Ein satirischer Beitrag des "Tages-Anzeigers" über die geplanten Sonderwohnzohnen in Obwalden für Reiche hat nicht gegen medienethische Richtlinien verstossen. Der Presserat hat eine entsprechende Beschwerde abgelehnt, wie er am Dienstag mitteilte. Constantin Seibt vom "Tages-Anzeiger" hatte am 15. Mai einen satirischen Beitrag über die Absicht Obwaldens geschrieben, Landstücke an besonders attraktiver Lage zu Bauland umzuzonen, um reiche Steuerzahler anzuziehen.
Seibt fragte sich im Artikel, ob diese Massnahme genüge. Für die wirklich Reichen seien Steuernachlässe, Subventionen, Priviliegien und Aufmerksamkeit aller Art tägliche Routine. "Was also wäre das Beste, das jemand geben kann, liebe Obwaldner und Obwaldnerinnen?" fragte Seibt. Um darauf die Antwort zu geben: "Das Beste sind natürlich ... eure Kinder! Frisches Kinderfleisch ist das Zarteste, was auf diesem Planeten zu finden ist."
Und weiter: "Was könnte die bedingungslose Aufrichtigkeit der Obwaldner Bevölkerung gegen vermögende Steuerzahler besser unterstreichen als zarte Obwaldner Kinder, in der eigenen Milch serviert? Oder gedünstet, geröstet oder als Spanferkel?" In den Augen des Beschwerdeführers überschritt der Text die äusserste Toleranzgrenze: "Mit seinem Beitrag verletzt Seibt die Gefühle einer ganzen Kantonsbevölkerung", schrieb er. "Der Inhalt seiner Kolumne ist rassistisch gefärbt, scheut vor Kannabilismus nicht zurück und regt niedrigste und von Perversion geprägte Phantasien an."
Der Presserat wollte hingegen nicht auf die Beschwerde eintreten. Übertreibungen und Verfremdungen seien in der Satire nicht ausgeschlossen. Jedoch müssten die Fakten stimmen, von denen die Satire ausgehe. Dies sei im vorliegenden Beitrag der Fall. Der Kanton Obwalden habe ein äusserst wertvolles Gut - eine landschaftlich reizvolle Lage - zur Diskussion gestellt. Die satirische Übertreibung sei zudem für die Leserschaft ohne weiteres zu erkennen.
Der Beitrag habe beabsichtigt, übertriebenes ökonomisiertes Denken in offensichtlich überzeichneter Weise zu kritisieren. Seibt habe sich dabei offensichtlich an den irischen Satiriker Jonathan Swift angelehnt, der im Jahre 1729 vorgschlagen hatte, gegen die Überbevölkerung irische Babies als Nahrungsmittel und Exportprodukt zu nutzen. (sda)

