Walter Stutzer war schon viele Jahre pensioniert, als ich ihn kennen lernte. Er war wie ich Mitglied der publizistischen Kommission des damaligen Verlegers Hans Heinrich Coninx. Selbstverständlich begegnete ich Walter Stutzer mit grossem Respekt -- schliesslich wusste ich als damaliger Leiter der Unternehmenskommunikation, dass er in den sechziger und siebziger Jahren den Erfolg des Tages-Anzeigers begründet hatte. Er entwickelte aus der "Hausfrauen-Zeitung", wie sie angeblich damals spöttisch genannt wurde, eine "richtige"ernsthafte Zeitung mit profilierten Kommentaren, Recherchen und Porträts. Vor allem prägte er den Begriff "Forumszeitung" und stellte damit die Parteizeitungen in den Schatten.
Bereits während der ersten Begegnung sprach ich ihn auf die damalige Zeit an. Ich vergesse seine Antwort nie mehr: "Man darf diese Leistung nicht überschätzen, ich war einfach in der bestmöglichen Zeit Chefredaktor des Tages-Anzeigers." Diese Worte bestimmten über all die Jahre hinweg mein Bild dieses für den Tagi massgebenden Mannes: In einer unserer bisweilen lauten, von Egozentrik und Selbstbewusstsein überbordenden Branche, lernte ich da einen Menschen kennen, dessen Liebenswürdigkeit, Charme und Schalk seinen Charakter bestimmten. Zudem merkte man bald wie sehr ein gesprochenes oder geschriebenes Wort bei ihm schlicht und einfach wahr war.
Schliesslich zeichnete sich Walter Stutzer zeichnete sich aber noch durch eine andere Fähigkeit aus: Die Fähigkeit zu Integration und Motivation. Fröhliche Menschen arbeiten bekanntlich mit nachhaltigerem Erfolg als griesgrämige. Walter Stutzer und sein Führungsstil beweisen diese These. Diese Fähigkeit zeigte er auch als pensionierter Chefredaktor. Während meiner Zeit beim Tages-Anzeiger rief er mich ein- oder zweimal pro Jahr an -- keinesfalls mit einer Besserwisser-- Attitüde, sondern immer als motivierender Kollege.
Walter Stutzer hat einen Grundstein des Tages-Anzeigers gelegt -- das werden in diesen Tagen seine damaligen Wegbegleiter viel berufener als ich darlegen können. Was mir in Erinnerung bleibt, ist seine Vorbildfunktion, wenn es um Charakter, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit geht. So erstaunte es nicht, dass er seine Leistung für den Tages-Anzeiger relativierte, wenn man ihn darauf ansprach. Vielmehr fühlte er sich als ein Glied in einer möglichst langen Kette -- nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Peter Hartmeier, VR-Präsident Huber & Co. AG /Verleger Thurgauer Zeitung Chefredaktor des Tages-Anzeigers 2002-2009

