Der Fehlschuss Dick Cheneys bei der Jagd hat nicht nur kollaterale Schäden verursacht. Er legt das angeschlagene Verhältnis zwischen der Presse und der US-Regierung sehr deutlich offen. Während die Journalisten von der Heimlichtuerei frustriert sind, die sich seit der Bush-Regierung im Weissen Haus breit gemacht hat, sind sie in der Öffentlichkeit wegen ihrer zunehmenden Aggressivität bei den fast täglich stattfinden Live-Pressekonferenzen im Weissen Haus, immer verhasster.
Die Frustration unter den Top-Journalisten, die aus dem Weissen Haus berichten, wächst und hat auch schon einen Namen: "White House Reporter Syndrome". "Das Weisse Haus sieht in den Journalisten besondere Bittsteller, als ob es sich um eine weitere Interessensgruppe handeln würde", sagte Ken Auletta, Redaktor des Magazins New Yorker zur New York Times. Aber schreiende und aggressive Journalisten während der Live-Pressekonferenzen des Weissen Hauses werfen ein negatives Licht auf diese Profession.
"Die Öffentlichkeit hasst die Leute", so Mike McCurry, der damalige Sprecher von Bill Clinton, der bei einer Konferenz wegen der Monika-Lewinsky-Affäre mit faulen Tomaten beworfen wurde. Wenn die Presse zu weit geht, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit. Ein Artikel in der New York Post, in dem behauptet wird, dass George W. Bush von den Anschlägen am 11. September im Vorhinein wusste, hat der Regierung noch mehr Unterstützung gebracht.
Die Psychologin Renana Brooks spricht vom "White House Reporter Syndrome", bei dem sich konkurrenzfähige Karrierejournalisten kontrolliert und eingeschränkt fühlen und emotional von den Journalisten isoliert sind, die diese Erfahrung nicht gemacht haben. Das Aufbauschen des Cheney-Vorfalls sieht sie als Kompensierung für den Irak-Krieg, bei dem die Journalisten nicht ausreichend Druck auf die Regierung ausgeübt haben. "Das ist wie post-traumatischer Stress. Jemand stirbt und man glaubt, man hätte die Person retten können", so die Psychologin.

