Am Kongress der Schweizer Presse noch als "Verleger ohne Gratiszeitung" angekündigt, setzt Michael Ringier nun offensichtlich alles daran, mit seinem Konzern doch noch auf den Zug "Gratiszeitung" aufzuspringen. In Interlaken gab der Verleger bekannt, dass sein Konzern in Tschechien einen Gratistitel plane. Heute nun berichtet der Tages-Anzeiger, dass Ringier auch in der Schweiz ein Pendlerblatt lancieren will.
Noch sei offen, ob das Ringier-Konkurrenzprodukt 20 Minuten direkt angreifen wird, oder ob die neue Pendlerzeitung am Abend erscheine, so der Tages-Anzeiger. Ein entsprechender Entscheid soll jedoch demnächst fallen. Zu den Enthüllungen mochte Ringier keine Stellung nehmen. Zeitungschef Bernhard Weissberg wollte nicht einmal bestätitgen, dass bereits eine Nullnummer gedruckt wurde.
Trotzdem: Bei der SBB sind drei Bewerbungen eingegangen, nachdem die Bahnen ihren Standort zur Aufstellung von Zeitungsboxen neu ausgeschrieben hatten. Dass zu den Bewerbern Ringier gehört, ist gut möglich. Auch wenn man dies bei den SBB gegenüber dem Tages-Anzeiger weder bestätigen noch dementieren wollte.
Doch welche Marktchancen wird einer weiteren Gratiszeitung eingeräumt? Verträgt es überhaupt noch einen weiteren Titel, und wenn ja, mit welchem inhaltlichen Konzept könnte er erfolgreich sein? "persoenlich.com" bat einige Branchenkenner um eine Einschätzung:
Sacha Wigdorovits, Kommunikations- und Medienberater:
"Es wird nicht einfach sein, eine zweite Gratiszeitung neben 20 Minuten zu lancieren. Jedoch ist die Ertragsmarge von 20 Minuten derzeit so hoch, dass auch ein zweiter Titel rentabel sein könnte. Entscheidend wird sein, wie der Titel positioniert wird und ob es ihm gelingt, andere Leserschichten zu erreichen. Tamedia hat 20 Minuten nach der Übernahme sehr tief positioniert, um in erster Linie den Blick und vor allem nicht den Tages-Anzeiger zu konkurrenzieren. Ringier wird deshalb wohl genau das Gegenteil machen: Nämlich eine Zeitung, die eher höher positioniert ist und dadurch den Tages-Anzeiger und die übrigen Regionalzeitungen konkurrenziert.
Ob die Lancierung einer Gratiszeitung am Abend sinnvoll ist, erachte ich als fraglich: Erstens unterscheidet sich die News-Lage nicht sehr vom Morgen: In den Bereichen Sport, Börse Politik und Kultur gibt es kaum mehr zu berichten. Zweitens sind die Leute müde und verspüren weniger Lust auf Hard Facts, zumal sie diese ja noch am Abend am Radio und Fernsehen konsumieren können. Bei 20 Minuten haben wir seinerzeit aus diesem Grund die Idee einer Abendzeitung verworfen. Eine Abendzeitung müsste deshalb auf einem völlig anderen Inhaltskonzept aufbauen. Vorteilhaft ist im Gegenzug, dass es am Abend, wenn die Menschen aus dem Zentrum strömen, weniger Distributionspunkte braucht, als am Morgen. Entsprechend ist der Vertrieb viel günstiger."
Frank Bodin, Chairman & CEO Euro RSCG Group Switzerland
"Unser Kunde 20 Minuten ist sehr erfolgreich. Und wenn ein Unternehmen sehr erfolgreich ist, lässt die Konkurrenz nicht lange auf sich warten. Dass sich die Verlage im Zeitalter der Informationsflut aber neue Wege einfallen lassen müssen, liegt für mich auf der Hand. Wichtig ist dabei, dass man eine neue Geschäftsidee hat. Ein zweites 20 Minuten verträgt der Markt nicht, wie das Beispiel Metropol bereits zeigte. Aber wenn es ein Verlag schafft, aufgrund seines redaktionellen Powers und einer frischen Geschäftsidee ein neues Produkt zu kreieren, hat es durchaus gute Marktchancen."
Daniel Strobel, CEO Publimedia
"Dass das Haus Ringier weiss, wie man gute Printprodukte realisiert, ist ebenso unbestritten, wie dass die Messlatte von 20 Minuten hoch gesetzt ist. Auf die komplexe Frage: 'wie viele Gratiszeitungen verträgt die Schweiz', somit die (zu) einfache Antwort: 'so viele wie der Markt akzeptiert.' Womit wir dann bei der Frage wären, welcher Markt -- geografisch und psychografisch -- gemeint ist und sich von diesem neuen Produkt ansprechen und begeistern lässt. Rein zahlentechnisch betrachtet, verträgt die deutsche (Leser)-Schweiz wohl eine weitere Gratiszeitung und für die Inserenten gäbe es eine zusätzliche Alternative. Wobei die Betonung bei der aktuellen wirtschaftlichen Lage wohl eher auf 'Alternative' liegt denn auf 'zusätzlich'."
Sandro Prezzi, Managing Director Mediaedge:cia
"Verträgt es noch eine Gratiszeitung in der Schweiz? Grundsätzlich belebt Konkurrenz das Geschäft: Kontaktpreise purzeln, kreative Werbeformen, sogar Titelseiten stehen zur Verfügung. Darum: JA -- Ringier go 4 it! Aber es ist eine Frage der Distribution. Falls es Ringier schafft, ihre Gratiszeitung (oder vielleicht à la Romandie einen 'Blick Blau') auch effizient unter die Leute zu bringen, warum nicht. Die Fragen sind, 'welchen Lesern?' oder falls es wiederum die Berufspendler sein sollten 'was kann Ringier besser als 20 Minuten?' Dem Leser, der auch noch ein Rinigerprodukt gratis geniessen darf, wird es wohl recht und billig sein. Dies gilt aber nicht für den Verlag oder wie Michael Ringier selber zum Standard gesagt hat: 'Wir haben grossen Respekt vor Zürich.' Es werde sehr teuer, wenn Ringier in Zürich etwas machen wolle."
Rainer Stadler, Verantwortlich für Medienbeilage der NZZ
"Wo Honigtöpfe stehen, zieht es auch die Bären hin. Es erstaunt nicht, dass der Erfolg von 20 Minuten zu Nachahmungen verlockt. Es erstaunt aber, wie schnell die Meinungen ändern. Die Chancen von 20 Minuten wurden beim Start noch skeptisch beurteilt. Das Konkurrenzblatt Metropol ging schnell in die Knie. Und allein die Drohgebärde von Tamedia, ein neues Gratisblatt zu starten, liess die 20-Minuten-Gründer erstarren. Wer jetzt einsteigt, braucht viel Mut und Geld. Ich wünsche viel Glück. Wenn sich die Gratisblätter gegenseitig zerfleischen, sind hoffentlich die abonnierten Zeitungen die lachenden Dritten."

