25.06.2009

Investoren wollen Arbeitslosengeld von ".ch"-Mitarbeitern

Als der Verwaltungsrat von ".ch" die Einstellung der Gratiszeitung bekannt gab, wurde den Mitarbeitern vom Verwaltungsrat versprochen: "Wir werden das anständig beenden". Dieses Versprechen scheint er nicht halten zu können. Die Juni-Löhne haben die Mitarbeiter von ".ch" nämlich aufgrund der Vergesslichkeit der Investoren und des eingeleiteten Konkursverfahrens noch nicht erhalten. Und jetzt sollen die Mitarbeiter gar ihr Arbeitslosengeld an die Investoren abtreten. Die Hintergründe:
Investoren wollen Arbeitslosengeld von ".ch"-Mitarbeitern

Am 4. Mai 2009 teilte der Verwaltungsrat der Punkt ch AG, Herausgeberin von ".ch", den Mitarbeitern mit, dass die Gratiszeitung per sofort nicht mehr erscheint. Die Hiobsbotschaft wurde der Belegschaft von den Verwaltungsräten Ernst Buob, Andy Rhis und Eugen Russ persönlich überbracht. Sie sagten: "Wir werden das anständig beenden.“ Den Mitarbeitern wurde versprochen, die ordentliche Kündigungsfrist werde eingehalten. Von einem Konkurs war keine Rede.

Nachdem die Bemühungen, das Unternehmen zu retten, gescheitert waren, wurden die Mitarbeiter von ".ch" von der Geschäftsführung am 15. Juni 2009 unterrichtet, dass aufgrund der Überschuldung der Punkt ch AG der Verwaltungsrat die Bilanz deponieren wird -- was am 18. Juni auch geschah. Die Investoren erklärten, dass sie dafür sorgen wollen, dass die Angestellten keine finanziellen Einbussen erleiden. Sie seien in diesem Zusammenhang auch bereit, die Unterdeckung der Pensionskasse auszugleichen.

Vergessliche Investoren

Wurde den Mitarbeitern Ende Mai der Lohn noch pünktlich überwiesen, zeigt sich nun im Juni eine andere Situation. Die Mitarbeiter von ".ch" haben am 16. Juni 2009 zwar eine Lohnabrechnung erhalten, Geld ist aber nie auf ihre Konten geflossen. Verantwortlich dafür ist die Konkurseröffnung gegen die Punkt ch AG. So haben die Investoren der Herausgebergesellschaft zwar das Geld für die Lohnzahlungen überwiesen, dabei aber laut einem Schreiben der Geschäftsführung vom 21. Juni, das "persoenlich.com" vorliegt, vergessen, dass der Konkursverwalter diese Mittel blockieren wird. Sogar die Geschäftsleitung findet in besagtem Schreiben: "Unglaublich, ist das Ganze doch von Anwälten abgewickelt worden!"

Die Geschäftsführung vertröstete die Mitarbeiter. Man sei mit den Investoren im Gespräch, um dafür zu sorgen, dass die Löhne ausbezahlt werden. "Seitens der Investoren besteht nach wie vor die Zusicherung, betreffend Lohn alle gemachten Versprechungen einzuhalten." Die Mitarbeiter hielten sich vorerst zurück und warteten ab. Jetzt ist ihnen aber der Kragen geplatzt. Zusammen mit dem Journalistenverband impressum haben sie sich am 23. Juni in einem Brief an den Verwaltungsrat gewandt und fordern Klarheit über das Konkursverfahren und die Lohnzahlungen.

Papierkrieg und Chaos

Neben dem ausstehenden Lohn beklagen sich Mitarbeiter von ".ch" gegenüber "persoenlich.com" auch über den "elenden Papierkrieg", den sie derzeit bewältigen müssen. So muss gegenwärtig jeder einzelne dutzende Formulare für das Konkursamt und die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) ausfüllen, um die Forderungen gegenüber der Punkt ch AG zu formulieren. Dies ohne genau zu wissen, welche Angaben überhaupt gemacht werden müssen.

Die Mitarbeiter fühlen sich ihrem Schicksal selbst überlassen, sie können keine Stelle ausmachen, die eine Koordinationsfunktion übernimmt. Gegenüber "persoenlich.com" ist aus Mitarbeiterkreisen von einem "völligem Chaos" die Rede. "Wir wissen nicht einmal genau, wer die Investoren sind, an wen wir uns also bei einem Rechtsfall konkret wenden müssten."

Mitarbeiter sollen RAV-Gelder abtreten

Dem nicht genug, werden die Mitarbeiter jetzt von den Investoren auch noch dazu gedrängt, eine Zession zu unterschreiben, in der sie ihre Forderungen gegenüber dem RAV -- also ihr Arbeitslosengeld -- an die Punkt ch AG abtreten. Im Gegenzug wird ihnen versprochen, dass sie dafür 100 Prozent des Lohnes erhalten und nicht nur die 70 Prozent vom RAV. Noch haben die Mitarbeiter dieses Zessionspapier nach der Ankündigung nicht erhalten. Die Meinungen sind aber schon gemacht.

"Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Zession zu unterschreiben, aber ein gutes Gefühl haben wir dabei nicht", klagen mehrere Redaktionsmitglieder resignierend gegenüber "persoenlich.com". Es wird den Investoren sogar zugetraut, dass diese bloss das RAV-Geld kassieren, die Mitarbeiter aber nie irgendwelches Geld sehen werden. Der Tenor bei den Betroffenen: "Die Investoren haben sich bereits bisher skrupellos über Vereinbarungen und Versprechen hinweggesetzt, warum sollen sie sich jetzt an ein Versprechen halten."

Nicht nur die Belegschaft von ".ch" ärgert sich über das Vorgehen der Investoren. Bei diversen Geschäftspartnern bestehen noch offene Rechnungen in Millionenhöhe, wie die Zeitung "Sonntag" berichtete. Dazu gehören unter anderem der AZ Verlag, welcher die Gratiszeitung druckte, die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) und die Zustellfirma Direct Mail Company (DMC). Alle geben an, bei ".ch" offene Rechnungen in je sechsstelliger Höhe zu haben. Es werden rechtliche Schritte geprüft. Laut "Sonntag"-Informationen betragen die Schulden gegenüber den Geschäftspartnern total rund 2 Millionen Franken.

(Text: Stefan Wyss)

Die letzte Ausgabe von ".ch" am 4. Mai 2009:


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