04.12.2003

"Medard Meier, darf ein Verleger politisch tätig sein?"

Medard Meier (Bild), seit 14 Jahren Chefredaktor der Bilanz, ist per 1. Dezember durch den einstmaligen Facts-Chefredaktor René Lüchinger abgelöst worden. Im Interview mit "persoenlich.com" verrät Meier, wie er seinen Abgang erlebt, was seine nahe Zukunft mit "Avenir Suisse" zu tun hat und wie sich der Journalismus in den letzten 14 Jahren veränderte. Das Interview:
"Medard Meier, darf ein Verleger politisch tätig sein?"

Wie erlebten Sie Ihren Abgang?

Hektisch! Ich habe das definitive Manuskript zum Buch über den Banker Rainer E. Gut nochmals durchlesen müssen -- das äusserst spannende Buch von René Lüchinger und Eric Nolmans ist übrigens soeben erschienen. Weiter galt es, die Jahresendgespräche mit der Redaktion zu Ende zu führen. Dann durfte ich noch eine definitive Anstellung von Markus Schär unterschrieben...

Nachfrage: Aber es muss doch nach 14 Jahren schmerzhaft gewesen sein?

Nach 20 Jahren, wovon fast 14 Jahre als Chefredaktor! Eine gewisse Wehmut ist schon aufgekommen, als mir die Redaktion anlässlich eines tollen Festes im Restaurant "Sogar Theater" eine Sonderedition der Bilanz übergeben hat. In einem solchen Moment spürt man, wie intensiv die Zusammenarbeit gewesen ist und wie viel Herzblut aller Beteiligten im Magazin steckt.

Was waren die Gründe für Ihren Abgang?

Nach einer so langen Periode, wie ich an der Spitze des Magazines gestanden bin, ist die Zeit ganz einfach einmal abgelaufen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Es gab keine Verabschiedung seitens des Verlags in der letzten Nummer...

Ich habe das keinen Moment erwartet, weil die Geschichte mit den neuen Verlegern noch viel zu kurz ist. Zudem wollte ich mich von den vielen Leserinnen und Lesern persönlich verabschieden.

Was ist Ihre künftige Tätigkeit?

Zuerst wollte ich eine Zeit der Freiheit geniessen, wozu mir schon manche gratuliert hatten. Inzwischen ist diese bereits wieder ein wenig eingeschränkt: Ich habe Thomas Held vom Think Tank "Avenir Suisse" eine Mitarbeit von zwei bis drei Tagen pro Woche zugesagt und freue mich bereits an der neuen Arbeit.

Wie sehen Sie die Überlebenschance der Bilanz in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit?

Was heisst da "Überlebenschance"? Die Bilanz leidet zwar wie weltweit praktisch alle Wirtschaftstitel unter einer gewissen Verdrossenheit der Leser nach den Partyjahren der New Economy und des Börsenbooms. Sobald neue Zuversicht Platz greift, werden die Käufer jedoch zurückkommen. Davon bin ich fest überzeugt. Im übrigen ist die Bilanz trotz wirtschaftlicher Krisenjahre kein Zuschussbetrieb. Das zeigt, welche Kraft in der Marke Bilanz steckt.

Was hat der Relaunch gebracht?

Der Relaunch hat das gebracht, was ein sanfter, insbesondere grafischer Relaunch bringen kann: Eine Bestätigung für die Anzeigenkunden, dass der Titel lebendig und auf der Höhe der Zeit ist. Im Lesermarkt gab es ebenfalls eine grosse Zustimmung, wie unsere Erhebungen gezeigt haben. Sprünge nach oben hat niemand erwartet. Was Sie nicht vergessen dürfen: Überall wird an Abos gespart. Ich war jüngst bei einem grossen Konzern eingeladen und habe gesehen, wie geizig selbst internationale Unternehmen geworden sind, wenn es darum geht, Zeitungen und Zeitschriften zu abonnieren. Ein einziges Exemplar des Weltblattes Financial Times geht inzwischen durch die Hände des Präsidenten, des CEOs und der übrigen Konzernleitungsmitglieder, und es dürfte danach noch von einigen anderen "ausgelesen" werden. So hart sind die Zeiten für die Anbieter von Wirtschaftsblättern geworden.

In welche Richtung verändert sich die Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft?

Es wird gewiss zu vermehrter Konzentration und Zusammenarbeit kommen. Insbesondere die grossen Tageszeitungen werden sich noch viel genauer Rechenschaft ablegen müssen, mit welcher Art von Zeitung sie ihre Leserschaft täglich erobern wollen. Ich sehe es an meinem eigenen Leseverhalten, wie die Online-Seiten der grossen Titel bei mir auf dem Vormarsch sind. Auch online bietet inzwischen Lesespass -- ich habe das lange nicht für möglich gehalten.

Der Jean-Frey-Verlag ist wegen seines CEOs und dessen politischen Engagements stark in die Schlagzeilen geraten. Teilen Sie die Meinungen, wonach ein Verleger nicht politisch tätig sein darf?

Nein. Aber die Corporate Governance muss in einem Verlagshaus natürlich noch klarer geregelt sein, als in einem "normalen" Unternehmen.

Wie hat sich der Journalismus in den letzten 14 Jahren verändert?

Er ist deutlich besser geworden -- handwerklich und vom Grundstudium her, welches die Journalisten mitbringen. Die jungen Kollegen kommen generell mit einem viel besser gefüllten Rucksack auf den Arbeitsmark. Allerdings ist die Arbeit auch bedeutend anspruchsvoller geworden: Die Qualitätsansprüche sind gestiegen, der Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser, Zuschauer und Zuhörer hat einen extremen Grad erreicht, und die Welt, die es medial einzufangen gilt, wird täglich komplexer.

Ist der Journalismus in Gefahr?

Solange es verantwortungsbewusste Verleger gibt, ganz gewiss nicht! Ein solcher Verleger hat stets ein grosses Herz für die Journalisten und gleichzeitig einen scharfen Blick auf Erfolgsrechung und Bilanz. Und solange die Aufklärung fortschreitet -- und das tut sie, auch in noch zentral regierten Ländern wie China --, wird es grosse Märkte für Qualitätsjournalismus geben, welche Verleger bei bester Laune halten werden.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen