08.03.2010

Internet-Entzug

Online-Junkies entdecken Vorzüge der Zeitung neu

"Slow Media Diet" ist im Trend.

Anfang Jahr trat der New Yorker Online-Filmemacher Kirby Ferguson eine sogenannte "Mediendiät" an. Die Herausforderung: Ein Monat ohne Surfen im Internet, Twitter, Youtube und Co. Weiter erlaubt war nur das Konsumieren von Slow Media wie Zeitungen, Bücher, Radio und Podcast. Nach vier Tagen schrieb Ferguson im erlaubten Zwischenbericht, dass die digitale Fastenkur schwer durchzuhalten sei. Und doch bemerkte er gemäss der "Berliner Zeitung" auch erste Heilwirkungen: Die Tage schienen länger und er fühlte sich produktiver.

Sein Resümee nach einem Monat: "Ich glaube nicht, dass ich das Internet wieder nutzen werde, wie zuvor. Mit dem Twittern werde ich wohl ganz aufhören. Das war sowieso nichts für mich." Kirby Fergusons "Slow Media Diet" habe ungezählte Nachahmer gefunden, wie die "Berliner Zeitung" weiter schreibt. Weltweit setzten derzeit Vollblut-Blogger und Internetjunkies auf digitale Enthaltsamkeit, weil die tägliche Flut an E-Mails, Twitter-Meldungen und Facebook-Nachrichten ihre Konzentrationsfähigkeit lähme und weil die ständige Erreichbarkeit durch Freunde nerve. Einige löschen gar sämtlichen Konten bei Social Networks oder überlassen das speziellen Dienstleistern wie suicidemachine.org.

Mit der Web-Karenz geht gemäss dem Zeitungsbericht die Wiederentdeckung klassischer Medien einher. Die Internet-Asketen loben die konzentrationssteigernde Wirkung von Büchern, Hörspielen und Zeitungen und geniessen die Fähigkeit, aufmerksam eine Sache zu tun statt viele Dinge gleichzeitig. Manche wollen in der Rückbesinnungswelle einen Trend erkennen, andere sprechen bereits von einer "Slow-Media-Bewegung". In Deutschland hat die Slow-Media-Community inzwischen ein Manifest hervorgebracht. Das 14-Punkte-Pamphlet einer Gruppe um den Münchener Soziologen Benedikt Köhler ist auf der Internetseite slow-media.net zu finden.


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