20.07.2018

Keystone-SDA

«Keine Stelle ist auf die nächsten hundert Jahre fixiert»

Während 148 Tagen hat es bei der Nachrichtenagentur einen Arbeitskonflikt gegeben. Mittendrin wurde Ueli Eckstein zum neuen Verwaltungsratspräsidenten gewählt. Im ersten grossen Interview seit der Wahl spricht er über Konfliktbewältigung, Kommunikation – und Kunst.
Keystone-SDA: «Keine Stelle ist auf die nächsten hundert Jahre fixiert»
«Der Stellenabbau war eine einschneidende Massnahme – und das kann immer zu Konflikten führen», sagt Ueli Eckstein, neuer Verwaltungsratspräsident von Keystone-SDA. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally)
von Christian Beck

Herr Eckstein, was ist wichtiger: gute Geschäftszahlen oder zufriedene Mitarbeiter?
Weder noch, beides ist mir wichtig. Es gibt kein «wichtiger».

Wie lässt sich beides unter einen Hut bringen?
Das gelingt nicht immer gleich sofort, also innerhalb von ein paar Monaten. Aber längerfristig muss beides stimmen.

Ende April wurden Sie zum neuen Verwaltungsratspräsidenten von Keystone-SDA gewählt, etwa in der Mitte des Arbeitskonflikts (persoenlich.com berichtete). Sie hatten einen turbulenten Start …
Das ist tatsächlich so. Ich muss aber dazu sagen, dass sich mein Vorgänger Hans Heinrich Coninx und Vizepräsident Hanspeter Lebrument bereit erklärt hatten, den Arbeitskonflikt noch zu Ende zu führen. Das ist mir sehr entgegengekommen. Somit war mein Start doch nicht gleich ein Sprung ins kalte Wasser.

«Ich hatte schon vorher Konfliktpotenzial erkannt»

Auslöser des Streiks war ein Interview mit CEO Markus Schwab. Haben Sie damals als Verwaltungsrat das Konfliktpotenzial erkannt?
Ich hatte schon vorher Konfliktpotenzial erkannt. Der Stellenabbau war eine einschneidende Massnahme – und das kann immer zu Konflikten führen. Sicherlich war das Interview an manchen Stellen nicht optimal. Aber ich glaube, dieses hat nur noch in der Öffentlichkeit für Wirbel gesorgt. Intern fing das früher an.

Sie sagen, das Interview sei «nicht so optimal» gewesen. Es führte aber immerhin dazu, dass der externe Kommunikationsberater ausgewechselt wurde. Warum?
Wir haben gemerkt, dass wir handeln müssen. Es kam ein Tipp eines Verwaltungsratskollegen, dass wir doch Iso Rechsteiner anfragen sollen. Das haben wir dann gemacht.

Iso Rechsteiner unterstützte fortan den Verwaltungsrat während des Konflikts in Kommunikationsfragen. Nun wollen Sie aber eine fixe Kommunikationsstelle schaffen. Warum?
Wir sind kein Unternehmen mehr, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit agiert. Wir merkten, dass ein Unternehmen in dieser Art und mit dieser Öffentlichkeit einen Profi innerhalb der Gruppe braucht. Gerade während der Transformationsphase muss jemand im Unternehmen verankert sein. Für einen externen Berater ist das schwierig, er muss sich sämtliche Informationen beschaffen. Zudem ist Kommunikation ja nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen. Ich würde es sogar umgekehrt formulieren: Kommunikation sollte in erster Linie nach innen sein und erst in zweiter Linie nach aussen.

Mitarbeiter fragen sich, warum nicht einer der Chefs die Kommunikation macht. So viel zu kommunizieren gäbe es ohne Streik ja nicht mehr. So könnte man sich eine Journalisten-Stelle mehr leisten.
Für mich ist – im Gegensatz zu anderen – keine Stelle auf die nächsten hundert Jahre fixiert. Aber die nächsten zwei bis fünf Jahre macht eine solche Kommunikationsstelle sicher Sinn.

Wenn keine Stelle langfristig fixiert sein soll: Planen Sie mittelfristig, weitere Stellen abzubauen oder doch wieder aufzustocken?
Die Frage kann man so nicht beantworten.

«Die Kostenstruktur hat sich dem Umsatz anzupassen»

Und weshalb nicht?
Wir müssen zuerst die Strategie des neuen Unternehmens fertig diskutieren. Nach den Sommerferien ist eine Retraite dazu geplant. Generell ist es so: Ein Stellenkontingent respektive die Kostenstruktur hat sich dem Umsatz anzupassen. Für unsere neue Strategie braucht es insbesondere Journalisten, die mithelfen, diese zu realisieren. Was aber in den nächsten zwei, drei Jahren passiert, weiss letztendlich niemand, weder wir noch unsere Kunden. Wir haben etwa 300 Kunden. Wir wissen nicht, wie sich diese in den nächsten paar Jahren entwickeln. Was wir wissen: Bei den Kunden gibt es grosse Einbrüche – und das bekommen auch wir zu spüren.

So geschah es, auch Keystone-SDA hat abgebaut. Ihre Mitarbeiter fragen sich: Wie kann ein Unternehmen mit so wenig Personal noch funktionieren?
Soviel ich höre, funktioniert das Unternehmen. Abgesehen davon sind wir noch mitten im Transformationsprozess.

Was heisst das?
Alte Gewohnheiten aufzugeben und sich neu zu orientieren, neue Arbeitsweisen aufzubauen, das ist immer ein kultureller Wandel. Da kann man nicht einfach sagen: Wir bauen Leute ab, und das Thema ist erledigt. Wir bauen ja nicht nur Leute ab, wir lancieren auch neue Produkte – vom Bewegtbild bis zur Infografik, das ist alles neu. Vielleicht werden wir künftig sogar weniger Texte liefern, weil unsere Kunden, sprich die Medien, das gar nicht mehr verlangen. Wir müssen alles situativ weiterentwickeln. Aber eine Grundidee haben wir: Wir müssen Text, Bild, Bewegtbild und Infografik aus einer Hand anbieten. Das wissen wir. Wir haben ja nicht nur Medien als Kunden, auch Verbände und Behörden wie der Bund sind unsere Kunden. Vielleicht erschliessen sich ja auch bald neue Felder.

Apropos Bund: Was ist eigentlich mit den zwei Millionen Franken, die Ihnen Medienministerin Doris Leuthard zugestehen will – nehmen Sie das Geld?
So einfach ist das nicht. Es kommt auf die Auflagen an. Ich bin der Meinung: Wenn man vom Staat Geld erhält, erhält man gleichzeitig auch Verantwortung beziehungsweise einen Leistungsauftrag. Es muss gut diskutiert werden, was das für uns bedeuten würde. Wir haben das Gesuch eingereicht – wäre ja komisch, wenn wir das nicht gemacht hätten – damit ist aber noch nichts entschieden.

«Mit dieser Lösung bin auch ich zufrieden»

Der Arbeitskonflikt endete nach 148 Tagen mit einem Vergleich. Sind Sie zufrieden mit dem Resultat?
Ich muss den drei Personen, die die Mediation geleitet haben, ein Kränzchen winden. Dass sie Arbeitgeber und Arbeitnehmer dazu brachten, am Schluss Ja zu sagen, ist eine grosse Leistung. Und mit dieser Lösung bin auch ich zufrieden.

Hat es den Streik wirklich gebraucht?
Aus meiner Sicht: Nein.

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Ich erinnere mich an den symbolischen Verhandlungstisch, der in Zürich vor Tamedia aufgestellt wurde. Dazu die Sprechchöre: «Herr Coninx, verhandeln!»…
Der Verwaltungsrat hatte ja das Angebot gemacht, zusammenzusitzen. Aber dafür braucht es zwei Parteien. Wir haben die Hand immer ausgestreckt. Klar hatten wir unsere Standpunkte und unsere Meinung, die sicher zum Teil diametral anders waren als jene der anderen Gruppe. Aber das ist kein Grund, nicht gemeinsam an einen Tisch zu sitzen.

Jetzt kehrt endlich Ruhe ein?
Es ist ruhiger geworden. Aber wir müssen uns nichts vormachen. Der Arbeitskonflikt muss jetzt aufgearbeitet werden, und zwar auf zwei Ebenen. Die eine Ebene ist die rein sachliche, die ist einfacher. Aber: Wir müssen uns wiederfinden, wieder miteinander sprechen, wir müssen einander wieder in die Augen schauen können. Das ist jetzt vor allem die Aufgabe der Führung.

«Ich habe mir eine Tour de Suisse vorgenommen»

Was machen Sie, um das Vertrauen wiederherzustellen?
Ich habe mir vorgenommen, einen Gang durch die Redaktionen in Zürich, Bern und Lausanne zu machen – also eine Tour de Suisse. Ich will alle grossen Redaktionen kennenlernen, Grüezi sagen und mich vorstellen.

Und weiter?
Die Arbeitsgruppen versuchen nun, die Projekte für den Markt weiterzuentwickeln. Hier sollen die Journalistinnen und Journalisten miteinbezogen werden. Durch die Diskussion über Sachthemen findet man wieder einen gemeinsamen Weg. Es wird weiterhin Differenzen geben, aber das ist ja kein Problem. Solange man miteinander über die Differenzen reden kann. Es wäre Sand in die Augen gestreut, nach einer so heftig ausgetragenen, 148-tägigen schwierigen Phase zu glauben, es sei nun alles wieder gut. Wir müssen daran arbeiten – das erwarte ich von allen Beteiligten.

Sie sprechen von neuen Projekten für den Markt. Was kommt da noch?
Hier ist das Problem: Wenn ich zu viel sage, werde ich an diesem Wort gemessen. An der Retraite mit Geschäftsleitung und Verwaltungsrat werden genau solche Fragen durchdiskutiert. Wir haben ja das grosse Glück, dass die österreichische Nachrichtenagentur APA zu uns ins Boot kam. Die APA ist bei den neuen Geschäftsmodellen und den Technologien deutlich weiter als wir. Deshalb haben wir ja auch den Vertrag so gemacht, dass die APA unser Technologielieferant wird. Der geistige Austausch tut gut. Wir haben unsere Schweizer Sicht, die APA liefert die österreichische Sicht. Das finde ich hervorragend.

Dann wird die Retraite in Österreich stattfinden?
(Lacht.) Nein, die findet in Biel statt. Die Österreicher kommen nach Biel.

Die APA lieferte ein gutes Geschäftsjahr 2017 ab. Müssen Sie nun immer nur gute Zahlen liefern, damit die APA als grösster Aktionär zufrieden ist?
Das liegt in der Natur der Sache, dass wir versuchen, gute Zahlen zu liefern. Das hat nichts mit der APA zu tun.

Welche Vision haben Sie mit Keystone-SDA?
Unsere Vision ist, auf den drei Standbeinen Technologie, Verkauf und gutem Journalismus ein Unternehmen zu realisieren, das auch Gewinn machen kann. Aber für das braucht es gute Produkte und Kunden, die diese Produkte auch ästimieren. Wichtig ist mir auch, dass wir die Sprachenvielfalt beibehalten können.

«Ich bin im Unternehmen nicht so beliebt, wenn es um Layouts geht»

Keystone-SDA liefert Fotos, Videos, Texte und Grafiken. Was können Sie persönlich am besten: fotografieren, filmen oder schreiben?
Weder noch. Ich lernte aber mal Schriftsetzer. Daher hatte ich mich vor allem intensiv mit Texten beschäftigt. Ich bin im Unternehmen nicht so beliebt, wenn es um Layouts geht. Da will ich immer ein Wörtchen mitreden (lacht).

Würden Sie sich als Ästhet bezeichnen?
(Überlegt lange.) Das ist eine gefährliche Frage. Ich habe gerne schöne Sachen: Bilder, Musik… Mainstream sagt mir nicht so zu, weder bei Musik, Bildern noch bei Büchern.

Keystone-SDA liefert aber Mainstream-Bilder.
Hoffentlich, das ist ja auch ihr Job.

Und welche Art Bilder hängen bei Ihnen zu Hause?
Zum Beispiel David Byrne, fotografiert von Michel Comte, ein grossartiger Fotograf. Oder eine nummerierte Lithografie von Hans Arp. Es hängt ziemlich viel an den Wänden. Ich mag das.



Ueli Eckstein ist seit Juni 2017 im Verwaltungsrat von Keystone-SDA, seit April 2018 ist der 66-Jährige Verwaltungsratspräsident. Der Ex-Kadermann von Tamedia wurde 2017 pensioniert, hat bei Tamedia jedoch noch Mandate inne.

 



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Kommentare

  • Robert Weingart , 19.07.2018 20:14 Uhr
    Vielen Dank, Herr Eckstein, für Ihre Plattitüden. Wäre es als 66-Jähriger und mit Ihrem bescheidenen Fachwissen nicht besser, in Pension zu gehen als ein solches Unternehmen in einem derart schwierigen Umfeld als VR-Präsident führen zu wollen?
  • Peter Zwissig, 20.07.2018 10:46 Uhr
    Endlich sagts mal einer. Denke auch, dass die alte Garde vielerorts einfach abtreten sollte, statt es noch schlimmer zu machen. Ihr habt es versucht, es hat nicht geklappt, jetzt sind andere dran.

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