17.06.2021

Psychische Belastung

Junge Journalisten klagen über zu viel Stress

Viel zu lange Arbeitstage, zudem müssen sie immer informiert sein: Der Journalisten-Nachwuchs schläft schlecht und lebt sehr ungesund. Nun will er offener über «Mental Health» reden.
Psychische Belastung: Junge Journalisten klagen über zu viel Stress
Immer E-Mails checken und auch am Sonntag Zeitungen lesen: Junge Journalistinnen und Journalisten empfinden den Druck als sehr hoch. (Symbolbild: Pixabay/Anastasia Gepp)

«Wenn man jeden Tag so und so viele Stunden arbeitet und dann nicht einmal alles aufschreibt: Das ist nicht normal, nein!», sagt ein Journalist im Video (0.40). Der Trailer (siehe unten) ist Teil einer Kampagne des Vereins Junge Journalistinnen und Journalisten Schweiz (JJS) zum Thema «Mental Health» im Journalismus. Befragungen unter den Mitgliedern hätten gezeigt, dass die Branche offener über das Thema sprechen sollte, sonst gehe der Nachwuchs verloren.


 
Mehrere JJS-Mitglieder hätten ein Burnout erlitten. «Ein Burnout mit unter 30!», schreibt JSS in einer Mitteilung vom Donnerstag. Aufgelistet werden zudem Probleme, von denen junge Journalistinnen erzählen:

  • Stress und lange Arbeitstage
    «An einem Freitagabend um 19 Uhr wusste ich, dass ich bis am nächsten Tag noch sieben Texte schreiben muss. Ich konnte entweder zusammenbrechen und heulend da sitzen, oder mich zusammenreissen. Ich arbeitete bis Mitternacht und war am nächsten Tag morgens um sieben schon wieder in der Redaktion.» – Vinzenz, 33

  • Arbeit und Freizeit vermischen sich
    «Einmal war ich krank und bekam dann zu hören: ‹Was, du hast die Mails nicht angeschaut?› Seither traue ich mich nicht mehr, komplett abzuschalten.» – Noëlle, 25

  • Immer informiert sein
    «Wenn ich am Montag ins Büro gehe, wird von mir erwartet, die Sonntagszeitungen gelesen zu haben. Und zwar nicht nur überflogen. Ich müsste in der Lage sein, eine Anschlussgeschichte zu machen. Das heisst: Mein Sonntag ist nicht nur Freizeit, sondern besteht auch aus Zeitungslesen. Zum grossen Teil macht mir das Spass, es kann aber auch belastend sein.» – Konrad, 31

  • Starke Identifikation mit dem Beruf
    «Es gab eine Zeit, in der ich alles aufgegeben habe, was ich neben meinem Job noch hatte. Irgendwann lag so viel Druck auf diesem Job, weil ich dachte: Wenn ich nicht Journalistin bin, wer bin ich dann?» – Helena, 23

  • Hohe Verantwortung und Angst vor Fehler
    «Jedes Wort, das du irgendwie falsch schreibst, kann dir um die Ohren gehauen werden. Du musst extrem präzise sein, und das war insbesondere zu Beginn im Arbeitsleben als Journalist eine rechte Belastung.» – Konrad, 31

  • Druck, Dinge zu tun, die man nicht will
    «Ich habe auch schon Geschichten gemacht, bei denen ich merkte: Ich kann das nicht wirklich mit mir vereinbaren. Aber es ist vielfach Druck da, liefern zu müssen und gefallen zu wollen. Man ist mega jung und hat einen Chef, der sagt: ‹Bis dann muss ich es haben›.» – Simona, 25

  • Schlechte berufliche Perspektiven
    «Ich habe nicht grosse Hoffnungen, dass ich irgendwann eine Vollzeitstelle finde, wo ich den Journalismus machen kann, für den ich brennen würde.» – Ursina, 27

 


Stress wegen hoher Arbeitsbelastung sehen die Jungen als Problem: «Als wir vergangenes Jahr die Work-Life-Balance und die psychische Belastung durch den Job auf unserem Instagram-Kanal erwähnten, wurden wir von Nachrichten überhäuft. Viele schrieben uns, sie seien froh, dass jemand über diese Themen, über die oft geschwiegen wird, offen spreche», heisst es in der Mitteilung weiter.
 
Seither habe sich der Verein viele Gedanken gemacht, Inhalte produziert und mit den Mitgliedern gesprochen. Entstanden sind Videos, Podcasts und Texte, in denen junge Journalisten erzählen, wie sich der Beruf auf ihre psychische Gesundheit auswirkt.

Schlechter Schlaf, viel Koffein

Mehrere Personen hätten von schlechtem Schlaf, hohem Koffeinkonsum, von vielen Zigaretten und viel Alkohol als Folge der beruflichen Belastungen berichtet. «Wir haben Mitglieder, die unter Dauerstress leiden, sich schlechter konzentrieren können, Angst entwickelten, ein Burnout erlitten, an einer Depression erkrankten. Kurz: Sie verlieren die Freude am Beruf. Und damit verliert der Journalismus langfristig Talente, die ursprünglich mit viel Leidenschaft in den Job eingestiegen sind.»
 
JJS ist der Ansicht, dass die Branche, die auf andere Branchen mit dem Finger zeigt, «endlich auch auf sich selbst schauen muss».
 
«Nicht nur Jammern»

Der Verein stellt gleichzeitig, dass er nicht nur jammern will, sondern auch handeln. Was können Journalisten tun, wenn der Job sie belastet? Wie können sie Arbeit und Freizeit trennen, wie ein Burnout verhindern? Und was unternehmen die Schweizer Medienhäuser konkret, um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen zu unterstützen?
 
Der Verein wird in den nächsten Wochen Inhalte zum Thema Mental Health auf jjs.ch/mental-health publizieren. (pd/eh)



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