Sind das nun die grossen, lange erwarteten Kostensenkungesmassnahmen? Immerhin weist der Tages-Anzeiger im ersten Semester ein Anzeigenminus von 30 Mio. Franken aus, gespart werden nun gerade mal 8 Mio. Damit kommt man doch nicht aus der roten Zahlen!
Von roten Zahlen kann man auch nicht sprechen. Zudem ist Sparen hier nicht unser primäres Ziel, sondern ein Nebeneffekt. Vielmehr haben sich Ressortleiter, Blattmacher, stellvertretende Chefredaktoren und ich in einem mehrmonatigen Prozess die Frage gestellt, welche Art von Tages-Anzeiger wir in Zukunft machen müssen. Denn das Blatt muss einerseits attraktiv sein für die Leserschaft im und ausserhalb vom Millionen-Zürich. Andererseits soll es aber auch den betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung tragen. Wobei wir nicht damit rechnen, je wieder die Erträge der Vergangenheit zu erreichen.
Auch der Personalabbau hält sich -- bei allem Mitgefühl mit den Betroffenen -- im Branchenvergleich in Grenzen. Zumal Ihre Redaktion auch von intimen Kennern immer wieder als "gut dotiert" bezeichnet wird. Wann kommt die nächste Welle?
Ich kenne die Urteile, wonach die Tagi-Redaktion zu gross und zu träge sei, und es gibt Stimmen, welche ihr Bequenlichkeit unterstellen. Aus diesem Grund haben wir auch ein Benchmarking mit Zeitungen verschiedenster Grösse durchgeführt, welches uns bisher ungekannte quantitative und qualitative Vergleiche ermöglicht hat. Auf dieser Basis wurde auch unser Budget für das kommende Jahr erstellt. Ich gebe gerne zu, dass es in jeder grossen Organisation träge Elemente und komplizierte Abläufe gibt -- so auch bei der Tamedia und beim Tages-Anzeiger. Diesen Schwächen sind wir jetzt aber auf die Spur gekommen und merzen sie aus. Vor allem aber haben wir im Vergleich festgestellt: In dieser Redaktion wird grossmehrheitlich hart und einfallsreich gearbeitet.
Der Hauptgrund für das gewählte Ausmass an Abbau liegt aber woanders: Wenn wir als Tageszeitung sagen, dass unser Geschäft in diesem Land eine Zukunft hat; wenn wir zudem im Millionen-Zürich erfolgreich sein wollen; und wenn das Blatt darüber hinaus für Zusammenarbeitsmodelle mit anderen Redaktionen und Verlagshäusernn offen sein soll; dann müssen wir unsere journalistische Infrastruktur weiterentwickeln. Man muss sich bewusst sein, dass ein Abbau nicht nur dem Tages-Anzeiger, sondern der gesamten Gattung in der Schweiz schaden würde. So ist der Tagi neben der Neuen Zürcher Zeitung die einzige Tageszeitung, die ein eigenständiges weltweites Korrespondentennetz hat. Und wir haben uns bewusst entschieden, es beizubehalten, auch wenn Korrespondenten die höchsten Infrastrukturkosten nach sich ziehen. Das Magazin des Tages-Anzeiger wiederum hat in seiner ganzen Geschichte noch nie schwarze Zahlen geschrieben. Dafür hat es in diesem Land ein einmaliges Stück Journalismus-Geschichte geschrieben und ist zudem ein entscheidender Konkurrenzvorteil bei der Weiterentwicklung. Einstellen per se kann da kein Konzept sein, vielmehr gilt es, eine betriebswirtschaftliche Basis zu finden, auf der sich das Produkt weiterentwickeln kann. -- Angesichts solcher Entscheide ist es völlig unwichtig, ob das Gerücht, einzelne Mitarbeiter seien faul, kolportiert wird oder nicht.
So stehen Sie jetzt also vor dem Problem, mit weniger Leuten den gleichen Zeitungsumfang bei gleichbleibender Qualität zu bewältigen?
Das ist tatsächlich eine der schwierigsten Diskussionen mit der Redaktion. Hier musste ich gemeinsam mit meiner Führungsmannschaft die Botschaft vermitteln, dass wir, wie viele andere Branchen auch, gezwungen sind, mit weniger Mitteln mehrheitlich eine grössere Leistung zu vollbringen. Wer das nicht will oder kann, der hat in dieser Zeiten im Journalismus einen schweren Stand.
Bei der BaZ wollten ursprünglich Verleger und Unternehmensleitung bestimmen, welche Redaktionsmitarbeiter entlassen werden. Wie sieht das beim Tagi aus?
Wir legen der Redaktion noch heute auf deren Wunsch hin alle unsere Entscheidungsprozesse offen. Aus diesem Grund werden ebenfalls schon heute alle Kollegen und Kolleginnen informiert, denen wir nach Ablauf der Konsultationsfrist kündigen wollen, die regulär oder frühzeitig pensioniert werden, oder die ein gekürztes Pensum mit Lohneinbussen erhalten. Danach läuft eine Frist von einer Woche, während der die Redaktion eigene Vorschläge einbringen kann. Dann analysieren CEO Martin Kall und ich gemeinsam alle Eingaben und vergleichen sie mit unserem Konzept. Und anschliessend entscheiden wir dann. -- Die Auswahl der Betroffenen liegt also letztlich bei Unternehmensleitung und Chefredaktion, wobei alle Entscheide von den Ressortleitern mitbestimmt werden. Hier sehe ich auch einen entscheidenden Unterschied zu anderen Unternehmen: Wir ziehen ganz verschiedene Hierarchie-Stufen zu Rate.
Die Entlassungen sollen "entlang der publizistisch festgelegten Prioritäten" vorgenommen werden. Welche Ressorts sind wie stark betroffen?
Besonders stark trifft es Sport, Kultur sowie die Themen des einstigen sechsten Bundes.
Warum muss Kultur-Chef Hans-Peter von Däniken gehen?
Die Kultur erhält im Tages-Anzeiger in Zukunft eine Seite weniger und auch ein kleineres Budget -- das aber neben der NZZ immer noch das grösste der Schweiz ist. Dieser Neuanfang verlangt nach einem neuen Konzept. Diese Aufgabe wollte ich Claudia Kühner übergeben, weil ich ihr diese konzeptionelle Aufagbe und die Durchsetzungsfähigkeit zutraue.
Warum hat der Verwaltungsrat Peter Haerles Konzept für den "Blauen Bund" nicht abgesegnet?
Zu dieser Frage musster der VR gar keine Stellung nehmen. Man muss nämlich unterscheiden: Es gibt den täglich hergestellten "Blauen Bund", welcher Stadt und Region Zürich umfasst sowie Winterthur und unter der Leitung von Peter Haerle steht. Dieser Bund verfügt über ein fertig definiertes Konzept, Veränderung werden seit Wochen laufend umgesetzt. Daniela Decurtins wiederum hat gestern einen ganz anderen Auftrag übernommen: Losgelöst vom neu konzeptionierten "Blauen Bund" betreut sie ein Projekt, bei dem es um unser Wachstum im Millionen-Zürich geht. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
Wann dürfen wir denn die erste Kooperation des Tages-Anzeigers mit einer Regionalzeitung erwarten?
Wir müssen erst einmal zu arbeiten beginnen. Es bestehen hier verschiedenste Möglichkeiten, die Daniela Decurtins ausarbeitet.
Noch eine Frage nebenbei: Strebt die Tamedia eine Dekotierung an? Immerhin könnte die gestrige Publikation vermutlich börsenrelevanter Informationen vor Handelsschluss das Reglement der SWX verletzen.
Da bin ich die falsche Ansprechsperson.

