15.11.2009

"Mein Buch ist unbequem, aber wirtschaftsfreundlich"

Am Montag erscheint im Zürcher Verlag Nagel & Kimche das Buch "Nach der Krise – Gibt es einen anderen Kapitalismus?". Der Autor ist der angesehene Journalist und "persönlich"-Kolumnist Roger de Weck, der mit seinem Werk einmal mehr beweist, dass er zu den wenigen Ex-Chefredaktoren zählt, die wichtige Debatten lancieren können. "persoenlich.com" unterhielt sich mit Roger de Weck über das in Kritik geratene System Kapitalimus, die Rolle der Medien darin und warum er seine Gedanken nicht polemisch ins Feld führt, sondern nüchtern und lösungsorientiert. Das Interview:
"Mein Buch ist unbequem, aber wirtschaftsfreundlich"

Herr de Weck, nach der Lektüre Ihres neuen Buchs "Nach der Krise – Gibt es einen anderen Kapitalismus?" wurde mir bewusst, dass ich von dieser Krise und vom Kapitalismus eigentlich nichts weiss. Geht das nur mir so?

Bewusst habe ich ein Buch geschrieben, das nicht nur Fachleute anspricht. In meiner Umgebung gibt es viele Menschen, die sich stark mit der Krise auseinandersetzen, aber im Grunde bis heute nicht richtig begriffen haben, was los ist. Mein Ziel war es, den Leserinnen und Lesern in Sachen Krise, Marktwirtschaft und Zukunft des Kapitalismus mit einem knappen Band Überblick zu verschaffen und Orientierung zu geben. Orientierung ist das, was in Krisenzeiten am meisten gefragt und am wenigsten angeboten wird.

Also haben die Wenigsten eine Ahnung, in welcher Situation wir uns befinden?

Diese Krise geht uns alle an. Doch selbst die Ökonomen sind überfordert, das gilt erst recht für Nicht-Ökonomen. Mein Buch ist ein Nachdenken über die Grundlagen unseres Systems: nicht bloss die wirtschaftlichen, auch die politischen, gesellschaftlichen Fundamente. Als Liberaler kann man wahrlich nicht begeistert sein über die Art und Weise, wie sich Liberalismus und Marktwirtschaft in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Teile der heutigen Marktwirtschaft sind ungesund. Zum Glück gibt es die zahllosen KMU, die weder die Bodenhaftung noch das Augenmass verloren haben. Das Buch ist eine liberale Kritik der krassen Fehlentwicklungen des Liberalismus.

Was ist die wichtigste Lehre, wenn man Ihr Buch liest?

Nur eine einzige Lehre zu ziehen – das geht nicht, dafür ist das System zu komplex. Eine meiner Hauptbotschaften ist: Diese Krise darf man nicht einfach technokratisch bewältigen. Man muss sich auch grundsätzlich mit dem Kapitalismus, der unser Leben prägt, auseinandersetzen. Der heutige Kapitalismus braucht konstruktive Systemkritik, die bis vor kurzem als "marxistisch“, "68erhaft" oder naiv abgetan wurde. Dabei war in den zurückliegenden Années folles Systemkritik nötiger denn je – just zu einem Zeitpunkt, da sie verpönt war.

Jetzt sind Sie dafür umso kritischer?

Es geht nicht an, milde Bonus-Regeln aufzustellen, höhere Eigenmittel für die Banken zu verlangen, ein paar technische Anpassungen vorzunehmen und dann gleich zur Tagesordnung überzugehen. Wir brauchen eine grundsätzliche Standortbestimmung. Die habe ich mit meinen bescheidenen Mitteln zu Papier zu bringen versucht.

Ich erkenne in Ihrem Buch auch den Appell zu mehr Kooperation.

In der Weltwirtschaft wird das Kooperationsprinzip eines Tages so wichtig wie das Wettbewerbsprinzip. Wenn lebensnotwendige Ressourcen immer knapper werden, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder streiten alle immer heftiger, um sich diese überlebensnotwendigen Ressourcen anzueignen, und am Schluss wird nach dem Wasser auch noch die Luft privatisiert. Das ist dann nicht mehr Wettbewerb, sondern es artet rasch in Kriege aus. Oder aber man kooperiert. Erfreulich ist die derzeitige, überwiegende Tendenz zur Kooperation. Die G20 ist – bei all ihren Mängeln – Sinnbild des Willens zur Kooperation. Und das ist mir weit lieber als Konflikte.

Ich war nach der Lektüre frustriert, als ich erkannte, was in unserer Wirtschaft tatsächlich los ist. Ging es Ihnen beim Schreiben genauso?

In der Tat sind unerlässliche, grundsätzliche Reformen langwierig und anspruchsvoll. Auch haben die Marktmächtigen wenig Interesse daran, denn Sie profitieren vom bisherigen System. Heute muss man den Kapitalismus vor den Kapitalisten retten. Ich zeige ein paar Spuren auf, wie ein neuer Kapitalismus aufkommen könnte. Den kann und soll man nicht am Reissbrett entwerfen; es geht darum, das System wesentlich weiterzuentwickeln. Ich bin illusionslos, aber zuversichtlich.

Während andere Autoren die Kapitalismuskritik polemisch führen, gehen Sie nüchtern und lösungsorientiert ans Werk.

Es ist die durch und durch konstruktive Kritik eines Liberalen. Mein Buch ist unbequem, aber wirtschaftsfreundlich. In der Krise gibt es zwei törichte Haltungen, nämlich Wirtschaftsfeindlichkeit und Staatsfeindlichkeit. Beide weisen nicht in die Zukunft. Jetzt erst recht geht es um ein gutes Zusammenspiel von Wirtschaft und Staat.

Wie wird die Wirtschaftselite über Ihr Buch urteilen?

Ich lasse mich überraschen. Und würde mich auf Debatten freuen.

Im "Magazin" sind Auszüge erschienen. Wie waren die Reaktionen?

Ich habe viel Zustimmung erfahren von Leserinnen und Lesern, die sagten: Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, jetzt habe ich langsam das Gefühl zu verstehen, was gelaufen ist und wohin es gehen könnte. Ein schönes Echo, auch von der Wirtschaft. Es gab natürlich einzelne Polemiker, die weniger meine Argumente widerlegen als vielmehr meine Person disqualifizieren wollten.

Sie kritisieren im Buch auch die Medien, weil sie ihren Beobachtungsauftrag nicht wahrgenommen hätten.

Ein Teil der Massenmedien spielte in der Tat vor der Krise nicht die Rolle des unbequemen, kritischen Beobachters. Einige Medien haben in den verrückten Jahren das Fieber angeheizt, statt nüchtern zu bleiben und die Erwartungen zu dämpfen. Der Managerkult ging viel zu weit, und die Faszination vor den Wirtschaftsmächtigen und vor dem faulen Zauber der Börse hat manche irregeleitet. Die Krise ist durchaus auch eine Aufforderung an die Massenmedien, wieder kritischer zu werden.

Haben die Medien versagt?

Ein Teil der Medien war liebedienerisch, so wie die Aufsichtsbehörden nicht unabhängig genug waren. Die fünfte Gewalt – also die Medien – verstand sich nicht mehr durchwegs als stolze Gegenmacht zur ungebändigten Übermacht der Wirtschaft.

Ich frage mich, ob Medien einen Platz im Kapitalismus haben.

Es ist ihre Raison d'être, eine kritische Gegenmacht zu bilden. Sie sind nicht bloss dazu da, Konsumenten zu bedienen, sondern stolze Bürgerinnen und Bürger anzusprechen. Vor allem ist seit eh und je der Auftrag der Medien, den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Deshalb wurde die Pressefreiheit eingerichtet. Die Presse muss für die Hochmögenden – und die sind heute oft Wirtschaftsführer – ein unbequemer Spiegel sein.

Was selten der Fall war.

Stehen Mächtige unter kritischer Beobachtung, verhalten sie sich – manchmal – klüger. Nicht immer.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie ein kritisches Buch veröffentlichen. Mit "Der Fall Chiasso" recherchierten Sie als 23jähriger einen Finanzskandal bei der Grossbank Credit Suisse. Erzählen Sie.

Als Volontär veröffentlichte ich diesen Band, mit Max Mabillard, meinem Chef bei der „Tribune de Genève“. Als der Riesenskandal bei der damaligen Schweizerischen Kreditanstalt ausbrach, stellte uns der Chefredaktor drei Monate frei, um den Fall zu erhellen. Es waren in der Schweiz die ersten Gehversuche in Sachen Investigativjournalismus. Die Recherche erschien erst als Serie in der „Tribune de Genève“, später als Buch. Wir verkauften 100'000 Exemplare. Ich war mit 23 also Mitautor eines Bestsellers. Damit ich die Bodenhaftung nicht verlöre, versetzte mich der Chefredaktor daraufhin für ein halbes Jahr ins Nachrichtensekretariat, wo ich nur noch Routine-Arbeit zu erledigen hatte.

Wie war das für Sie rückblickend?

Das war sehr langweilig und sehr gesund, damit mir der Erfolg nicht in den Kopf stieg. Ich hatte zwar keine Freude, auf diese Weise geerdet zu werden. Im Nachhinein bin ich dem Chefredaktor Georges-Henri Martin aber dankbar.

Ihr Buch beweist wieder, Herr de Weck, dass Sie zu den wenigen Ex-Chefredaktoren zählen, die Debatten lancieren können. Wie würden Sie die Marke de Weck definieren?

Ich bin keine Marke, ich bin Roger de Weck.

Genauer.

Nein nein, das ist meine Antwort. Seit 34 Jahren bin ich mit grossem Vergnügen und Leidenschaft Journalist.

Wann erscheint Ihr nächstes Buch?

In zwei oder drei Jahren dürfte ein nächstes folgen. Worüber – da wälze ich die eine oder andere Idee. Erst einmal freue ich mich, diesmal wieder mit Nagel & Kimche zusammenzuarbeiten: Bei diesem Zürcher Verlag habe ich ja 2004, zusammen mit dem FAZ-Korrespondenten Jürg Altwegg, das Buch "Kuhschweizer und Sauschwaben" über die Hassliebe der Deutschschweizer zu den Deutschen herausgegeben.

(Interview: Christian Lüscher)

Roger de Weck, "Nach der Krise – Gibt es einen anderen Kapitalismus?", Verlag Nagel & Kimche, Zürich und München, 112 Seiten


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