Angeschlagene Spitzenpolitiker gefallen sich in diesen Tagen in besonderem Masse, sich als Medienopfer darzustellen. Es ist noch nicht lange her, da witterte der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Bundestagswahlen eine "Verschwörung" auf Seiten der "Medienmacht". Vergangene Woche nun scheint Bundesrat Leuenberger laut NZZ vom selben Virus befallen: Der Medienminister verlieh in einer Rede seiner Abneigung gegenüber der Journalistenzunft Ausdruck. Die Journalisten erzeugten ständig "Medienopfer", die sich nicht wehren könnten, da ja jeder Versuch einer Gegendarstellung sie erst recht zu solchen Opfern mache, so die Klage des Medienministers.
Als das Schlimmste an den Journalisten betrachtet Leuenberger aber "die Beliebigkeit, mit der sie in der jeweiligen Medienströmung mitschwimmen". Als ausgeprägte Beispiele der zu Meinungsumschwüngen tendierenden Medienerzeugnisse hob Leuenberger die Weltwoche hervor und -- man höre und staune -- den Tages-Anzeiger. Dieser sei früher wie die Weltwoche linksliberal positioniert gewesen, mittlerweile aber "praktisch schon auf der Linie der neuen Rechten".
Der Tages-Anzeiger ein Sympathisanten-Blatt von SVP und Konsorten? Verwundert reibt sich der Medienbeobachter die Augen und fragt sich, wie der höchste Medienbeamte des Landes zu solch einem abwegigen Befund kommen kann. Ist es die Macht, die sein Ego dermassen befördert hat, dass er die Realität aus den Augen verloren hat? Oder ist im Gegenteil etwas Wahres dran an seinem Befund? Selbst die NZZ nimmt sein Konkurrenzblatt, den Tages-Anzeiger in den Schutz und mahnt: "Bevor man sich in eine neue Runde medien-ethischer Grübelei stürzt, und über weitere Räte oder Sanktionen nachdenkt, sollte man sich daran erinnern, dass nicht jeder Journalismus, der einem nicht passt, deshalb schon schlechter Journalismus sein muss."
Tages-Anzeiger-Chefredaktor Peter Hartmeier sieht in der Medienschelte Leuenbergers viele Parallelen zu Schröders jüngstem Verhalten gegenüber den Medien, wie er auf Anfrage von "persoenlich.com" erklärt. In beiden Fällen handelt es sich laut Hartmeier um männliche Politiker, die den Zenith überschritten haben und vor einem Neubeginn stehen. Zudem hätten beide Spitzenpolitiker lange Zeit sehr enge Beziehungen zu den Medien unterhalten, um ihre Karrieren beginnen und absichern zu können. Unabhängige Medien würden sich aber nie langfristig instrumentalisieren lassen. "Dies erleben dann vor allem männliche Politiker als Machtverlust und reagieren entsprechend auf die Mechanismen der Pressefreiheit", sagt Hartmeier wörtlich gegenüber "persoenlich.com".
Hartmeier fühlt sich durch Leuenbergers Aussagen nur darin bestärkt, auf der bisherigen Linie -- "kritische Distanz zu allen Regierungsmitgliedern" -- weiterzufahren, "unbesehen davon, ob ein jammernder Bundesrat uns angreift oder nicht." Tatsache sei, dass das Leben eines Chefredaktors zu einem beträchtlichen Teil darin besteht, sich mit berechtigter und unberechtigter Kritik von Politikern des linken und rechten Spektrums zu beschäftigen und sie ernst zu nehmen. Hartmeier erachtet es als schwierig, auf die "Pauschalabrechnung" wie sie Bundesrat Leuenberger gemacht hat, einzugehen, "denn sie zeigt mehr seine Betroffenheit, als dass sie eine rationale Analyse der Medien im Allgemeinen und des Tages-Anzeigers im Besonderen darstellt."

