30.07.2017

Sonntagszeitung

Mercedes-Werbung auf der ganzen Front

Ein Inserat statt journalistischer Inhalte: Auf der Frontseite der SoZ prangt auf schwarzem Hintergrund das Wort «Nichts.». Die Auflösung folgt auf der nächsten Seite: Es wird für die S-Klasse des deutschen Autoherstellers geworben. Tamedia betont auf Anfrage, die redaktionelle Berichterstattung über Mercedes sei komplett unabhängig erfolgt.
Sonntagszeitung: Mercedes-Werbung auf der ganzen Front
Die Frontseite der «Sonntagszeitung» vom 30. Juli 2017. (Bilder: Tim Frei)

Auf der Frontseite der «Sonntagszeitung» vom 30. Juli sind für einmal nicht Artikel zu finden sondern ein Mercedes-Inserat. Auf der Seite zwei folgt sogleich eine Anzeige des deutschen Autoherstellers für dessen S-Klasse. Erst auf der dritten Seite kommt die eigentliche Titelseite mit journalistischen Inhalten. Auf der Frontseite der Westschweizer Sonntagszeitung «Le Matin Dimanche», die wie die SoZ der Tamedia gehört, prangte dieselbe Mercedes-Anzeige mit dem Wort «Rien.» (siehe Tweet).


«Die Sonderwerbeform wurde Mercedes exklusiv in der ‹Sonntagszeitung› und in «Le Matin Dimanche» zur Lancierung der neuen S-Klasse angeboten», erklärt Tamedia-Sprecherin Nicole Bänninger auf Anfrage von persoenlich.com. «Die redaktionelle Berichterstattung zur S-Klasse von Mercedes erfolgte komplett unabhängig», ergänzt Bänninger. Tamedia würde stets grossen Wert auf die Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten legen.

In der «NZZ am Sonntag» vom gleichen Tag gibt es dasselbe Inserat ebenfalls auf der zweiten Zeitungsseite – die Frontseite ist allerdings nicht betroffen. Erst im letzten Oktober hatte die «Neue Zürcher Zeitung», welche wie die NZZaS von der NZZ-Mediengruppe herausgegeben wird, ein Porsche-Inserat auf ihre Frontseite platziert. Dies hatte im Nachgang für heftige Kritik gesorgt – ein Werber betonte beispielsweise, dass die Marke dadurch langfristig kaputt gehe (persoenlich.com berichtete).

Nebst dem Mercedes-Inserat auf den ersten zwei Seiten folgt im letzten Bund der «Sonntagszeitung» auf Seite 62 ein Artikel über die S-Klasse des Autoherstellers.

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Ausserdem: Im Wirtschaftsressort der SoZ gibt es einen Bericht über den Tesla-Chef Elon Musk. Darin heisst es: «Teslas ‹Model S› wurde in diesen beiden Jahren öfter verkauft als die Konkurrenzfahrzeuge von Mercedes, Porsche, Audi und BMW zusammen». Anders im Mercedes-Arikel: Dort steht, dass der Audi A8, der BMW 7er und der Jaguar XJ die Konkurrenten der S-Klasse seien. Vom Tesla keine Rede.

«Artikel haben nichts miteinander zu tun»

«Diese beiden Artikel wurden völlig losgelöst voneinander geschrieben und haben überhaupt nichts miteinander zu tun», erklärt Bänninger gegenüber persoenlich.com. Beim Autor des Artikels über Elon Musk würde es sich im Übrigen um einen externen Journalisten handeln, der als Korrespondent in New York arbeite. 


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KOMMENTARE

Moritz Lang
02.08.2017 14:42 Uhr
Dieter Widmer meint: "Die Zeitungen kämpfen ums Überleben." - Bei Tamedia, dem Verlagshaus der "Sonntagszeitung" sieht das Überleben so aus: 2015 erwirtschaftete der Konzern einen Reingewinn von 334 Mio. CHF, CEO Christoph Tognini erhielt einen Bonus von 6 Mio. CHF. Im letzten Jahr betrug der Reingewinn 122 Mio. CHF.
Kurt Mühlemann
01.08.2017 18:23 Uhr
Das Milieu rund um die Zürcher Werdstrasse ist offenbar ansteckend. Jetzt prostituieren sich bereits die Zeitungen. Das hätte es unter dem alten Otto Coninx nicht gegeben!
Robert Weingart
01.08.2017 12:41 Uhr
Bedenklich. Die endgültige Kapitulation vor dem schnöden Mammon. Branchensituation hin oder her: Es sollte doch irgendwo noch eine "rote Linie" geben, die man nicht überschreitet.
Robert Holzer
31.07.2017 18:04 Uhr
Tages-Anzeiger: "Nichts verpassen". Und selbstverständlich ist die redaktionelle Berichterstattung zur S-Klasse von Mercedes erwartungsgemäss komplett unabhängig. Wenigstens solange die Kasse für Verleger, Besitzer usw. stimmt.
Armin Keusch-Walter
31.07.2017 17:19 Uhr
@ Herren Lehmann + Widmer: Ich b i n ein Leser, lieber Herr Lehmann, und ich brauche auch nicht erst aufzuwachen (nicht einmal auf Englisch). Aber wenn sich Zeitungen mit "Branded Content" (der Ausdruck macht die Sache nicht schöner) weiterhin prostituieren, bin ich bald kein Leser mehr. So gräbt sich Print sein eigenes Grab. Ein "Überlebenskampf", Herr Widmer, sieht anders aus: Bei Tamedia scheffeln die Eigentümer jedenfalls - mit und ohne Sparkurs - noch immer Millionen.
Nico Herger
31.07.2017 17:19 Uhr
Die Zielgruppe dieser links"liberalen" Blätter ist somit klar. Vermutlich hats noch einen bedeutenden Anteil Energiewender darunter.
Dieter Widmer
31.07.2017 09:36 Uhr
Wer bereit ist, für die Sonntagszeitung pro Jahr 1'000 Franken zu bezahlen, der darf jetzt reklamieren. Alle andern nicht. Die Zeitungen kämpfen ums Überleben. Die Doppelseite Mercedes ist klar als Inserat deklariert.
Andy Lehmann
31.07.2017 09:00 Uhr
Wake up, liebe Branche und überlasst die Beurteilung doch den Lesern. Diese sind nämlich ziemlich erwachsen und können über Glaubwürdigkeit selber entscheiden! Werbung und Branded Content gehören zum aktuellen Verleger-Leben, sonst müsst Ihr Eure Löhne bald selber bezahlen...
Rudolf Peterhans
30.07.2017 17:43 Uhr
Die Seite schaut aus wie die Familiengruft des Verleger-Clans.
Josef Kaltenböck
30.07.2017 17:37 Uhr
Schade. Vor lauter Druckerschwärze kann man das Blatt nicht einmal mehr als Klopapier benutzen.
Walter Krauer
30.07.2017 13:02 Uhr
Aha, Werbung. Und ich dachte "Nichts" sei die ehrliche journalistische Antwort auf eine andere Frage: "Wie viel ist der Soz ihre Glaubwürdigkeit wert?"
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