24.03.2003

"Martin Kall hatte keine andere Wahl"

Am Freitagabend hat die Tamedia ihren Einstieg bei 20 Minuten bekanntgegeben. Der für Montag geplante Start des eigenen Pendlerblatts Express wurde in letzter Minute abgesagt. Das wirft verschiedene Fragen auf: Wie ist die laufend zunehmende Dominanz des Verlagshauses im Zürcher Markt zu bewerten? Büsst die Tamedia durch ihr Versteckspiel an Glaubwürdigkeit ein? Ist dieses Handeln ethisch? "persoenlich.com" befragte den Branchenkenner Karl Lüönd (Bild). Das Interview:
"Martin Kall hatte keine  andere Wahl"

Tamedia übernimmt gemeinsam mit der Berner Zeitung schrittweise 20 Minuten. Wie interpretieren Sie diese Einigung?

Ein Brutaler Schritt der Vernunft. Brutal für die KollegInnen, die es trifft. Aber, vor allem bei kurzfristiger Betrachtungsweise -- Stichwort "Konjunktur" --, kostensparend, und zwar für Tamedia und 20 Minuten.

Tamedia besetzt alle Lokalmedien der grössten Schweizer Stadt. Ist das gut?

Das entsprich dem Trend zur Crossmedia-Plattform. Medienunternehmen verstehen sich schon lange nicht mehr auschliesslich als Printunternehmen, sondern als Vermittler von Nachrichten. So gesehen ist die Strategie logisch. Auffallend ist hingegen, dass die Pendlerzeitung, die ursprünglich dem Medium Zeitung neue Leser aus dem Jugendsegment zuführen sollte, nun zum rein defensiven Instrument zum Schutz des Hauptprodukts geworden ist. Denn das ist im Hinblick auf die Anzeigenpreise der wirkliche Zweck des Einstiegs von Tamedia: Die Bewahrung der Hoheit über die Tarife im regionalen Anzeigenmarkt.

Der Einstieg ist also nicht gut?

Die moralische Komponente dieser Frage stört mich. Es ist längst erwiesen, dass auch unter dem Dach von einem einzigen Verlagshaus verschiedene publizistische Ausrichtungen möglich sind. Und umgekehrt schützt verlegerische Vielfalt nicht vor publizistischer Einfalt. Den Argumenten der Wettbewerbskommission steht hier die Realität des Marktes gegenüber: Die Festkostengrenze wächst -- gerade im Hochlohnland Schweiz. Das kann man nicht gesundbeten.

Tamedia präsentiert sich gerne als Unternehmen mit ethischen Grundsätzen, hat aber in den vergangenen Monaten nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch Kunden und Mitarbeiter an der Nase herumgeführt. Ist das vereinbar?

Das war als riskante Doppelstrategie durchaus vertretbar. Ohne den Druck mit dem Aufbau des Express hätten die Investoren von 20 Minuten doch nicht nachgegeben. Martin Kall hatte keine andere Wahl. -- Die wichtige Frage lautet hier aber, warum Tamedia das nicht schon vor drei Jahren gemacht hat. Es ist doch bekannt, wie man sich als Platzhirsch verhalten soll: sofort jeden Junghirsch vertreiben. Der Vorarlberger Verleger Eugen A. Russ hat das im Januar an der Dreikönigstagung erklärt. Er sagt: Nachdem meinem Produkt sowieso Konkurrenz erwachsen wird, mache ich sie besser gleich selber. Nach diesem Prinzip gründete Russ eine Boulevard- und eine Gratiszeitung und hielt so andere Mitbewerber weitgehend fern.

Dennoch: Das Vorgehen von Tamedia dürfte einen Glaubwürdigkeitsverlust zur Folge haben, der sich auf die Produkte niederschlagen könnte. Wie gross schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit eines solchen Schadens?

Die Wahrscheinlichkeit ist gegeben. Sie wird allerdings gemildert durch die gigantische Vergesslichkeit der Leute. Letztlich haben die Vorgänge einmal mehr bewiesen, dass sich die Verlags- und Medienwelt nicht anders verhält als andere Branchen, sobald es um die Wurst geht.

Tamedia sorgt nicht zum ersten Mal für Stirnerunzeln. Beispielsweise verlief die Entlassung von Philipp Löpfe mit Nebentönen -- Martin Kall nannte sie öffentlich "überfällig". Gleichzeitig leistet sich das Unternehmen einen publizistischen Beirat. Ist dieser letztlich ein Feigenblatt?

Den Beirat habe ich bis jetzt weder als Leser, noch als Journalist wahrgenommen. Im gegebenen Zusammenhang ist er aber sowieso irrelevant. Das heutige Management der Tamedia handelt offensichtlich nach Macchiavellis Grundsatz, wonach die nötigen Grausamkeiten am Anfang zu begehen seien.


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