02.06.2019

Patrizia Laeri

«Journalisten sollten etwas länger nachdenken»

In ihrer «Blick»-Kolumne macht die SRF-Journalistin einen Vorschlag, wie Redaktionen Frauen in Politik, Wirtschaft und Kultur sichtbarer machen könnten. Ein Gespräch über «Systemfehler» und die Frage, ob Medienfrauen am 14. Juni Grund haben, zu streiken.
Patrizia Laeri: «Journalisten sollten etwas länger nachdenken»
«Ich werde am Streik teilnehmen»: Patrizia Laeri ist Wirtschaftsjournalistin und Moderatorin von SRF-«Eco». (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Frau Laeri, Sie schreiben in Ihrer aktuellen «Blick»-Kolumne, die Medien hätten ein Frauenproblem. Führen Sie selbst Buch darüber, wie oft Sie in Ihrer Arbeit Wirtschaftsfrauen interviewen?
Ich führe seit neustem Buch und meine Bilanz gefällt mir nicht. Sie zeigt mir täglich, dass sie noch unausgewogener ist als ich gedacht habe. Das stimmt mich betroffen. Denn unter den Kollegen in der Wirtschaftsredaktion bemühe ich mich besonders um weibliche Interviewpartner. Allein die Datenerhebung und -analyse hilft, sich des Problems bewusst zu werden. Etwas, das man nicht misst, kann auch nicht verbessert werden. Und es wäre gar nicht so schwierig: Journalistinnen und Journalisten sollten einfach etwas länger nachdenken, mehr recherchieren und nicht die erstbeste im Telefon gespeicherte Nummer anrufen. So würden ihnen zu vielen Themen durchaus auch Frauen einfallen, die Expertinnen sind in einem Feld.

Inwiefern haben Sie schon externe Moderationsaufträge abgelehnt, weil es im Programm zu wenig weibliche Speakers hatte?
Ich moderiere keine all-male-Anlässe. «Frauen auf der Bühne» ist meine Bedingung. Wenn mir Veranstalter ein Programm voller männlicher Speaker schicken, schlage ich sogleich weibliche Speakerinnen vor. So geschehen letzthin im Bereich Immobilien. Da habe ich direkt an wipswiss verwiesen. Das ist ein Netzwerk von Führungsfrauen in der Immobilienwirtschaft. Diese Netzwerke gibt es mittlerweile in jedem Bereich. Und diese helfen, Expertinnen zu finden. Ich habe aber auch schon erlebt, dass trotz Zusage meiner Bedingung nur Männer geladen wurden, weil man keine Frauen habe finden können. Das geht nicht. Dann will ich zumindest eine Chance erhalten, selber eine Frau zu finden.

«Fast drei Viertel der BBC-Programme haben es geschafft, innerhalb eines Jahres gleich viele Expertinnen wie Experten zu befragen»

Das hört man immer wieder: Veranstalter klagen darüber, dass Frauen absagen mit dem Argument, sie seien zu wenig kompetent oder wollten nicht vor der Kamera auftreten.
Ich verstehe diese Frauen sehr gut. Sie werden auch kritischer beurteilt als Männer. Ich finde es toll, dass Frauen länger überlegen und sich selber kritisch hinterfragen. Das ist doch eine Stärke. Ich bewundere aber auch Männer für ihren Mut, verbindlich und schnell zuzusagen. Jeder darf doch so sein wie er ist. Wichtig ist, zu akzeptieren, dass wir einfach unterschiedlich ticken und dass es genau deswegen so bereichernd ist, miteinander zu arbeiten. Neurologen beschreiben das ja bereits durch Experimente mit weiblichen und männlichen Säuglingen. Wer diese Unterschiede akzeptiert, ist dann auch ein wenig geduldiger und verständnisvoller bei der Expertinnen-Suche.

Sie schreiben im «Blick», vor allem in Wirtschaftsmedien würden Frauen sehr wenig vorkommen.
Die aktuellste Erhebung der «Sonntagszeitung» zeigt, dass 79 Prozent der Personen in der Politik männlich und 21 Prozent weiblich waren. Die Medien zeigen also gar ein ungleicheres und rückständigeres Bild als dasjenige im realen Parlament. Im Bereich Wirtschaft gibt es fast keine Erhebungen. Die Situation dürfte aber noch schlimmer sein. Eine deutsche Studie zeigt, dass in den Wirtschaftsmedien zu 95 Prozent Männer das Sagen haben. Das hängt natürlich damit zusammen, dass es immer noch sehr wenige Frauen in Top-Kaderpositionen gibt. In den Chefetagen der grössten 100 Schweizer Konzerne sitzen laut Schilling Report nur 9 Prozent Frauen. Nur zwei dieser Konzerne haben eine Chefin. Doch wir Journalisten und Journalistinnen hätten es in der Hand, auch Nachwuchs-Wirtschaftsfrauen eine Plattform zu bieten.

«Es geht nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch ums Geschäft»

Im Herbst 2018 hat «Club»-Chefin Barbara Lüthi den Frauenmangel thematisiert. Danach machte Min Li Marti den Vorschlag einer Vorgabe: Ein Schnitt von 35 Prozent sei realistisch.
In der «Blick»-#Aufbruch-Kolumne schreibe ich über Erfahrungen in Grossbritannien. Dort sind es nicht 35 Prozent, sondern 50 Prozent Frauen. Fast drei Viertel der BBC-Programme haben es geschafft, innerhalb eines Jahres gleich viele Expertinnen wie Experten zu befragen.

Bei der BBC handelt es sich um einen Wettbewerb.
Genau. Wettbewerb, statt Quote oder Selbstverpflichtung. Das spornt an. Das ist effektiver. Der Wettbewerb kostet nichts, benötigt zwei Minuten am Tag und ist freiwillig. Redaktionen, die daran teilnehmen, zählen jeden Abend die weiblichen und männlichen Protagonisten und führen darüber Buch. In Grossbritannien haben 500 BBC-Teams mitgemacht. Neu sind auch die «Financial Times», ABC News und «Fortune» bei der 50:50-Challenge dabei. Allein, dass sie täglich darüber nachdachten, veränderte alles.

Auf so eine Idee können auch nur Mitarbeitende von öffentlich-rechtlichen Sendern kommen. Die Privatwirtschaft tickt anders.
Das sehe ich anders. Mehrere Schweizer Medien haben Frauen als Kundinnen ins Visier genommen, denn sie haben gemerkt, dass ihnen sonst viel Geld entgeht. Verlage, die mehr Leserinnen wollen, müssen Frauen zu Wort kommen lassen. Es geht also nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch ums Geschäft.

Medien sollten aus wirtschaftlichen Gründen auf Frauen setzen.
Ja genau. Wer Frauen nicht anspricht, verzichtet auf Umsatz. Es ist mir beispielsweise ein Rätsel, dass heute in der Schweiz noch Online-Medien-Plattformen an den Start gehen, die von 100 Prozent Männern geführt und gemacht werden. Damit vernachlässigen sie eine riesige Zielgruppe. Frauen interessieren sich sehr wohl für Politik und Wirtschaft. Aber anders. Sie mögen den Dialog, Fragen, Hinterfragen von herkömmlichen Arbeitsweisen und Systemen und sie mögen Expertinnen.

«Ich werde am Streik teilnehmen»

Am 14. Juni ist Frauenstreik. Werden Sie zur Arbeit gehen oder streiken Sie dann?
Ich werde am Streik teilnehmen. Ausschlaggebend sind ökonomische Gründe. Heute werden in unserem Land systematisch Wettbewerbsteilnehmer benachteiligt und das sind die Frauen. Dafür werden wir jährlich auch von internationalen Organisationen wie der OECD kritisiert. Und ihm berühmten Glass-Ceiling-Index des «Economist», der misst, wie schwierig es ist als Frau Karriere zu machen, belegen wir zusammen mit der Türkei regelmässig die letzten Plätze.

Warum?
Der Grund sind mehrere Systemfehler. Sie liegen in den Steuern, Stichwort Heiratsstrafe, in der nicht vorhandenen Elternzeit – aus Kosten- oder Arbeitsdruck stellen viele Chefs keine Frauen an, weil sie, und nicht die Männer fehlen werden, wenn sie Eltern werden – oder im teuersten Betreuungssystem der Welt. Dazu kommen fehlende Tagesschulstrukturen und Lohnungleichheit. Die Schweiz setzt ökonomisch frauenfeindliche Anreize. Darauf kann gar nicht genug hingewiesen werden.

Inwiefern haben Journalistinnen oder Redaktorinnen Ihrer Meinung nach Grund, die Arbeit niederzulegen?
So gleichberechtigt, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, sind Journalistinnen nicht. Schauen Sie sich die Medienfrauenstreik-Kampagne auf Instagram oder Twitter an: Es sind vor allem jüngere Kolleginnen und Kollegen, die Missstände mutig aufs Tapet bringen. Darunter: Lohnungleichheit, unausgeglichenes Geschlechterverhältnis auf den Redaktionen oder in der Berichterstattung.

 

 

 



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