil Sie das Risiko lieben würden. Hat sich das Wagnis bis jetzt gelohnt?
Es ist nach hundert Tagen noch zu früh, eine Bilanz ziehen. Ich glaube aber, dass der eingeschlagene Weg okay ist. Erst im Herbst wird sich jedoch zeigen, wo wir stehen. Ehrlicherweise muss ich auch eingestehen, dass es hin und wieder Momente des Zweifels gab. Bisweilen schien es mir, als schlage ich mich mit dem Buschmesser durch einen Dschungel. Auf zwei Schritte nach vorne folgt immer ein Schritt zurück. Aber es geht je laenger je besser voran.
Dem Schweizer Fernsehen kehrten Sie nach nur einem Jahr den Rücken. Hat es Ihnen am Leutschenbach so wenig gefallen?
Ich hatte eine gute Zeit, aber ich war nicht mit allen Entscheiden der SF-Führung einverstanden. Das Zusammenführen der Abteilungen Kultur und Unterhaltung war für mich nicht nachvollziehbar, das wurde in der Zwischenzeit auch wieder ruckgängig gemacht. Aber der Grund für meinen Weggang war das nicht, ich hatte mich ja schon vorher entschieden, das Schweizer Fernsehen zu verlassen. Am Leutschenbach fand ich einfach oft: Das kann es doch noch nicht gewesen sein. Der Vorstellung, die nächsten (zehn) Jahre in meiner Funktion beim Schweizer Fernsehen zu verbringen, konnte ich nicht viel abgewinnen. Als ich dann das Angebot für Rumänien erhielt, musste ich zusagen. Denn die Märkte im Osten sind für mich der Ort, welcher der frühere Tele24-Claim am besten umschreibt: "Det, wos passiert".
Nach Aussage von Ingrid Deltenre sind Sie für SF DRS ersetzbar: "Es gibt Leute in unserem Hause, die seinen Job ausüben können". Ein Indiz dafür, dass ihr Verhältnis zur TV-Direktorin nicht das Beste war?
Nein. Natürlich bin auch ich ersetzbar. Und meine Nachfolger Urs Fitze und Yves Schifferle sind hervorragende Fernsehleute. Mit Frau Deltenre hatte ich ein gutes Verhältnis. Und dazu gehören auch Meinungsverschiedenheiten. So gab es etwa Differenzen in Bezug auf SF2. Ich hätte mir da eine klarere Separierung gewünscht.
Können Sie sich ein Comeback beim Schweizer Fernsehen vorstellen?
Das will ich nicht ausschliessen. Als ich bei TV3 angestellt war, habe ich mir schliesslich auch nicht vorstellen können, zum Schweizer Fernsehen zurückzukehren.

